Eine Bücherinsel mitten im Wald

Andrea Reichart, Direktorin des Literaturhotels Franzosenhohl

Der Weg zum Hotel führt über Serpentinen mitten in den Wald. 400 Meter oberhalb von Iserlohn liegt das Literaturhotel Franzosenhohl. „Boh, ist dat hier schön!", entfährt es Andrea Reichart auch nach drei Jahren am neuen Standort noch immer. Die Hoteldirektorin, die im Ruhrgebiet 30 Jahre lang mitten im Großstadtverkehr lebte und arbeitete, hat am „Tor zum Sauerland" einen Traum wahr werden lassen.



Andrea Reichart fühlt sich mitten zwischen Büchern am wohlsten„In der ersten Nacht dachte ich, ich habe einen Hörsturz und bin taub", lacht sie. „Da habe ich mit meinem Hund geredet." Das Hotel mit dem ungewöhnlichen Motto kam „wie ein Sechser im Lotto" zur ehemaligen Buchhändlerin, die ihren Essener Buchladen bis 2008 führte. Dort hatte sie regelmäßig mit Helmut Holzhauer zusammen gesessen, einem Literaturliebhaber, mit dem sie gerne einer Tasse Kaffee über Bücher ins Gespräch kam. Als er ihr von seinem Vorhaben, eine Immobilie zur Geldanlage zu erwerben, erzählte, lautete ihr Kommentar: „Ich wüsste schon, was ich daraus machen würde." Denn ein Haus, in dem Gastlichkeit und Literatur einen gemeinsamen Ort haben, den hatte sie sich schon immer gewünscht. Und so taten sich der Investor und die Visionärin zusammen.

2006 begannen die Arbeiten an der Bauruine aus dem 19. Jahrhundert, Anfang 2008 wurde das runderneuerte Hotel eröffnet. „Inzwischen sind wir das bekannteste 24-Zimmer-Hotel Deutschlands", strahlt Andrea Reichart und erzählt von dem Glück, im Sommer 2009 mit einem dpa-Artikel über die Bundesgrenzen hinaus die Presselandschaft aufgemischt zu haben. „Tim Gabel, seinen Namen werde ich nicht vergessen", erzählt Andrea Reichart. Der junge dpa-Autor hatte die Geschichte klug im Sommerloch platziert, das Hotel profitiert davon.

Aber auch in den Jahren davor hatte Andrea Reichart keine Zweifel, auf dem richtigen Weg zu sein. Den eigenen Laden und damit die berufliche Selbstständigkeit aufzugeben, fiel der Germanistin und ausgebildeten Buchhändlerin nicht schwer. „Den Existenzkampf draußen vermisse ich nicht." Auch wenn der Arbeitsalltag im Hotel unvergleichlich ist. „Ein Buchladen hat irgendwann zu", sagt sie, „in einem Hotel sind Sie 24 Stunden im Dienst." Andrea Reichart, die ihren Wohnsitz ins Hotel verlegt hat, genießt den Job dennoch. Wegen der wunderbaren Landschaft und weil sie täglich von Büchern umgeben ist.

Das Literaturhotel ist für Tagungsgäste ebenso ausgestattet wie für Erholungssuchende2.700 Bände gehören zurzeit zur Bibliothek des Hotels. Dass Bücher hier nicht nur Deko, sondern Gebrauchsgegenstände sind, merken Gäste spätestens beim Eintritt in die Lobby. Raumhohe Regale voller aktueller Literatur, gemütliche Sessel und je nach Tageszeit lesende Gäste. Wer so begrüßt wird, greift leichter zum Buch, glaubt Andrea Reichart und stellt doch fest, dass gerade Geschäftsreisende, die den Großteil ihrer Gäste ausmachen, eine Weile brauchen, bis sie die Idee verstanden haben. „Erst beim zweiten Besuch greifen Sie sich direkt ein Buch."

Mit Lesungen, die als Event daherkommen, zieht sie regionales und zunehmend auch Hotelpublikum ins Franzosenhohl. Für Aktionen wie „Wein im Foyer" oder „Matinee-Brunch mit Lesung" braucht sie Autoren und Autorinnen, die sich auf so viel Nähe zum Publikum einlassen und die „mit ihrem Charisma zum Beispiel ein ganzes Wochenende füllen können".

Die Hoheit über das Veranstaltungsprogramm hat Andrea Reichart selbst und sucht laufend nach Newcomern auf dem Literaturmarkt und neuen Kooperationen. Der Hotelbetrieb selbst liegt in der kaufmännischen Hand von Hildegard Holzhauer, der Schwiegertochter des Investors, zehn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sorgen für reibungslose Abläufe.

So hat Andrea Reichart sich das vorgestellt: Gastlichkeit und Literatur unter einem Dach„So habe ich mir das vorgestellt", schwärmt Andrea Reichart. „Literatur rund um die Uhr in einem Haus der Gastlichkeit, in dem das Lesen im Vordergrund steht."
Selbst kommt die Direktorin kaum noch zum Lesen. Schreiben tut sie gelegentlich nachts - wie früher auch schon. Das Manuskript eines Romans, der von einer Buchhändlerin und einem Millionär erzählt, die ein literarisches Gasthaus eröffnen wollen - und im Chaos enden, liegt zurzeit bei den Verlagen. Der zweite Band ist im Kopf schon fertig, zum Schreiben fehlt gerade die Zeit.

http://www.literaturhotel-franzosenhohl.de

10/2009








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