Mach doch mal den Engel!
Von kleinen Seitwärts- und Vorwärtsschritten
Wenn alles zu viel wird, keine Lösungen in Sicht, viel Stress den Alltag prägt, dann sollten Sie was richtig Beklopptes tun. Zugfahren und irgendwo aussteigen zum Beispiel. Oder sich in den Schnee werfen und den Engel machen.
Letzten Samstag, nach dem Abbau der Marktstände, traf ich zufällig einen Händler, bei dem ich sonst regelmäßig einkaufe. Er war, sagen wir es mal salopp, völlig von der Rolle: Das Geschäft läuft überhaupt nicht, Angestellte sind unzuverlässig, gewünschte Projekte platzen, die Aussichten bleiben trübe. Mutloser und trübsinniger ging es kaum. Kurz entschlossen lud ich ihn zu einer Tasse Tee in einem nahegelegenen Café ein. Einfach so.
Überraschend war die Rückmeldung, die er mir am folgenden Tag per E-Mail schickte. Der Schreiber fand unsere Begegnung „superaufbauend“ und fragt sich, wie ich das mache mit diesen „nährenden (das ist das richtige Wort) und auflockernden Interventionen aus dem Stegreif“.
An Erkenntnisgewinn aus unserem Gespräch hat er behalten, sich doch mal nach kleinen Vergnügen und Mutmachern, die am Wegesrand liegen, umzusehen. Statt mit Tunnelblick immer nur vorwärts zu streben (bzw. auf der Stelle zu treten), einfach einen Schritt zur Seite zu machen. Die Dinge sein zu lassen und mal was anderes zu tun: „Wirf dich in den Schnee und mach den Engel, wenn dir danach ist!“
Dem möchte ich hinzufügen: Auch wenn es sich kindisch oder albern anfühlt, tu doch einfach mal was „Beklopptes"! Nach Feierabend barfuß, Laptop unterm Arm durch den Park? Bahnfahren und einfach irgendwo aussteigen, wo man noch nie war? Eine Tasse Tee mit jemandem, den oder die man kaum näher kennt? Was soll schon Schlimmes passieren? Viele Menschen tun sich damit schwer, überhaupt eine Idee zu finden. Deswegen ist für den Anfang der Engel gar nicht schlecht; vorausgesetzt wir haben Schnee. Und bis dahin darf es auch etwas „nur ganz leicht Verrücktes" sein – Hauptsache ganz anders als immer! Die Welt wird für eine Weile neu aussehen. Und dieser neue Blickwinkel klärt den Blick für neue Wege.
So war es dem bedrückten Händler auch plötzlich wie Schuppen von den Augen gefallen: „Viele Schnörkel können auch wegbleiben, ohne dass schon was Wesentliches fehlt.“ Weiter schreibt er: „Und wenn ich da jetzt noch eine Minute drüber nachdenke, dann haben Sie mir auch noch etwas gezeigt, was ich verallgemeinern kann und was mir öfter helfen wird: Mach doch mal einen kleinen Schritt, dann weißt du, dass du einen Schritt vorangekommen bist! Wie lange schon suche ich nach dem Hektar …“, und stellt dann fest, dass er doch viel besser mit ein paar Quadratmetern anfängt.
Das ist doch schon ganz schön viel Erkenntnis für ein Gespräch bei einer Tasse Tee.
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