Wer hören will, kann auch sehen
Der Abend, an dem ich nicht mehr fernsehen wollte ...
... und doch mit dem Herzen in andere Welten reiste.
Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich eine begeisterte Radiohörerin bin? Nicht? Nun, dann bekenne ich es jetzt. Nachdem ich heute in der 15-Minuten-Tagesschau wieder nur Krieg und Gewalt, Tod und leidenschaftslose "Bekenntnisse" mal eben verdauen sollte, schaltete ich das TV-Ding ab und das Radio an, checkte meine Lieblingssender: Deutschlandradio, Funkhaus Europa, WDR 3 und 5. Dort blieb ich hören.
Im Philosophischen Radio stellte Robert Spaemann dar, weshalb er den zu oft praktizierten unkritischen Glauben und die ungenaue Forderung nach ewigem Fortschritt für in die Irre führend hält. Damit will er kein rückwärts gerichteter Mensch sein, sondern einer, der vom Ende her schauend die Gegenwart und Zukunft gestalten will. Außerdem steht er dazu, dass er "Gott mitdenkt", eine Haltung, die seinem Ansehen als Philosoph bisher erstaunlicherweise nicht geschadet hat; für Philosophen scheint Gott nämlich oft ein zu billiger Platzhalter für nicht Erklärbares zu sein.
Anschließend hörte ich noch in das Kulturmagazin Scala rein, diesmal mehr so für nebenher. Dann aber packte mich doch das Interview mit Alice Smeets, einer ganz jungen Fotografin aus Belgien, die den Preis "UNICEF-Foto des Jahres 2008" gewonnen hatte. Zudem engagiert sie sich ganz konkret für Menschen in Haiti, indem sie eine eigene Hilfsorganisation gegründet hat.
Ich wollte mehr über sie erfahren und vor allem war ich neugierig auf ihre Bilder. Deswegen verließ ich das Medium Radio und ging ins Internet. Besonders angetan hat es mir ihr Abschieds- und Dankesbrief an ihren Lehrer und Freund Philip Jones Griffiths und die dazu gehörende Fotoreihe. Aber sehen Sie selbst: www.alicesmeets.com. Ihre Dokumentationen sind sehr intim, nah an und mit den Menschen. Ihre Bilder aus Haiti vor und nach der Erdbebenkatastrophe zeigen unendliches Elend und zugleich die Schönheit der Menschen, so dass ich mich frage, wie die durch all das Chaos durchstrahlen kann.
Dann gibt es aber auch noch diese Sätze von ihr: "I decided to dedicate my life to show with my camera the stories life has written. In the end, it's all about trying to recognize the beauty of things and, at the same time, trying to capture the cruelties the human race has to deal with. I want to touch people's feelings without shocking them to provoke a reaction as a result."
Da widmet jemand sein Leben! Wenn man das weiß, wem oder für was man sein Leben widmet, dann ist das großes Glück! Alice Smeets setzt ihre Begabung ein, nicht für ein "Ego-Shooting", sondern für ihr eigenes Glück und für das von anderen.
Ist Glück also machbar? In diesem Sinne wohl, vermute ich.
Übrigens: Mein "Umschalten" an diesem Abend hat sich gelohnt!
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