Das Leben einfacher, schöner und reicher machen
Was reisende Frauen in der Wüste suchen und finden
Raus aus dem Alltag, sich auf Fremdes einlassen, Weite genießen. Das lässt sich an vielen Orten erleben. In der Wüste ist es eine besondere Erfahrung. Reiseveranstalterinnen laden Frauen zu besonderen Wüstenreisen ein.
Foto: Fabian Voswinkel/ pixelio
(aus: existenzielle 2/06)
„Ich glaube, es gibt prädestinierte Stunden, höchst geheimnisvolle, privilegierte Augenblicke, in denen bestimmte Landschaften, bestimmte Städte uns ihre Seele in einer subtilen Intuition enthüllen, in denen wir plötzlich die richtige, einzige, unauslöschliche Sicht begreifen." Mit diesen Worten beschrieb Isabelle Eberhardt vor über hundert Jahren den Zauber, den die Wüste auf sie ausübte. Und der so stark war, dass sie ihr bürgerliches Leben in Europa verließ, um an diesem kargen Ort zu leben. Für ihre Leidenschaft bezahlte sie einen hohen Preis. Als sie 27 Jahre alt war, passierte das schier Unglaubliche. Sie ertrank bei einem starken Regen in einem sonst ausgetrockneten Flusslauf in der kleinen marokkanischen Wüstenstadt Ain-Sefra.
Heute sind Reisen in die Wüste nicht mehr den Pionieren vorbehalten. Viele Reiseveranstalter haben für ihre Kundschaft den Reiz der bizarren Stein- oder Sandlandschaften entdeckbar gemacht und bieten von Ein-Tages-Abenteuern mit dem Jeep bis zu Buddhismus-Seminaren alles an. Doch auch wer auf der Suche nach den schlichten, aber tiefgehenden Erfahrungen Isabelle Eberhardts ist, wird noch fündig. Es scheint sogar mehr denn je. Vor allem Frauen sehen die Wüste nicht unter Survival-Aspekten, sondern als Ort der Entdeckung und Besinnung und wollen dabei unter ihresgleichen sein. „Alles, was uns in unserem westlichen Leben wertvoll und wichtig erscheint, wird bedeutungslos", fasst Rita Pfeiffer von der Wüstenreisen-Agentur Prince du Sable die fast immer gleichen Erlebnisse zusammen. „Materieller Wohlstand, Macht, berufliche Karriere, egal was, alles relativiert sich. Das Leben beschränkt sich auf den Tagesrhythmus, der mit Sonnenaufgang beginnt und mit Sonnenuntergang endet."
Dazwischen gibt es jede Menge Raum für Beobachtungen. Der weite Horizont, die Beschaffenheit des Sandes, wechselnde Dünenformationen und der endlose Himmel drängen den sonst so geschäftigen europäischen Alltag in den Hintergrund. Das Gefühl für Zeit geht schnell verloren. Die Überschaubarkeit des Tagesablaufs, getaktet durch die Natur, wirkt beruhigend auf die reisenden Frauen. Die Stille und Klarheit in der Gemeinschaft der kleinen Karawane bringt nach Ansicht von Rita Pfeiffer, die neben ihrer Tätigkeit in der Agentur auch als Heilpraktikerin arbeitet, so manchen therapeutischen Prozess in Gang. „Da geht alles wie von selbst", so ihre Erfahrung mit der Psyche der reisenden Frauen. Allein mit sich und der Natur, aber eben doch nicht einsam, stoßen viele Frauen schnell auf die drängenden Fragen ihres Lebens - und finden auch Antworten.
Rita Pfeiffer bietet gemeinsam mit ihrem marokkanischen Mann seit 2004 Wüstenreisen auf dem deutschen Markt an. Ihr Mann, selbst Berber und in der Wüste geboren, betreut das Geschäft von Marokko aus. Rita Pfeiffer macht immer wieder die Erfahrung, dass Frauen die Wüste anders erleben als Männer. Während Männer sich für die geographische Lage, die Anatomie der Dromedare und die Tiefe des nächsten Brunnens interessierten, suchten Frauen nach dem Sinn des Lebens. Pauschal geurteilt. „Ich habe aber auch Männer erlebt, die eine psychische Metamorphose durchmachten", so Rita Pfeiffer.
Foto: johnnx b/ pixelio
Aber auch wer gar nicht auf der Suche nach Veränderung ist, kann sich der Macht des Ortes offenbar nicht entziehen. Evelyn Bader, Mitbegründerin des mittlerweile 21-jährigen Berliner Reiseveranstalters „Frauen unterwegs - Frauen Reisen", nennt sich selbst eine bekehrte Wüstenreisende. „Ich bin begeistert von der Stille und dem Raum", beschreibt sie ihre persönliche Erfahrung. „Jede Minute ändert sich das Licht, man entdeckt ständig Neues. Eine grüne Pflanze oder eine Versteinerung."
Beigaben wie Yoga oder ähnliches hält sie für überflüssig, denn die Frauen seien ja gerade auf der Suche nach dem einfachen und überschaubaren Leben. Zentral bei einer Wüstenreise ist nach Evelyn Baders Einschätzung auch die klassische Frauen-Frage „Kann ich das überhaupt?" „Viele Frauen treten eine solche Reise mit Ängsten an. Und stellen dann schließlich fest, dass diese unbegründet waren. So eine Erfahrung nimmt man in den Alltag mit zurück."
Zu den Ängsten gehören nicht nur die vor Schlangen oder Skorpionen. Allein im Schlafsack unter einem riesigen Sternenhimmel zu schlafen, ist eine Grenzerfahrung, die keine unberührt lässt. Auch der Verzicht auf den täglichen Luxus gehört zu den elementaren Erfahrungen, die eine Wüstenreisende macht. Wer Dusche und Toilette, bequemes Bett und verschönernde Maßnahmen entbehren muss, empfindet sich im wahrsten Sinne des Wortes als „ungeschminkt". Diese scheinbare Banalität auszuhalten, wird belohnt mit einer Ungezwungenheit und Freiheit, die es im Alltag zuhause nur selten gibt.
Die tiefen persönlichen Erkenntnisse sind der Grund dafür, dass sich die Nachfrage der Frauen nach Wüstenreisen zu einer kleinen, aber feinen Nische entwickelt. In Ländern wie Frankreich, Belgien oder Holland gehört der Trip in die von der Zivilisation weitgehend verschonten Regionen schon länger zur touristischen Normalität. Doch genau diese Normalität wollen die Veranstalterinnen der Frauenreisen vermeiden. Kein Wachstum um jeden Preis, kein moderner Tourismus, sondern individuelles Reisen mit Respekt vor der Natur und der einheimischen Bevölkerung ist das Credo der Reisefrauen.
Im Gegensatz zum heutigen Massentourismus, der zum Ziel hat, die jeweils aktuellen Lebensbedingungen inklusive deutschem Kaffee und Zeitung in klimatisch ansprechendere Regionen zu transportieren, hat sich an einer Wüstenreise in den letzten Jahrhunderten relativ wenig verändert. Die kanadische Autorin Barbara Hodgson beschreibt in ihrem Buch „Die Wüste atmet Freiheit" Frauen, die zwischen 1717 und 1930 die Reise in den Orient antraten. Auf der Suche nach den Gründen für die Abenteuerlust, stieß Hodgson vor allem auf zwei Besonderheiten dieser Region. Zum einen bot die geographisch nahe und doch so fremde Kultur den Frauen die Möglichkeit den starren europäischen Konventionen zu entfliehen. Den anderen Grund für die Orientbegeisterung sieht die Autorin in der privilegierten Behandlung, die die Frauen von den Einheimischen erfahren durften. Reisende Frauen waren in der damaligen Zeit exotisch und vom Status nicht unter dem der Männer. Auch wenn die Welt in den letzten Jahrzehnten zusammengerückt ist, beide Gründe gelten mehr oder weniger auch heute noch.
Auch wenn in unserer Zeit die Freiheiten zumindest im gesellschaftlichen Bereich ungleich größer sind, an modernen Konventionen und Zwängen fehlt es dennoch nicht. Der einzige Unterschied ist vielleicht, dass man heute die Entscheidung selbst treffen muss, welches Lebensmodell mit dazugehörigen Einschränkungen man wählt. Die Vielfalt unserer Möglichkeiten kann bedrückend sein, da uns ständig neue Entscheidungen und Bewertungen abverlangt werden. Dass die Reduktion auf ein Minimum das Leben einfacher, schöner und sogar reicher macht, wird zur Entdeckung, die ein ganzes Leben verändern kann. Diese Erkenntnis ist für Wüstenbewohner nicht neu. Ein Tuareg-Sprichwort sagt: „Keiner, der in die Wüste geht, kommt als derselbe wieder heraus."
"Das ist mein Land"
Von den Wäldern in Niederösterreich in die Wüste Nordafrikas
Waltraud Petschmann-Toumi lebt seit 1993 in Tunesien. Gemeinsam mit ihrem tunesischen Mann leitet sie die Agentur Nasira, die spezielle Wüstenreisen für Frauen anbietet. Sie hat zwei Töchter.
Sie leben seit 13 Jahren in Tunesien. Was hat Sie dazu bewogen nach Nordafrika auszuwandern?
Die Entscheidung für meine Übersiedlung nach Tunesien fiel schon sehr früh und eigentlich sehr unspektakulär. Im Alter von 14 Jahren buchte meine Mutter für uns beide einen Badeaufenthalt in Tunesien. Ich war nicht besonders begeistert von der Idee, weil ich viel lieber nach Spanien wollte und „motzte" noch beim Hinflug im Flugzeug. Wir landeten in Monastir, die Tür des Flugzeugs ging auf, ich trat hinaus auf die Treppe, atmete tief ein und sagte zu meiner Mutter „Das ist mein Land. Hier will ich später leben" ...
Inzwischen leben Sie mit ihrer Familie am Rande der Wüste.
Das hat sich dahin entwickelt. Nach dem Abschluss des Studiums bin ich nach Tunesien gekommen und habe zunächst einige Jahre in der Tourismusbranche gearbeitet. 1999 habe ich dann zusammen mit meinem tunesischen Mann die Firma „Nasira Exclusive Travel Consulting" gegründet. Da sich unsere Reiseschwerpunkte mit der Zeit immer mehr in den Süden verlagerten, übersiedelten wir schließlich im September 2003 gleich ganz dorthin. Ich bin also von den ausgedehnten Wäldern im nordwestlichen Niederösterreich in die Wüste Nordafrikas gezogen. Schon ein ziemlicher Gegensatz - aber schön!
Sie bieten speziell Reisen für Frauen an. Was suchen die Frauen in der Wüste?
Erkenntnisse, eine Selbsteinschätzung des bisherigen Lebens, aber auch einfach nur Entspannung, Stress- und Angstabbau und das Erlebnis mit anderen Frauen gemeinsam. Außerdem sind Frauen im allgemeinen - Ausnahmen gibt es natürlich - eher spiritueller und intuitiver „unterwegs" als Männer, was für die Kamelwanderungen in der Wüste eine sehr gute Basis ist. Sie lassen sich eher „tragen". Nach meiner Erfahrung sind es vor allem Frauen zwischen 40 und 60, weil sie an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben „halt machen" wollen, um zu schauen wie es weiter geht - wofür die Wüste natürlich sehr gut geeignet ist.
Erleben Sie bei den Frauengruppen ein anderes Interesse an der Wüste und der fremden Kultur?
Ohne jetzt auf Vorurteile hereinfallen zu wollen - ja, ich denke schon. Bei unseren Reisen habe ich bei Frauen oft das Gefühl, dass sie sich viel schneller und besser in neue Gegebenheiten einleben können als Männer. Sie haben kein Problem damit „Greenhorns" zu sein und sich von unseren Beduinenguides leiten und führen zu lassen, sondern genießen die Fürsorge.
Männer tun das nicht so?
Nein, sie fühlen sich dabei häufig nicht so gut, noch dazu in dieser Konstellation, das heißt Beduinen gegenüber, die ja oftmals - wenn auch nur irgendwo im Hinterkopf - als „unter dem eigenen Niveau stehend" empfunden werden. Anderen Männern gegenüber als unwissend und hilflos da zu stehen, empfinden viele europäische Männer als eher unangenehm. Männer möchten lieber selbst aktiv sein, kontrollieren, überwinden und gehen daher lieber mit Geländewagen in die Wüste, am liebsten als Selbstfahrer. Außerdem meine ich, dass Frauen neugieriger sind und sich von anderen Kulturen weniger „bedroht" fühlen als Männer, da sie nicht das Gefühl haben „sich und die ihren" gegen „Fremdes verteidigen zu müssen".
Autorin: Barbara Münzer



