Heute mal über Leistungsträger ...
... warum ich ausgezogen bin, das Fürchten zu lehren
"Man muss nichts im Leben fürchten, man muss nur alles verstehen." Wahr oder nicht wahr?
Meine Tageszeitung zitiert Madame Curie heute für ihren Tagesspruch. Der hört sich so mutig und gereift an. Aber wer versteht schon alles im Leben? Ich versuche mal eine Definition von dem, was Verstehen sein kann: Verstehen (4) ist das Ergebnis von aktuellem Erleben (1) dividiert durch gesammelte Erfahrungen (2) multipliziert mit kollektiver Abstraktion (3). Verstanden?
Ein Beispiel:
Ad 1: Aktuell versucht ein Außen(!)minister sich dadurch zu profilieren, dass er die Bevölkerung in seinem Land in angebliche Leistungsträger und Leistungsmissbraucher unterteilt und somit den innerdeutschen Sozialgraben noch weiter vertieft.
Ad 2: Gesammelte Erfahrungen, z.B. wie man als sogenannter Hochleistungsträger seine deutschen Steuerschulden lieber dezent bei Banken im Ausland noch gewinnbringender deponieren kann, werden dagegen in genehmen Kreisen gern weitergereicht.
Ad 3: Der Normalbevölkerung ist aber kollektiv bewusst, dass seit Menschengedenken immer schon nach einer Strategie gesucht und diese auch gefunden wurde, Erkenntnisse in Bezug auf Selbstgerechtigkeit und Egoismus zu verschleiern.
Ad 4: Dann versteht man, dass in dieser aktuellen "Leistungsträger"-Diskussion nicht nur ein Wurm drin ist. Es wimmelt gerade nur so davon, da ist etwas ober-faul!
Ich behaupte einfach mal: "Wer etwas trägt, leistet was." Die eine führt ein Unternehmen und ist verantwortlich für viele Menschen, der andere führt sein Leben trotz einer schweren Erkrankung mit einem Lächeln für andere im Gesicht. Der eine trägt schwer daran, dass er mit 53 Jahren von seinem Arbeitgeber vor die Tür gesetzt wird und nun keine neue Arbeitsstelle findet. Eine trägt ihre zweijährige Tochter auf dem Arm, während sie nach einer existenzsichernden Teilzeitstelle sucht. Die eine trägt dazu bei, dass ein Netzwerk in ihrer Gemeinde für alleinlebende alte Menschen entsteht, ein anderer trägt in seiner Behörde dafür Verantwortung, dass Anträge so rasch und umsichtig wie möglich bearbeitet werden.
Liebe Leserin, lieber Leser, Ihnen fallen sicherlich noch viele, viele Beispiele ein, wo Menschen anderes tragen als ihre Nase nach oben.
Ich würde mich freuen, wenn wir noch mehr hinschauen und wertschätzen, was alles von Menschen geleistet wird, in kleinen und großen Unternehmungen. Dummen Sozialneid zu schüren ist innenpolitische Hetze. Und davor fürchte ich mich denn doch.
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24.02.2010, 11:16
dora
Ein Unternehmer, der Hungerlöhne zahlt, ist ein Sozialschnorrer auf hohem Niveau: 1. Er zahlt niedrige Löhne, Gehälter 2. Spart dadurch Löhne, Gehälter, Sozialabgaben, Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld, Schichtzuschläge, Überstundenvergütung usw. (gibt es sowas noch?) 3. Das beschäftigte Personal holt sich den benötigten Rest aus den Job Centern und Wohnungsämtern ( Miete, Wohngeld, Betriebskosten, GEZ Befreiung) usw. Die Allgemeinheit trägt diesen Unternehmer durch Quersubventionierungen, daraus ergibt sich eine Wettbewerbsverzerrung. Leistungsträger definiere ich anders!
22.02.2010, 11:19
Anja Baier
Danke, Anke! :-) Ganz im Ernst - ich bin überaus dankbar, dass jemand mal klarstellt, dass das Menschenbild von Außenminister Westerwelle einfach unerträglich ist und so nicht unwidersprochen verbreitet werden darf. Der eigentliche Skandal ist ja wohl die Abzockermentalität der unter Punkt 2 erwähnten "Steuerflüchtlinge" (unter denen sich vermutlich etliche FDP-Wähler finden werden). Ein weiterer Skandal ist die Tatsache, das sich ausgerechnet diese Westerwelle-FDP gegen die flächendeckende Einführung von Mindestlöhnen wehrt - Stichwort "Arbeit muss sich mehr lohnen als HARTZ IV". Klar muss sie das - aber das geht nur, wenn sie auch anständig bezahlt wird und man davon auch leben kann. Weshalb ich als Kleinunternehmerin mich FÜR die gesetzliche Einführung von Mindestlöhnen einsetze? Ganz einfach: weil damit auch mehr echte Wettbewerbsgerechtigkeit entsteht. Es gibt nämlich einige Unternehmer, die ihre Leistungen nur deshalb zu wettbewerbsverzerrend niedrigen Dumping-Preisen anbieten können, weil sie ihren Mitarbeitern absolute Hungerlöhne zahlen. Demgegenüber haben ordentlich geführte Betriebe, die qualifizierte Mitarbeiter beschäftigen und auch vernünftig bezahlen, einen Marktnachteil, der schlagartig aus der Welt wäre, wenn es Mindestlöhne gäbe! Dann setzt sich nämlich wirklich das Unternehmen durch, welches die besseren Leistungen anbietet und ökonomisch besser geführt ist. Und wenn die Mehrheit der Beschäftigten ein vernünftiges Einkommen hat, dann nützt es auch der Nachfrage und somit der Binnenkonjunktur!



