Wie Sie sich mehr Lust aufs Schreiben machen
Werden Sie emotional
Gelegentlich wirft mein ordnungsliebender Mann einen kritischen Blick auf einen Stapel alter Schuhkartons auf unserem Bücherregal und sagt sinngemäß etwa: „Schatz, wann verschwinden die eigentlich?" Er sagt das in diesem flötenden Tonfall, der in Asterix-Comics immer von Blümchen umrankt ist. Sie wissen bestimmt, welchen Tonfall ich meine.
Ich lächle ihn an - die üppigen Blumenranken, die meine Worte umwinden, sind mindestens so lieblich wie seine - und sage: „Nie, Liebling."
Denn in den alten Schuhkartons lagern alte Briefe: Briefe von Schul- und Studienfreunden, Briefe meines Bruders, Postkarten meiner Schwestern und auch eine Handvoll Briefe ehemaliger Liebschaften. So ehemalig, dass man sich noch Briefe schrieb und keine E-Mails, es ist also wirklich lange her. Aber mit alten Briefen verhält es sich wie mit alten Flaschen Wein eines guten Jahrgangs. Über die Jahre verlieren sie nicht an Geschmack, sondern gewinnen an Wert.
Warum ich das schreibe? Weil wir Mitte Dezember haben und das traditionellerweise die Zeit ist, in der man alles Erhaltenswerte des vergangenen Jahres in alte Schuhkartons stopft?
Gut, aber immer dasselbe?
Naheliegende Vermutung, aber falsch. Nein, ich habe heute einfach keine Lust, einen weiteren Blogbeitrag über gute Geschäftsbriefe zu verfassen, obwohl ich durchaus noch Blickwinkel wüsste, unten denen man das Thema beleuchten könnte. Aber ich bin nicht inspiriert. Immer nur sachlich, immer nur nützlich schreiben? Meine Kollegin Christina Budde würde sagen: „Alles notwendig und gut wie Vollkornbrot, aber manchmal möchte man auch ein leckeres Croissant."
Deshalb folge ich attraktiveren Schreib-Gedanken. Auf dem Bücherregal etwa finden sich auch die Briefe eines Mannes der Sorte, von dem fast jede Frau einen in den alten Schuhkartons des Lebens hat: sehr anziehend, Typ Abenteurer, aber mit sehr ambivalentem Bindungswillen.
Diese Sorte schreibt oft gute Briefe. Wie könnte es anders sein?
Mein Exemplar schrieb vom Fuße des Kilimandscharo, aus einem Basiscamp im Himalaya, aus den Wüsten Kasachstans und aus dem Urwald Papa-Neuguineas. Es fehlte nie an Dramatik: Er war in eine Gletscherspalte gefallen, saß seit Wochen alleine im Busch im Dauerregen in einem winzigen Zelt und hielt nach Adlern Ausschau, absolvierte sechs Tage andauernde Ultra-Marathons .Und gelegentlich dachte er dabei auch an mich. Ich habe es schwarz auf hellblauem Luftpostbriefpapier.
Spaß mit erregendem Pathos und raffinierten Phrasen
Natürlich war mein Leben noch nicht mal ein Hundertstel so interessant wie seines. Aber aufregende Briefe schreiben konnte ich auch. Lustvoll schreibend folgte ich meinen Gedanken bis in die letzten Winkel, durchstreifte dabei einsame und entlegene Gebiete voller Pathos, blickte von turmhoch gedrechselten Phrasen in schwindelnde Abgründe und bei alledem war ich ausdauernd bedeutungsschwanger.
Sie sehen, der Hang zu Pathos und Phrasen hat sich gehalten. Aber mal ehrlich: Warum auch nicht? Schreiben soll auch Spaß machen. Und ich hatte Spaß an den Briefen; er auch, das weiß ich sicher.
Und jetzt - nach dieser folgerichtig etwas zu verspielten und langen Einleitung - kommt meine Botschaft an Sie heute:
Berufliches Schreiben ist mitunter hart und mindestens jeder dritte Geschäftsbrief eine sterbenslangweilige Angelegenheit. Deshalb: Schreiben Sie ab und zu mal etwas, auf das Sie richtig Lust haben. Etwas ohne direkten Nutzen, eine Seite im Tagebuch, eine Geschichte, einen Brief, vielleicht sogar ein Gedicht. Geben Sie richtig Gas; benutzen Sie nach Herzenslust abgedroschene Formulierungen, weiden Sie sich an endlosen Schachtelsätzen vager Aussage, spielen Sie mit vor Kitsch triefenden Metaphern, werden Sie emotional.
Nur Sie für sich. Um wieder Lust drauf zu bekommen. Aufs Schreiben natürlich. Die Zeit zwischen den Jahren eignet sich gut dafür. Sie werden merken, dass etwas mehr Freiheit zwischendurch auch das alltägliche Schreiben belebt. Denn: wenn man genug Croissants genossen hat, freut man sich richtig wieder aufs Vollkornbrot.
Ich wünsche Ihnen Frohe Weihnachten.
Tweet
zurück
22.12.2011, 10:57
Karen Christine Angermayer
Liebe Julia Göhring, ein herzliches DANKE für Ihren herzerfrischenden Beitrag, der mich innerlich und äußerlich lächeln lässt. Gibt es einen so wunderbar erregenden Abenteurer auch in meinen Schuhkartons des Lebens? Wenn nein: Höchste Zeit, nach ihm Ausschau zu halten in 2012! Danke für die Inspiration - nicht nur in dieser Angelegenheit, sondern auch fürs Schreiben. Herzliche, weihnachtliche Grüße von Kollegin zu Kollegin, Ihre Karen Christine Angermayer




