"Ich habe nicht gewusst, wie viel Kraft in mir steckt"
Oder: Was sagt mein linkes Knie dazu?

Ich bin 1952 geboren, habe nach meiner Lehre als Zahnarzthelferin gearbeitet und wollte noch etwas mehr aus meinem Leben machen. Auf dem zweiten Bildungsweg ging es weiter. Als mein Leben sich von Grund auf änderte, war ich 21 Jahre alt und stand drei Tage vor meinem schriftlichen Abitur.
An diesem Tag im Mai 1973 bemerkte ich, dass die rechte Seite meines Mundes sich innen pelzig anfühlte. Im Spiegel sah ich, dass der rechte Mundwinkel minimal herunterhing. Starke Kopfschmerzen quälten mich. Langsam fühlte sich der rechte Arm etwas lahm an. Ich hatte sofort die Idee: Schlaganfall.
Deshalb wandte ich mich umgehend an einen Neurologen.
Zu der Zeit glaubte ich noch, was Ärzte sagen
In der Praxis füllte ich zunächst einen Fragebogen aus, der bei der Untersuchung keine Rolle spielte. Der behandelnde Arzt stellte eine Gesichtsfacialis fest, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt kaum noch schreiben konnte. Meine selbstgestellte Diagnose „Schlaganfall" verwarf er. Zu der Zeit glaubte ich noch das, was mir ein Arzt sagte - leider.
Also ging ich an diesem Freitag mit der falschen Diagnose und den falschen Medikamenten nach Hause. Eine Besserung stellte sich nicht ein, im Gegenteil. Mein Zustand verschlimmerte sich enorm. Drei Tage und Nächte später konnte ich weder schreiben noch gehen noch lesen. Der Neurologe hat mich dann sofort an ein Krankenhaus überwiesen. Der dortige Chefarzt meinte, es wäre fast zu spät für mich.
Mein Abitur konnte ich dann auch vergessen.
„Das wird nichts mehr mit Ihnen, Fräulein Jülich!"
Also lag ich im schönen Mai 1973, die rechte Seite gelähmt, nicht sprechend, an der linken Hand den Tropf, im Bett und sah nur die Zimmerdecke, das Einzige, was ich noch konnte. Zwei Monate vergingen auf der Neurologischen Station. Ich lag noch immer im Bett und war gelähmt, als während einer Visite der Chefarzt zu mir sagte: „Das wird nichts mehr mit Ihnen, Fräulein Jülich!" Andere Patienten hätte dieser Satz möglicherweise umgebracht, mich nicht. Ich hatte das Gefühl: Der lügt! Das kann nicht sein!!!
Seine Aussage spornte mich an. Spätestens zu dem Zeitpunkt stellte ich für mich fest, dass ich bei Widerstand am besten lerne. Ich versuchte, alles in mir und an mir zu mobilisieren, meine gelähmten Zehen zu bewegen etc. Rückblickend glaube ich, dass ich mich damals bereits zur „Körpertherapeutin" ausgebildet habe, obwohl ich von der Ausbildung noch keinen blassen Schimmer hatte.
Die nächste Station war eine Rehabilitationseinrichtung. Die Klinik liegt, wenn man nicht so richtig gehen kann, auf einem Berg. Also formulierte ich meine Ziele innerlich und begab mich ohne Absprache auf den Berg ..., immer weiter und höher. An manchen Tagen hatte ich Glück, dass ich unverletzt zurückgekommen bin. Nach ungefähr zwei Monaten der Behandlung wurde der Rentenantrag gestellt. Ich verließ die Reha-Klinik auf eigenen Wunsch mit neuen Kochkenntnissen und mit den von mir gewebten Autobezügen, die ich in der Ergotherapie für meinen 2CV, eine Ente, gewebt hatte.
Ich wollte unbedingt mein Abitur beenden. Also nahm ich im Oktober 1973 Kontakt zu meiner ehemaligen Schule auf. Ich hatte inzwischen einen Schwerbehindertenausweis und konnte nicht mehr mit rechts schreiben. Die Rektorin war mit meiner Anfrage regelrecht überfordert. Sie hätte mich am liebsten an eine Schule für Körperbehinderte verwiesen. Ich habe mich trotzdem durchsetzen können: Ende 1973 saß ich in der nächsten Abschlussklasse und versuchte Schreibübungen mit der linken Hand. Ein Jahr später habe ich mein Abitur mit Links gemacht und begann im Wintersemester mein Studium der Sozialpädagogik in Dortmund. Eine Erwerbsunfähigkeitsrente auf Zeit wurde positiv beschieden.

Ich bin über den Kopf auf die Füße gekommen
Meine körperliche Eingeschränktheit begleitete mich jedoch nach wie vor. Ich bemühte mich weiterhin, zu gehen. Ich stellte und stelle mir seit der Erkrankung Gehsituationen immer gedanklich vor. Gehen findet seit dem Apoplex im Kopf statt. Vor der Erkrankung bin ich wie alle anderen Menschen gegangen, ohne darüber nachzudenken. Ich habe geschrieben, ohne zu denken. Nun überlege ich, wie herum Buchstaben auf das Papier gehören, damit mein Gegenüber es lesen kann. Seit der Erkrankung denke ich mehr über Abläufe nach. Ich stelle mir bildlich vor, wie z.B. der Fuß abgerollt wird und das Bein angehoben wird.
Ich habe nach der Erkrankung keinen Arzt gefragt, was ich für meine Gesundung tun kann, sondern die Verantwortung für mich selbst übernommen. Ich suchte mir Bewegungen aus, mit denen ich körperlich weiter gekommen bin. So bin ich mit meiner „ Ente" gefahren und habe das Autofahren wieder geübt. Damals hat mir kein Arzt gesagt, ich dürfte nicht Auto fahren. 1980 bin ich zum ersten Mal zum Ski fahren ins Wallis gefahren. Oben im Schnee hat mein rechtes Bein oft so gezittert, dass ich manchmal nicht gewusst habe, wie ich den Abhang unverletzt hinunter kommen sollte.
Es war schon eine harte, selbst auferlegte Schule. Sie hat mir im wahrsten Sinne viel Ansporn gegeben. Dadurch bin ich auf meine Füße gekommen und zur Vorzeigepatientin geworden
Orange für Vertrauen und Kraft
1981 habe ich als Diplom-Sozialpädagogin in einer Rehabilitationseinrichtung für Psychisch Kranke begonnen. In dieser Zeit habe ich durch mein berufliches Tun und Weiterbildungen mit verschiedenen Körpertherapien - Tanztherapie und Konzentrative Bewegungstherapie - vielfältige Erfahrungen gesammelt. Als Patientin hatte ich selbst Sport- und Ergotherapie erfahren. Diese Übungen haben mir sicherlich nicht geschadet. Geholfen haben mir die Körpertherapien, die einen ganzheitlichen Ansatz vermitteln. Gerade der Schmerz über das, was nicht mehr so funktioniert, benötigt einen Schonraum, den wir nicht unterschätzen dürfen. Gerade hier ist der leiborientierte ganzheitliche Ansatz gefragt. Es geht dabei immer auch um Integration der gesammelten Erfahrungen.
Ich bin inzwischen eine erfahrene Diplom-Sozialpädagogin, Psychotherapeutin und Erfolgs-Coach. In meiner Praxis unterstütze ich Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen. Psychotherapie, Rollenspiel, Konzentrative Bewegungstherapie, Tanztherapie, Selbst-PR sowie Angebote im Kloster zu Themen wie: Loslassen. Durchatmen. Erfolg haben! Zielsicher zum Erfolg! Das Burnout-Risiko steigt. Achtung! gehören zu meinem Leistungsspektrum. Mein Unternehmen heißt Erfolg Orange. Orange verkörpert das Vertrauen, den Optimismus und die Kraft, die jedem Erfolg zugrunde liegen. Das Kloster als geeigneten Ort für Workshops und Seminare habe ich während meiner eigenen Regenerationsphase erlebt. Ich empfinde ein Kloster als Ort der Ruhe und als ideale Umgebung, sich selbst zu finden. Inzwischen kenne ich 20 Klöster in ganz Deutschland, in denen ich meine Programme anbiete.
Wie geht es Dir?
In den letzten 30 Jahren ist es für mich wichtig geworden, dass psychische und physische Erfahrungen zusammen gehören. Jeder Einzelne bringt das mit, was der Körper sich notiert hat. Auch wenn wir es inzwischen vergessen haben, weiß unser Körper weiterhin um die Dinge, die wichtig waren. Ich erlebte mich aufgrund der Körpertherapie wieder körperlich und seelisch als Ganzes, was ich durch den Schlaganfall neu lernen durfte. Gehen bedeutet an manchen Tagen für mich, dass es mir unterschiedlich schwer fällt. Die Konzentration aufs Gehen ist für nicht betroffene Menschen oft kein Thema. Wird der Blick darauf gelenkt spürt Jeder beim ersten Schritt, wie die Befindlichkeit momentan ist. Im Volksmund fragt man gerne sein Gegenüber: Wie geht es Dir? Wenn wir uns auf uns konzentrieren würden, könnten wir darüber eine Aussage treffen. Wir wären selbst in der Lage, unsere Befindlichkeit zu prüfen. Dazu könnten wir uns auf unseren Schritt und Gang konzentrieren. Geht es schwerfälliger, wüssten wir, dass wir uns heute vielleicht schonen sollten. Solche Rückschauen sind uns in unserem Leben fremd, auch wenn sie uns gut tun würden. Leider sind wir in diesen Fragestellungen ungeübt, so dass wir nicht gelernt haben gut auf uns aufzupassen. Oftmals sind es die kleinen Dinge im Alltag, die Bedeutung haben.
Meine Kraft gebe ich weiter ...
Durch meine Erkrankung habe ich zwar viel Leid erfahren, erlebte aber auch Dankbarkeit dafür, wie es mir heute geht. Die Erkrankung hat mich sehr geprägt. Ich finde, ich habe einen guten Weg gewählt und manchmal auch nur zufällig gefunden. Ich habe vor der Erkrankung gar nicht gewusst, wie viel Kraft in mir steckt. Ich bin froh und stolz darauf, dass ich erlebt habe, wie viel möglich ist. Meine Kraft und Zuversicht wollte ich anderen Menschen weitergeben.
Seit 2004 leite ich in Dortmund mit viel Freude die zweite Selbsthilfegruppe für Schlaganfallbetroffene.
Seit 2008 gebe ich mein Wissen als Mentorin für das bundesweit erste Mentoring-Programm für Studentinnen mit Behinderungen unter dem Slogan „Türen öffnen - Wege ebnen" weiter. Zurzeit betreue ich eine fast blinde Kunst-Studentin, die lernen muss, ihr Leben zu strukturieren und sich Ziele zu setzen.
Mein Leben lebe ich heute nach zwei unterschiedlichen Mottos:
Einmal halte ich es mit Scarlett O'Hara: Morgen ist auch noch ein Tag.
Zum anderen denke ich: Ich will alles und und zwar sofort.
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20.10.2010, 17:23
Brigitte Jülich
Liebe Dr. Angela Scaglione, ich habe mich über Ihre wunderbare Rückmeldung sehr gefreut. Es ist wirklich toll, wenn man seine Geschichte aufschreibt. Beste Grüße aus Dortmund sendet Brigitte Jülich
20.10.2010, 13:22
Dr. Angela Scaglione
Liebe Frau Jülich, mein Glückwunsch für Ihre Kraft und Ihr Durchhaltevermögen Wunderbar Angela
10.06.2010, 20:44
Brigitte Jülich
Ich sage mal einfach liebe Gabriele, Eva, Judith und liebe Frau Wrede, und ich bin ganz gerührt, dass ich soviel an Rückmeldung erhalten habe. Tausend Dank! Mein Beitrag sollte Mut machen! Ich hoffe sehr, es ist mir gelungen. Man sollte regelhaft STOLZ auf sich sein! Wünsche viele Glücksmomente, Brigitte Jülich, Erfolg Orange
11.03.2010, 12:01
Gabriele Lahde
Der Bericht hat mich sehr berührt .Er macht mir Mut auch für mich wege zu finden weiter zu kommen und die hoffnung nie aufzugeben.
07.03.2010, 16:55
Eva Ihnenfeldt
Liebe Brigitte, aha, jetzt weiß ich endlich, warum Du so stark, sicher und einfühlsam bist -und warum Dich nichts umzuhauen scheint - das war ja eine harte Schule! Vielleicht sollten wir unsere Angst vor schlimmen Schicksalsschlägen verlieren,weil gerade sie im Nachhinein oft unsere besten Freunde sind????
06.03.2010, 07:08
B. A. Wrede
Herzlichen Dank für diesen Beitrag. Für mich eine Anregung, meine Selbstheilungskräfte zu stärken und sorgsam darauf zu achten, dass meine mentale Kraft rein und ungetrübt bleibt. Denn auch für mich könnte sich ja mal eine Situation ergeben, in der ich vielleicht nichts anderes habe, als diese natürlichen Kräfte. Herzlich grüßt B.A. Wrede - www.brittwrede.de
05.03.2010, 21:49
Judith Goeller
Oh, Ihre Lebensgeschichte hat mich sehr berührt und es ist ein weiterer Beweis, was man alles mit seinen Gedanken und Zielen erreichen kann. Ich danke Ihnen dafür! Herzlichen Gruß Judith Göller http://www.gehörlosblog.de http://www.aktion-untertitel.de




