Bosse beten. Warum?

Religiosität soll das Leben in Führungsetagen erträglicher machen.

17.01.2010, 21:29 von Anke Dinsing

Ein Schmerzmittel für Führungskräfte? Diese Frage drängte sich mir auf, als ich den Leitartikel in der Zeitschrift "managerSeminare" las.



Das Magazin widmete seine letzte Dezemberausgabe dem Thema: "Warum Bosse beten". Als Begründung wird genannt:

Weil Menschen im Job in moralischen Zwickmühlen stecken.

Weil Menschen im Kampf um immer höhere Rendite wieder Würde, Sinn und Anerkennung suchen.

Weil viele Manager und Führungskräfte wieder Halt bei Gott suchen.

Im modernen Wirtschaftsleben müssen Menschen in ihrem und für ihr Unternehmen immer öfter entscheiden und Verantwortung tragen für Aktionen, denen sie als Privatmensch nie ohne weiteres zustimmen würden. Das bohrt ganz tief innen, raubt den Schlaf, zermürbt, bringt das Blut in Wallung, lässt Schweißperlen auf die Stirn treten. Ihre Not können sie nur noch unvollständig verdrängen. Längst schon wird ihnen deutlich, dass Anforderungen an sie gestellt werden, denen sie kaum mehr gerecht werden können. Klar, es gibt vielleicht sogar einige ganz abgebrühte Zeitgenossen, und ein anderer Teil versucht durch das Gehalt zu kompensieren, dass die Arbeit immer sinnentleerter und frustrierender empfunden wird. Aber dennoch "kränkt" auf Dauer solch eine Zwickmühle. Und Aussteigen bei der aktuellen Wirtschafts- und Jobkrise? Unmöglich! Burnout droht oder hat sogar schon zugeschlagen: psychische Erschöpfung, körperliche Erkrankungen, ein zerstörtes Privatleben.

Da rührt es an, wenn Bosse beten.

Allerdings machte mich beim Lesen des Artikels stutzig, wenn aufgezählt wird, was sie dadurch erreichen wollen: "Verankerung, dauerhaft gültige Antworten und die Versorgung mit Sinn sind gefragt." Ich muss bei diesem Satz aber vor allem an Kinder denken, die ja ein sicheres Zuhause, eine verlässliche Orientierung und die Versorgung mit Essen benötigen. Eine sichere Welt, in der ihr kleines Leben wachsen darf. Von einem Erwachsenen, einer Führungskraft wünsche ich mir, dass sie selbst Verantwortung übernehmen will, für das eigene Handeln vor allem. Dabei gehört zum Erwachsensein auch die Erkenntnis, dass es im Leben keine dauerhaft gültigen Antworten gibt und man nicht passiv mit Sinn versorgt wird. Das bedeutet, sich selbst auf den Weg machen, nachdenken, in sich gehen, Fragen zulassen.

Religion kann auch Flucht sein vor dem Nicht-Wissen, Flucht zu einem Beschützer, wenn andere anklagen, eine Quasi-Versicherung in der Unwägbarkeit des Lebens. Sie kann durch Dogmen scheinbar Entscheidungen abnehmen und das Gewissen anschließend beruhigen. Dagegen argumentiert allerdings die Theologin Prof. Dr. Susanne Sandherr einige Seiten später: "Religion ist eben nicht das schöne Ritual, das es erlaubt sich am nächsten Tag fitter zu fühlen. Das christlich-jüdische Glaubensverständnis reicht weiter, es verlangt mehr, denn biblisch kommt der Glaube stets als prophetische Intervention ins Spiel. Das bedeutet: aufstehen für Recht und Gerechtigkeit."

Ich wünsche mir aufgerüttelte Menschen in Führungspositionen, die ihr Glaube vor allem ermächtigt, wirklich Verantwortung zu tragen. Das bedeutet, sich immer wieder einzulassen auf den Menschen im Unternehmen, auf das Lebendige und Verletzliche im anderen und in sich selbst, auf das eigene Herz, den besten Wegweiser und Begleiter für den scharfen Verstand. Dann können Bosse im Beten handeln: Kämpfen und lieben, übrigens der Titel eines Buches des Benediktinermönchs Anselm Grün, der Bosse coacht!

www.anke-dinsing.de






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26.01.2010, 13:13
Ruth Steinert
Vor allem befähigt Spiritualität zu eigenem Handeln und das bedeutet für mich auch bestimmte Dinge, die meinen persönlichen Werten entgegenstehen nicht zu tun und den Rausschmiß aus der Firma zu riskieren oder rechtzeitig Alternativen aufbauen. Das ist nicht einfach, manchmal vielleicht auch unmöglich. Trotzdem möchte ich dazu ermuntern. Unsere Welt bleibt nur dann menschlich, wenn wir alle gemeinsam unsere Werte auch leben. In der Firma das Spiel mitspielen und zu Hause etwas anderes leben oder auch selbst von etwas anderem überzeugt sein, bitte nicht machen. Lieber die Veränderung suchen und die eigenen Überzeugungen leben.


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