Die Hüterin der freigelassenen Bücher

Zu Gast im Gutshotel Groß Breesen

Gelesene Bücher erwartet oft ein trauriges Schicksal: Sie verstauben im Regal. Conny Weiß vom ersten Bücherhotel Deutschlands gibt den vergessenen Büchern eine zweite Chance.



1. Bücherhotel, Foto: Andreas KroneRoland Gärtner ist weit, weit weg. In der Prärie, den Cordilleren, am Rio de la Plata folgt er den Spuren Old Shatterhands, lernt Winnteou kennen und kämpft gegen Schmuggler und gefährliche Verbrecher. Doch er ist nicht allein. Egon Erwin Kisch begleitet ihn. Der kommt gerade von einem Prozess. Der Angeklagte: Karl May.

Dorit Wehle dagegen streift durch London. Sie entdeckt an einer Scheibe einen Zettel. „Zimmer mit Frühstück" lautete die gedruckte Aufschrift. Gemeinsam  mit Roald Dahl betritt sie die kleine Pension. Wenig später spürt sie, wie eine Gänsehaut ihre Arme überzieht.

„Darf ich Ihnen eine heiße Schokolade bringen?" Stille. Keine Antwort. Roland und Dorit tauchen erst langsam aus ihren fernen Welten auf. Dabei sitzen sie eng aneinander gekuschelt auf einem bunten Sofa, ein dickes Kissen im Rücken und eine warme Decke über den Knien. „Eine Schokolade?", wiederholt Dorit. Dann lächelt sie den Kellner an. „Oh ja, die kann ich jetzt gut gebrauchen."

Roland und Dorit wohnen in Dresden. Doch an diesem Wochenende sind sie nach Groß Breesen in Mecklenburg-Vorpommern gefahren. Groß Breesen liegt gleich neben Klein Breesen. Und das liegt am Ende der Welt und dann noch 200 Meter weiter. Hier, wo Sternberger Seenland, Mecklenburgische Schweiz und Nossentiner Heide aneinandergrenzen, gibt es das 1. Bücherhotel Deutschlands. Das Reich von Conny Weiß (48), Hüterin der freigelassenen Bücher.

 

Bücher sind für mich eine Wohltat, eine Quelle, die den Blick schärfen für Wichtiges, Schönes und Romantisches

Schon als kleines Mädchen hat sie die Lesesucht gepackt. „Ich hatte mir bei einem Schlittenunfall die Lippe verletzt. Während ich süße Milchsuppe schlürfte, las ich die Märchen von Wilhelm Hauff, tauchte in die zauberhaften, orientalischen Abenteuer  vom kleinen Muck und Kalif Storch ein. Damals hoffte ich sehr, meine Lippe möge nie heilen." Doch sie heilte und Conny las trotzdem weiter. Sie studiert Lehramt, organisiert Busreisen, baut vier Reisebüros auf. „Egal, was ich machte, ich hatte immer ein Buch in der Tasche. Bücher sind für mich eine Wohltat, eine Quelle, die den Blick schärfen für Wichtiges, Schönes und Romantisches." Damals lebt Conny Weiß schon auf dem Gut in Groß Breesen. „Als ich es zum ersten Mal betrat, dachte ich: Niemals ziehe ich hier her. Im gleichen Moment unterschrieb ich den Mietvertrag."  Ein verfallenes Gemäuer, in dem nichts mehr richtig funktioniert. „Während ich meine Doktorarbeit schrieb, strampelte ich im Wohnzimmer im Kreis auf einem Fahrrad gegen die Kälte. Der einzige Ofen qualmte, heizte aber kaum." Trotzdem kauft Conny Weiß das Gut '92. „Ich wollte nicht mehr ausziehen."  Baustopp, Insolvenz, immer wieder scheint das Projekt zu scheitern.  „Mich interessieren Herausforderungen. Ich habe in diesem Kampf des Lebens viele Narben davongetragen. Und doch schaue ich auf wundervolle Augenblicke und Erlebnisse zurück, die ich nur erlebt habe, weil ich so manches Mal über meine Grenzen hinausgegangen bin."

 

Conny Weiß, Bücherhotel, Foto: Andreas KroneWerke von Tolstoi, Gorki, Puschkin, Dostojewski, Bildbände, Märchenbücher, Lexika sollten in den Müll. Was für ein Kulturfrevel

1998 eröffnet das Gutshotel. Ein gemütliches Haus, ein Hotel wie viele. „Dass ausgerechnet meine Leidenschaft dem Haus seine unvergleichliche Exklusivität geben würde, dachte ich noch nicht." Der Zufall wollte es so. Nach der Wende landeten die Bücher vieler ostdeutscher Bibliotheken im Container. Auch der Bibliothek der Pädagogischen Hochschule Güstrow droht die Müllhalde. „Als ich davon hörte,  fuhr ich sofort mit kleinem Hänger am Trabi nach Güstrow." 5000 Bücher rettet sie. „Werke von Tolstoi, Gorki, Puschkin, Dostojewski, Bildbände, Märchenbücher, Lexika sollten in den Müll. Was für ein Kulturfrevel." Anfangs stellt Conny die Bücher eher zufällig in Regalen im Hotel auf. „Irgendwo musste ich sie ja unterbringen", lacht sie fröhlich. Eines Tages aber besucht sie ihr Lieblings-Professor von der Hochschule. Während sie plaudern, bekommt der Professor leuchtende Augen. „Du hast mein Buch gerettet. Ich bringe dir eine ganze Kiste anderer Bücher, wenn du mir dafür dieses gibst." Der Deal ist schnell geschlossen. Fast zeitgleich liest Conny in einer Gastronomen-Zeitschrift vom walisischen Bücherdorf Hay-on-Wye in der Nähe von Oxford. „Ich buchte sofort eine Reise dorthin." Begeistert von der einmaligen Atmosphäre des idyllischen Dörfchens, in dem es 40 Antiquariate gibt, kehrt Conny in ihr Dörfchen zurück und weiß: „Das ist die Idee: Ich richte eine Tauschbörse für Bücher ein. Wer zwei Bücher mitbringt, darf sich ein anderes aussuchen." Die Geburtsstunde des Bücherhotels. Seitdem reisen die Gäste mit ungewöhnlichem Gepäck an: Eine Kiste, ein Korb, eine Tasche voller Bücher. Der Eintritt ins Paradies der Leselustigen. Längst haben die Bücher das ganze Haus in Beschlag genommen. Sie dekorieren jeden Tisch, Fensternischen, selbst eine Ecke auf dem Klo, sind Türstopper und Wegweiser zu den Zimmern. Und jede Woche werden es mehr.

 

Bei uns warten die Bücher auf ihre Seelenverwandten. Kommt der Richtige, findet das Buch ihn

Doch das Heiligtum des Bücherhotels ist eine Scheune. Von außen sieht sie unscheinbar, ja sogar hässlich aus. Grauer Putz, zerbrochene Fensterrahmen, eine rohe Brettertür. Einst als Schafstall gebaut, dann als Garage für Landmaschinen genutzt, verbirgt sie heute ein verwunschenes Labyrinth. Sobald man durch die Tür tritt, riecht es nach altem Papier, Staub und Magie. Hier lagern Bücher, Bücher und nochmals Bücher. Mehr als 300 000 Exemplare drängeln sich auf 3.125 Regalmetern, manchmal sogar mehrreihig, bis unter die Dachbalken. Zwischen überquellenden Kartons stakt man oft knietief durch Literatur. Hier ist er, der „Friedhof der vergessenen Bücher" aus dem „Schatten des Windes" von Carlos Ruiz Zafón. Ein Paradies für Schatzsucher. Ephraim Kishon steht direkt neben Lenin, Simmel verdeckt Agatha Christie, Atlas, Kochbuch, Schminkschule, Krimi, BGB, dicht an dicht. Manches scheint trivial, sinnlos. Anderes hat Preise bekommen, sogar den Nobelpreis. Hier ist das unwichtig. Conny: „Bei uns warten die Bücher auf ihre Seelenverwandten. Kommt der Richtige, findet das Buch ihn." Und so werden die Bücher hin- und hergestapelt. „Völlig sinnlos, die Bücher zu sortieren", erklärt Conny Weiß. „Jeden Tag kommen hunderte Bücher dazu, hunderte werden wieder mitgenommen." Auch Dorit Wehle aus Dresden ist unter die Schatzsucher gegangen. Plötzlich juchzt sie: „Degrassi Junior High - die Serie habe ich als Teenie gesehen, manche Tanzstunde dafür geschwänzt. Jetzt habe ich das Buch zur Serie gefunden." Grundschul-Lehrerin Manuela Süß aus Cottbus, freut sich über ein Buch von Dr. Mark Benecke, dem bekanntesten deutschen Kriminalbiologen. Und Floristin Sabine Gebauer aus Hamburg schmökert in Blumen- und Handarbeitsbüchern, die sie gerade entdeckt hat.

 

Conny Weiß, Bücherhotel, Foto: Andreas KroneGeheimsprache: Buch in Lesehöhe - ich will meine Ruhe. Buch abgesenkt - ich habe Lust zu reden

Schon bald sitzen die Schatzsucher wieder eingekuschelt in einer der gemütlichen Ecken und lesen in ihren frischen Beuten. Im Hotel gibt es eine Geheimsprache: Buch in Lesehöhe - ich will meine Ruhe. Buch abgesenkt - ich habe Lust zu reden. Denn hier kommt man schnell mit anderen ins Gespräch. Sicherlich dank der gemeinsamen Leidenschaft, aber auch durch das liebevolle Händchen, mit dem Conny Weiß und Torsten Brock im Hintergrund die Fäden führen. Torsten, der Freund aus Studienzeiten, der eines Tages vor drei Jahren in Warnemünde vor ihr stand. Und seitdem nicht mehr aus Connys Leben wegzudenken ist. „Ohne ihn geht es weder in meinem Herzen noch im Betrieb richtig. Durch ihn ist es ein Haus der Liebe geworden."  Torsten hält Conny den Rücken frei, kümmert sich um alles Handwerkliche, den Garten, die Besorgungen.

Wann immer es geht, liest Conny ihre Lieblingstexte vor. Mit einem Korb voller Bücher, die Lesebrille auf der Nase, sitzt sie dann unter einer romantisch funzelnden Stehlampe. „Glücklicherweise habe ich viele Jahre Kabarett gespielt. Trotzdem übe ich vor jeder Lesung, habe immer noch Lampenfieber." Wer will, ist dabei. Wer nicht will, nimmt sich ein Buch, hält es in Lesehöhe und hat seine Ruhe. Im Gut Breesen, dem 1. Bücherhotel Deutschlands, findet man die Ruhe, 24 Stunden seiner allerliebsten Beschäftigung zu frönen. Und eins ist sicher: Für geistigen Nachschub ist hier immer gesorgt.

www.Gutshotel.de

 

Und hier fühlen sich Literaturfreundinnen und -freunde auch wohl:

Literaturhotel Franzosenhohl in Iserlohn, 2.000 aktuelle Bücher, Hörbuchstation mit einer Datenbank, auf der man in 40.000 Titel reinhören kann, Schreib-Workshops mit Autoren, jede Woche ist ein anderer Autor zu Gast, www.literaturhotel-franzosenhohl.de

Bücherdorf Mühlbeck-Friedersdorf in der Nähe von Bitterfeld, 14 Antiquariate, www.buchdorf.com

Bücherdorf Müllenbach in Marienheide, 14 Antiquariate,  Öffnungszeiten: Jedes 1. und 3. Wochenende im Monat, Sa./ So. 11:00 - 17:00 Uhr, www.buecherdorf-muellenbach.de

Bücherstadt Lagenberg in Velbert, 7 Antiquariate, www.buecherstadt-langenberg.de








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