Getümmel in Kreuzberg

Von der Faden­insel zum Hamam in der Schokofa­brik

„Kreuzberg ist wieder in", schreiben die Zeitungen. Neue Bars und Geschäfte, die noch vor einer Weile in Mitte oder Prenzlauer Berg ihre Türen geöffnet hätten, sind nun hier zu finden. Die Oranienstraße zeigt sich von solchen Veränderun­gen allerdings unbeeindruckt: Gemüsehändler haben neben Second Hand Läden und Imbissen unterschiedlichster Nationa­lität Stände mit Tomaten und Zucchini aufgebaut, Stühle ste­hen vor Cafés, ein Sprachgewirr hängt in der Luft. Wie immer.



Foto: Klicker / pixelio.deMitten in diesem bunten Treiben befindet sich die Faden­insel. Seit 1985 bietet Marita Tenberg Naturstrickgarne und Strickzubehör an. Flauschige Wollstränge hängen an den Wän­den, Seiden- und Mohairknäuel liegen in den Regalen. Gern sind die Mitarbeiterinnen bereit, mit Rat und Tat bei der Woll­auswahl oder auch bei Strickproblemen zur Seite zu stehen. Für Strick-Faule gibt es fertige Pullover, Socken, Strumpfhosen und Damenoberbekleidung aus Seide und Leinen. Auf Anfrage werden nicht nur Schals und Mützen gestrickt, sondern auch schon mal Strickaufträge für Modenschauen von Designerinnen erledigt.

Wer noch weiteres Zubehör sucht, wird vielleicht gegen­über bei Knopf und Kragen fündig. Bordüren, Stoffe, Schnal­len, Pailletten, Gürtel und Taschen. Schon als Kind spielte Helena Spahn neben der Nähmaschine der Großmutter am liebsten mit Knöpfen. Mit dem kunterbunten Knopfladen hat sie sich schließlich einen Kindheitstraum erfüllt. Ob Perlmutt, Horn, Stein, Metall, bunt, schillernd, matt - es gibt wohl kaum einen Knopf, der hier nicht zu finden ist.

Doch zu viel Stadtgetümmel ist anstrengend. Müde Seelen können gleich um die Ecke im Türkischen Bad der Schokofa­brik, dem größten Frauenzentrum Europas, abtauchen. Schon im ruhigen Innenhof bleibt der Lärm der Straße draußen. Vor über 25 Jahren gegründet, ist die ehemals durch Frauen be­setzte Schokoladenfabrik mittlerweile eine Genossinnenschaft. Auf sieben Etagen können Beratungs-, Bildungs-, Sport- und Freizeitangebote wahrgenommen werden. Teil dieses Angebots ist das Hamam.

Foto: Hamam in der SchokofabrikWährend hier der Körper mit warmem Wasser begossen und mit einem Seidenhandschuh massiert wird, wer­den die Muskeln weich und die Haut geschmeidig. Außerdem besteht die Möglichkeit, sich bei einer Wellnessmassage durch eine ausgebildete Masseurin oder bei einer Kosmetikbehand­lung zu entspannen. Und liegt man dann wohlig schnurrend mit einem Glas türkischen Tee auf einer der Liegen im Ruhe­raum, lässt man nur zu gern die Stadt da draußen noch ein wenig allein weiter toben.

Autorin: Ilke S. Prick

(aus: existenzielle 3/2007)



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