Fokus: Die arabische Welt
Im April startet wieder das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund | Köln. Sechs Tage lang wird hier das Filmschaffen von Frauen in den Blickpunkt gerückt. Neben Spielfilmproduktionen zeigt das Programm Dokumentarfilme, Kurzfilme, Diskussionen und bietet zahlreiche Sonderveranstaltungen.
What's going on? Fokus: Die arabische Welt
Mädchen liegen gelangweilt auf der Dachterrasse einer
Villa, saufen und kiffen abends am elterlichen Swimmingpool und bewundern die
Jungs bei ihren nächtlichen Autorennen durch die Stadt. - Eine alte Frau
erinnert sich an ihre Zeit in Indochina, wo sie als Prostituierte des Ersten
Französischen Regiments im Kolonialkrieg stationiert war. Sie ist viel
rumgekommen, hat die Welt gesehen, heute verdient sie den Lebensunterhalt für
sich und ihre Adoptivsöhne als Bettlerin. - Die Genossin Teresa versucht die
Anlaufstelle für ehemalige Kämpfer der PLO in Amman so gut wie möglich aufrecht
zu halten, auch wenn die Hilfsgelder auf der korrupten Führungsebene der
Befreiungsorganisation in Ramallah feststecken. - Im Keller eines Reihenhauses
im bürgerlichen Berlin-Zehlendorf verhört eine junge Frau ihren Vater zu seinem
Kampf für die Freiheit seiner palästinensischen Heimat.
So breit ist das Spektrum der Filmauswahl im diesjährigen Länderprogramm des
Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund | Köln.
Die Revolutionen und Proteste in den Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens haben unter dem Schlagwort „Arabischer Frühling" eine symbolträchtige Zusammenfassung erhalten. Doch Aufruhr und Widerstand sind kein neues Thema im arabischen Filmschaffen, vielmehr hat die öffentliche Filmproduktion in den arabischen Republiken oft mit revolutionärem Kino begonnen. Sich die eigene Geschichte anzueignen, ein selbstbestimmtes kulturelles Leben zu führen und Bildhoheit zu haben, waren zentrale Aspekte jedes anti-kolonialen Kampfes. In diesem Sinne wurde Film als Waffe gegen Fremdbestimmung eingesetzt.
Vor diesem Hintergrund widmet sich der Länderschwerpunkt des Festivals, „Die arabische Welt", Filmen von Regisseurinnen aus Syrien, Tunesien, Marokko, Ägypten, Libanon und weiteren Ländern, die vor den aktuellen Erhebungen in arabischen Ländern hergestellt wurden und das Spannungsfeld und die Widersprüche arabischen Filmschaffens in den letzten Dekaden reflektieren. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Rolle der Frauen innerhalb der Revolutionsbewegungen, die Veränderungen der Film- und Medienlandschaft und die Arbeitsbedingungen der Filmemacherinnen in ihren Ländern. Zu sehen sind u.a. Filme wie "Schildkrötenwut" (Weltpremiere, Regie: Pary El-Qalqili), "I Loved so Much" (Regie: Dalila Ennadre), "Forbidden" (Regie: Amal Ramsis) oder "Les silences du palais" (Regie: Moufida Tlatli). Das Festival erwartet zahlreiche Regisseurinnen aus der Region und wird breite Diskussionsmöglichkeiten bieten. Gastkuratorin für dieses Programm ist die Islamwissenschaflterin und Produzentin Irit Neidhardt.
Tilda Swinton: We Need to Talk About Kevin
Auch in anderen Festivalsektionen gibt es viel zu
entdecken: Das Panorama präsentiert eine Auswahl aktueller Produktionen aus
aller Welt. Der international bereits viel diskutierten Film We Need to Talk
about Kevin von Lynne Ramsay, hochkarätig mit Tilda Swinton und John C.
Reilly („Der Gott des Gemetzels") hochkarätig besetzt, wird in Köln gemeinsam
mit dem britische Frauenfilmfestival "Bird's Eye View" präsentiert.
Das engagierte, coole und feministische Londoner Festival musste aufgrund der
Sparmaßnahmen der britischen Regierung ihre diesjährige Festivalausgabe
kurzfristig absagen.
Die schottische Regisseurin („Ratcatcher", „Morvern Callar") hat mit "We
Need to Talk about Kevin" den gleichnamigen Bestseller von Lionel Shriver
als psychologischen Thriller verfilmt: Die Reisebuchautorin Eva steht vor dem
Scherbenhaufen ihres Lebens; nichts ist mehr, wie es war. Ihrer Familie ist
Schreckliches widerfahren, der eigene Sohn hat ein grausames Verbrechen
begangen. Nach und nach entspinnt sich das Gewirr aus Erinnerungen, ersten
Anzeichen und verpassten Chancen zu einer Geschichte über Schuld und
Verantwortung. Hat Eva ihren Sohn je geliebt? Hätte sie das Unfassbare verhindern
können? War sie als Mutter überfordert? Ramsay traut sich, diesen Fragen
nachzugehen ohne ein eindeutiges Urteil zu fällen. Die radikale
Innenperspektive einer Frau, die alles verloren hat und doch weiterleben muss.
Tilda Swinton wurde für ihre darstellerische Leistung bereits mehrfach
ausgezeichnet - u. a. mit dem Europäischen Filmpreis. Der Film erhielt 2011 die
Auszeichnung als bester britischer Independentfilm.
Xiaolu Guo in der Debüt-Spielfilmjury
Alle zwei Jahre präsentiert der Internationale Debüt-Spielfilmwettbewerb in Köln herausragende Erstlingswerke von Filmemacherinnen. Eine dreiköpfige Jury aus renommierten Vertreterinnen der Filmbranche vergibt unter acht internationalen Produktionen den mit 10.000 Euro dotierten Preis. Als Jurymitglied konnte in diesem Jahr die bekannte chinesische Regisseurin Xiaolu Guo gewonnen werden, die nicht nur als Filmregisseurin, sondern auch als Autorin zu den wichtigsten ProtagonistInnen der jüngeren Generation Chinas zählt.
1973 geboren, studierte Guo an der Filmhochschule in Beijng, bevor sie 2002 nach London zog. Als Schriftstellerin gelang ihr mit Werken wie „Stadt der Steine" (2005) und „Kleines Wörterbuch für Liebende" (2007) international der Durchbruch. Für ihren ersten Spielfilm „She, a Chinese" erhielt sie beim Internationalen Filmfestival von Locarno 2009 den Goldenen Leoparden.
Mit der Politsatire „UFO in her Eyes", den das Festival ebenfalls im Panorama zeigt, ist Xiaolu Guo nun ein ungemein dichtes und vielschichtiges Porträt der aktuellen chinesischen Gesellschaft gelungen. In symbolhaften, surreal anmutenden Bildern erzählt sie von der wirtschaftlichen und sozialen Transformation eines kleinen Bauerndorfes. Als die Landwirtin Yun einem UFO begegnet, nutzt die Dorfvorsteherin den Vorfall, um daraus ökonomischen Profit zu schlagen. Das tritt eine Welle der Modernisierung los, die ihresgleichen sucht: Staatsgelder fließen, der Tourismus wird angekurbelt und sogar die Amerikaner kommen (großartig in einer Nebenrolle: Udo Kier). Gleichzeitig treibt ein Agent der Staatspolizei sein Unwesen und sorgt mit dubiosen Verhören für Verunsicherung. Werden die einfachen Leute die radikalen politischen Veränderungen unbeschadet überstehen?
Xiaolu Guo wird ab März als Stipendiatin des DAAD in Berlin sein. Interviewanfragen vermittelt das Festival gern.
Weitere Programmreihen des Festivals:
Nationaler Wettbewerb für Bildgestalterinnen, „Filme aus Polen" im Rahmen von Klopsztanga. Polen_grenzenlos_NRW, Kinder- und Jugendfilmprogramm, Girls' Focus, Werkstattgespräche und weitere Specials
Aktuelle Informationen:
www.frauenfilmfestival.eu, www.facebook.com/IFFF.Dortmund.Koeln
Quelle: Internat. Frauenfilnfestival
Tweet
zum Archiv



