Die Angst vor Fehlern

Karriere-Stolpersteine für Frauen

29.06.2012, 10:29 von Sigrid Meuselbach

„Jeder macht mal Fehler, ich und du", sang schon Bibo, der gelbe Vogel aus der „Sesamstraße", in einem Kinderlied. Das gilt auch für das Berufsleben: Fehler passieren, Männern ebenso wie Frauen. Doch der Umgang mit den unvermeidbaren Patzern ist sehr unterschiedlich: Während Männer schulterzuckend über ihre Fehler hinweg sehen, neigen wir Frauen dazu, uns selbst zu bezichtigen und zu grämen.



Männer haben solche unliebsamen Ereignisse schnell vergessen und ersparen sich quälende Selbstkritik. So haben sie ihren Kopf frei für produktivere Themen. Frauen dagegen haben regelrecht Angst vor Fehlern, versuchen den Anforderungen an sie immerzu gerecht zu werden und sie möglichst noch zu übertreffen. Das ist aller Ehren wert - doch die schlechte Nachricht ist: Dieser Perfektionismus bringt uns im Berufsleben ganz und gar nicht weiter.

Frauen wollen durch ihren Fleiß und ihre Fachkompetenz überzeugen. Sie glauben, besser sein zu müssen als die männlichen Kollegen, um sich durchsetzen und aufsteigen zu können. Besonders gewissenhaft und verlässlich arbeiten sie sich auch in das schwierigste Thema ein und recherchieren es bis ins kleinste Detail. Nur ja nichts falsch machen, heißt die Devise. Diese Einstellung haben wir schon früh verinnerlicht: Mädchen werden vor allem für ihren Fleiß und ihre Mitarbeit belohnt, während Jungs mit Risikofreude glänzen können - und so das Selbstbewusstsein entwickeln, auch mal Fehlschläge hinzunehmen.

Fleißbienen kommen nirgendwo hin

Frauen sollten sich nicht wundern, wenn sie trotz ihrer überdurchschnittlichen Leistungen nicht weiterkommen. Denn für den Vorgesetzten sind seine „Fleißbienen" ein echter Hauptgewinn: Sie machen die Arbeit im Hintergrund, mit der er sich dann schmücken kann. Er hat nicht das geringste Interesse daran, seine zuverlässigsten Kräfte zu befördern. Karriere machen stattdessen die Männer, die ihre Arbeit mit weniger Perfektionsdrang erledigen und sich selbst in den höchsten Tönen loben. So sichern sie sich den Respekt ihrer Kollegen und Vorgesetzten - die kompetenten Frauen werden übergangen. 

In meiner Beratungspraxis erlebe ich oft, dass Frauen in solchen Fällen glauben, noch besser werden zu müssen, um den Sprung nach oben zu schaffen. Doch auf diese Weise werden sie das Problem wahrscheinlich nicht lösen - im Gegenteil: Sie werden noch mehr Zeit und Energie ins rein Fachliche investieren, während andere Bereiche zu kurz kommen. Zum Beispiel die eigenen Leistungen gut zu verkaufen und wenig gewinnbringende Aufgaben zu delegieren. 

 

Die 7 besten Tipps gegen den Perfektionsdrang

- Führen Sie sich vor Augen, was schlimmstenfalls passieren würde, wenn Sie sich mal einen Schnitzer leisten. Vermutlich kommen Sie zu der Einsicht, dass Ihnen das zwar unangenehm wäre, aber der Fehler keine wirklich gravierenden Folgen hätte. Führen Sie den Gedanken zu Ende: Überlegen Sie, wie Sie sich aus der Affäre ziehen, falls wirklich der Ernstfall eintritt und Sie etwa bei einer Präsentation aus dem Konzept kommen oder eine Frage nicht beantworten können. So gewinnen Sie mehr Sicherheit.

- Suchen Sie sich unperfekte Vorbilder: Von Menschen, die Fehler gemacht und Krisen durchlebt haben, können wir häufig am meisten lernen.

- Nach dem so genannten „Pareto-Prinzip" kann man in 20 Prozent der Gesamtzeit eines Projekts 80 Prozent der angestrebten Ergebnisse erreichen. Daher sollten Sie sich fragen, ob es sich wirklich lohnt, die verbleibenden 20 Prozent der Ergebnisse anzustreben, denn sie kosten 80 Prozent der Zeit und verursachen so die meiste Arbeit. Natürlich sollen Sie keine halben Sachen machen und weiterhin hohe Ansprüche an sich (und auch an andere) stellen. Aber wer immer 100 Prozent Perfektion anstrebt, verbraucht viel Energie - das ist unwirtschaftlich und schafft keinen sinnvollen Mehrwert. Also: Bringen Sie souveräne Leistung mit angemessenem Einsatz!

- Machen Sie sich bewusst, dass Kompetenz allein Sie nicht für eine leitende Position qualifiziert: Nur weil Sie ein Projekt bis ins Detail kennen und ihre Arbeit perfekt beherrschen, sind Sie noch lange keine gute Führungskraft. Denn dazu gehört mehr: Etwa die richtigen Mitarbeiter für bestimmte Aufgaben zu finden - und sie zu motivieren, ihren Job möglichst gut zu machen.

- Frauen neigen dazu, Aufgaben aus Angst vor Fehlern nicht abzugeben, sondern lieber selbst zu erledigen. In diesem Punkt sollten wir von den Männern lernen: Anders als wir überlegen sie sich nämlich, wie sie langwierige und undankbare Arbeiten loswerden können, um sich Produktiverem zu widmen. Halten Sie es aus, andere zu fordern und Aufgaben abzugeben. Als Führungskraft können Sie nicht alles selbst machen, Sie müssen delegieren.

- Vorsicht vor falsch verstandenem Ehrgeiz: Lernen Sie, laut und deutlich „Nein" zu sagen, vor allem wenn es um unangenehme Aufgaben geht, die Ihnen keine Lorbeeren einbringen. Keine Sorge: Das Nein wird Ihnen in der Regel nicht als Fehlverhalten ausgelegt. Im Gegenteil: Nein-Sagen ist ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Wenn es Ihnen schwer fällt, scheuen Sie sich nicht, mit einer Freundin oder allein vor dem Spiegel zu üben.

- Last but not least: Sie müssen nicht perfekt sein, um Karriere zu machen. Kleine Fehler und Schwächen können sogar helfen, denn die meisten Menschen fühlen sich von Perfektion eher bedroht. In Japan etwa spricht man von „Wabi-Sabi": der Kunst, Schwächen zu akzeptieren und die Schönheit im Unvollkommenen zu finden. Und von den Persern heißt es, sie würden in ihre Teppiche absichtlich kleine Fehler einweben, weil sie so angenehmer auf das menschliche Auge wirken. In diesem Sinne: Beweisen Sie Mut zur Unvollkommenheit!

www.meuselbach-seminare.de






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In vielen Unternehmen schlummert eine Vielzahl von hochqualifizierten Mitarbeitern mit großem Know-how. Besonders im Bereich der Führungspositionen werden oftmals die Potenziale gerade von Frauen nicht ausgeschöpft und nicht genug gefördert.
Sigrid Meuselbach hat sich auf die Förderung von Frauen in Führungspositionen spezialisiert und bringt seit über 25 Jahren Frauen erfolgreich in Führung. Damals war von Quote noch keine Rede. Mit viel Praxiserfahrung schreibt sie in ihrem Blog darüber, wie geschlechterspezifische Führung gelingt, damit Menschen ihre Talente entfalten können.

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