Gedanke Nr. 50
Vom Umgang mit störenden Gedanken
„Seit Wochen schon plage ich mich mit dem Gedanken, dass mein Projekt schief gehen könnte. Ich arbeite wie ein Pferd, aber ständig ist da so ein ungutes Gefühl und die Sorge, dass es nicht klappt. Was soll ich nur tun?"
Sabine war ziemlich verzweifelt. Von morgens bis abends ging ihr ihr Projekt durch den Kopf und immer war da diese innere Stimme, die sagte: Was, wenn es schief geht? Was, wenn du es nicht schaffst ...?
Wer kennt eine solche Situation nicht? Die Gedanken drehen sich wie ein Karussell, oft zu schnell, zu lang und immer wieder von unangenehmer Musik begleitet, mit noch viel unangenehmeren Texten.
Und wir, was tun wir?
Meistens hören wir dieser Musik zu, steigen ein ins Karussell, fahren stundenlang - nächtelang - und beschweren uns dann, dass wir uns nicht wohl fühlen. Und zu allem Überfluss sind wir noch davon überzeugt, dass wir eigentlich gar nichts dagegen tun können.
Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht lautet: Wir sind einem Irrtum aufgesessen. Natürlich können wir etwas tun - wir brauchen doch nur das Karussell anzuhalten.
Doch wie? In der Regel haben wir das Gefühl, nein, sind wir davon überzeugt, dass wir gegen unsere Gedanken nichts tun können. Sie kommen einfach so, ungebeten und ständig. Schier ohne Unterlass schießen uns Gedanken in Form von Vorstellungen, Ideen, Sorgen, Dialogen etc. durch den Kopf, denen wir uns hilflos ausgeliefert fühlen. Ein Gedankenkarussell eben, und der Karussellführer sitzt gut versteckt in unserem Unterbewusstsein und entzieht sich unserem Einfluss.
Glauben wir - doch ganz so stimmt das nicht.
Ja, vielleicht ist es tatsächlich so, vielleicht kommen die Gedanken, mehr oder weniger ohne unsere Kontrolle, doch wir können immer, wirklich immer entscheiden, ob wir diesen Gedanken folgen oder nicht. Hören wir der Geschichte, die unsere Gedanken uns erzählen, zu, halten wir sie vielleicht sogar für wahr (was meistens der Fall ist) oder entschließen wir uns, einfach nicht hinzuhören. Lassen wir die Geschichte Geschichte sein und erkennen wir, dass es eben nur das ist: eine Geschichte, die keinen Anspruch auf Wahrheit hat?
Sabine tat sich schwer damit. Die Vorstellung, dass ihr Projekt scheitern könnte, hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt und beschäftigte sie permanent. Und das, obwohl alles gut lief und der Erfolg für jeden Außenstehenden schon sichtbar war. Nur war in Sabines Kopfkarussell für diese Sichtweise kein Platz. Da waren alle Sitze besetzt von der Vorstellung des Scheiterns. Das Dumme war nur, dass diese Vorstellung nichts Konstruktives zur Projektbearbeitung beitragen konnte. Das Einzige, was sie erreichte und zwar gründlich, war ein schlechtes Gefühl und Stress.
Im Sinne von weniger Stress und mehr Wohlbefinden ging es also darum, das Karussell anzuhalten und die Vorstellung von Scheitern rauszuschmeißen.
Aber wie?
Zum Glück ist es leichter als gedacht. Es braucht nur zwei kleine Schritte.
Als erstes machen wir uns bewusst, dass die Geschichte, die uns unser Verstand erzählt, immer die gleiche ist. 90 bis 95 Prozent unserer Gedanken sind alt. Sie wiederholen sich ständig. Das ist in etwas so, als würden wir mehrmals täglich die gleiche Folge der Lindenstraße sehen - und das über Wochen und Monate. Kein normaler Mensch tut so etwas ...
Wenn wir also genau hinsehen, dann werden wir erkennen: Oh ja, die Idee, dass mein Projekt scheitern könnte, kenne ich schon. Die hatte ich schon heute Morgen und gestern und vorgestern. Und auch schon letzte Woche und schon davor und davor. Und heute wieder - wie langweilig. Und gleichzeitig gibt es noch jede Menge anderer Ideen, die auch schon seit Tagen und Wochen durch meinen Kopf gehen. Genauso penetrant und unzensiert. Genauso langweilig. Jetzt gebe ich meiner „Dieses-Projekt-könnte-scheitern-Idee" eine Nummer. Sagen wir Nummer 50. (Die anderen, sich ständig wiederholenden Gedanken bekommen eine jeweils andere Nummer.)
Und wenn die Idee dann wieder kommt, sage ich mir: Ach ja, Nr. 50, du mal wieder. Danach fällt es leichter, zur Tagesordnung überzugehen. Der „Trick" ist, dass in dem Moment, in dem ich eine Nummer vergebe, der Inhalt der Idee, das Scheitern des Projektes nämlich, nicht präsent ist. Die „Nummer 50" ist wertneutral und damit weder belastend noch bedrohlich. Und wo keine Bedrohung, da kein Stress.
So vermeide ich, dass ich meinen negativen Gedanken und Geschichten eine Bedeutung gebe, die ihnen gar nicht zukommt.
Mit anderen Worten: Da sitzt kein unliebsamer Gast mehr im Karussell und ohne Fahrgast hält es an.
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