Töchter in großen Fußstapfen

Wie junge Frauen Familientraditionen weiterführen

Die Rolle der Tochter verändert sich, wenn sie Geschäftspartnerin, Nachfolgerin oder Kollegin ihrer Eltern wird. „Ich muss die Verantwortung übernehmen und auch die privaten Grenzen setzen“, sagt Jutta Zeisset, die in Weil am Rhein das MuseumsCafé und den Hofladen ihrer Eltern weiterführt. „Das kann ich von meinen Eltern nicht verlangen."



Jutta Zeisset(aus existenzielle 4/2006)

„Weil ich komme und weitermache“
Jutta Zeisset, 25, führt seit zwei Jahren Laden und Café auf dem Bauernhof ihrer Eltern in Weisweil am Rhein

"Gedanklich hatte ich mich längst verabschiedet. Als ich vor einigen Jahren zuhause auszog, um als Gärtnerin zu arbeiten, war das Kapitel Familienbetrieb eigentlich abgeschlossen. Dass ich dann doch beschlossen habe, den Hof meiner Eltern und den Hofladen weiterzuführen, war eine ganz spontane Entscheidung. Meine Eltern riefen mich im Januar 2001 an, um – wie auch meinen fünf Geschwistern zuvor – mitzuteilen, dass sie den Betrieb, den sie fast 40 Jahre lang geführt haben, abgeben wollten. „Ihr dürft es nicht verkaufen!“, war meine spontane Reaktion. Und auf ihre Frage: „Warum denn nicht?“, antwortete ich, ohne lange nachzudenken: „Weil ich komme und weitermache.“ Das war total überraschend – für mich, für sie, für alle!
Ich wollte einfach die Kunden nicht aufgeben, mit denen ich zum Teil aufgewachsen bin.  Ich wusste, dass ich selbstständig arbeiten will – und dass ich hierher gehöre. Das alles kam zusammen und dann sind wir die Sache gemeinsam und entspannt angegangen. Der Betrieb meiner Eltern ist für einen landwirtschaftlichen Betrieb nicht groß. Fünf Hektar Land gehören dazu, der Hofladen hatte damals 20 Quadratmeter und erwirtschaftete etwa 20 % des Umsatzes, 80 % kamen aus dem Direktvertrieb. 600 private und gewerbliche Kunden werden im Raum Freiburg regelmäßig mit Eiern von unseren Hühnern beliefert. Schon als Kind habe ich meinen Vater auf den Verkaufstouren begleitet und heute sind wir wieder gemeinsam unterwegs.

Nachdem ich entschieden hatte, dass ich den Betrieb übernehmen werde, haben meine Eltern und ich gemeinsam überlegt, was wir verändern können, damit das Unternehmen auch für zwei Familien wirtschaftlich laufen kann. Wir waren uns einige, dass wir weiter auf den Direktvertrieb setzen. Aber wir wollten auch mehr Leute auf den Hof und in den Laden holen, haben eine Backstube eingerichtet und unser Sortiment um frisches Brot erweitert. Die Ressourcen, die wir haben, müssen wir nutzen, das ist meine Devise. Meine Mutter backt, ich habe die Gabe des Verkaufens, das ist meine Stärke. Anfangs haben wir zwei Mal in der Woche gebacken, dann täglich. Die Resonanz hat uns selbst überrascht und uns ermutigt, den nächsten Schritt zu gehen und 2005 das MuseumsCafé zu eröffnen. Mein Vater sammelt alte landwirtschaftliche Geräte, besonders aus dem letzten Jahrhundert, die stellte er im ehemaligen Hühnerstall aus. Die Idee haben wir dann weitergesponnen und am Platz der alten Scheune einen Cafébetrieb eröffnet. Die drei Geschäftsbereiche Direktvertrieb, Laden und Gastronomie erwirtschaften jetzt jeweils ein Drittel des Umsatzes und das ist ein gutes Verhältnis. Mittlerweile beschäftigen wir 3 Festangestellte und 15 Teilzeitkräfte in Café und Backstube.

2004 habe ich den Betrieb von meinen Eltern offiziell übernommen, bis dahin war ich bei ihnen angestellt. Die Zeit habe ich gebraucht, um langsam in die Verantwortung zu wachsen, die Zeit haben auch meine Geschwister gebraucht, um zu sehen, was aus ihrem Elternhaus wird. Mein Eltern und ich treffen unternehmerische Entscheidungen nach wie vor gemeinsam. Sie sind mit ihren Erfahrungen die wichtigste Ressource für mich. Ihr Konzept waren die Fußstapfen, in die ich gut treten konnte. Von ihnen habe ich das Handwerkszeug zur Selbstständigkeit gelernt, den Umgang mit Mitarbeitern und die Zielstrebigkeit mit jeder Konsequenz."

 

Wiebke Becker„Ich werde hier mal Chef!“
Wiebke Becker will die Bäckereikette ihres Vaters in Hamburg übernehmen

„Die Backstube war für mich immer wie ein zweites Zuhause. Die Mitarbeiter kenne ich zum Teil seit 25 Jahren. Schon als Kind bin ich durch den Betrieb gelaufen und habe gerufen „Ich werde hier mal Chef!“. Als ich 23 Jahre alt war, hat mich mein Vater gefragt, ob es mir wirklich ernst ist damit. Klar war es das!
Meine Eltern betreiben eine Bäckerei mit einem Hauptgeschäft und zwei Filialen und verkaufen auch an Wiederverkäufer. Der Betrieb wurde schon von meinen Großeltern gegründet. Leider konnte ich keine Bäckerlehre machen, weil ich eine Mehlstauballergie habe. Deshalb habe ich Einzelhandelskauffrau gelernt und anschließend in Hamburg Technische Betriebswirtschaftslehre studiert.
Vor zwei Jahren, als ich mit dem Studium fertig war, ist hier im Stadtteil Harburg ein neues Einkaufszentrum gebaut worden, in dem mein Vater auch eine Filiale eröffnen wollte. Wir dachten gleich, das ist doch eine Gelegenheit, wo ich auch mit einsteigen kann. Ursprünglich wollten wir das neue Geschäft zu zweit betreiben, aber der Steuerberater hat uns davon abgeraten. Da habe ich gesagt, dann mache ich es ganz alleine. Ich habe all meine Ersparnisse in dieses Geschäft gesteckt, von meinen Eltern wollte ich kein Geld haben. Die Pacht, die drei Mitarbeiter und eine Auszubildende, darum muss ich mich selbst kümmern. Für die Kunden ist nicht ersichtlich, dass diese Filiale mir gehört, denn ich benutze den gleichen Schriftzug wie meine Eltern. Brot und Gebäck kaufe ich meinen Eltern ab und verkaufe es weiter. Abends, wenn ich mein Geschäft geschlossen habe, helfe ich noch im Betrieb meines Vaters und mache die Abrechnungen.
Mein Vater hilft mir mit allen organisatorischen Fragen. Bei den meisten Leuten ist es ja so, dass es für sie Freizeit bedeutet, mit ihren Eltern zu telefonieren. Das ist bei mir anders, bei mir sind solche Gespräche immer auch geschäftlich. Überhaupt muss ich immer abrufbar sein, seit ich selbstständig bin. Oft klingelt frühmorgens oder am Wochenende das Telefon und ein Mitarbeiter sagt, dass er krank ist. Dann muss man die Dienstpläne neu machen und auch selbst mehr arbeiten. Da bin ich manchmal richtig neidisch auf meinen Freund: Der ist Angestellter, und wenn er abends nach Hause kommt, dann hat er auch wirklich Feierabend.
Die Verantwortung für ein Geschäft zu tragen ist nicht immer einfach. Niemand klopft einem auf die Schulter und sagt „Gut gemacht!“. Aber man weiß, wofür man arbeitet: nämlich für sich selbst. Dafür übernehme ich dann auch gern die Verantwortung.
Ich glaube nicht, dass sich mein Verhältnis zu meinen Eltern verändert hat, seit ich mein Geschäft habe. Mein Bruder hat zwar mit der Bäckerei nichts am Hut; er hat Medizin studiert und lebt in Amerika. Aber er ist es gewohnt, dass zuhause immer über die Bäckerei geredet wird. Das war schon so, als wir noch klein waren.
Ich glaube, es ist nicht unbedingt der Beruf des Bäckers, der mich gereizt hat. Wenn meine Eltern keine Bäckerei gehabt hätten, sondern ein anderes Geschäft, wäre ich vielleicht dort mit eingestiegen. Der Betrieb war immer Lebensmittelpunkt der Familie, und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass er verkauft wird. Deshalb möchte ich ihn weiterführen. In den nächsten Jahren wird mein Vater mir eine weitere Filiale verkaufen. Und wenn er ganz aufhören will, dann werde ich das gesamte Geschäft übernehmen.“

 

Nadja Reichertz„Ich bin schon die fünfte Generation“
Nadja Reichertz aus Ellenz an der Mosel, ist Deutsche Juniorenmeisterin des Friseurverbands CAT und wusste schon immer, dass sie den Salon ihrer Eltern übernehmen möchte

„Als ich klein war, habe ich in unserem Frisiersalon mit Lockenwicklern gespielt, und schon im Kindergarten war ich mir ganz sicher, dass ich Friseurin werden wollte. Während der Schulzeit, als ich 13 war, bin ich mal mit meinem Vater zur ‚Trendmode’ nach Darmstadt gefahren, einer Vorführung für Friseure. Ich habe dort beim Preisfrisieren zugeschaut: Dabei müssen Friseure in einer bestimmten Zeit ein Medium, also einen Puppenkopf mit echtem Haar, oder ein richtiges Modell frisieren, und das wird von einer Jury bewertet. Mein Vater hat das früher auch gemacht und ist CAT-Weltcupsieger in Paris geworden. Ein damaliger Teamkollege von ihm ist jetzt deutscher Bundestrainer. Der war auch in Darmstadt, mein Vater hat mich ihm vorgestellt.
Das alles war kurz vor dem Berufspraktikum, das uns die Schule vorschreibt. Der Bundestrainer hat sofort gesagt: „Mach das Praktikum doch bei mir!“. So habe ich zwei Wochen lang in seinem Salon mitgearbeitet, und danach hat er mir vorgeschlagen, ein Aufbautraining zu machen – um an Wettbewerben teilnehmen zu können.
Seitdem besteht ein ziemlich großer Teil meiner Freizeit aus Frisieren. An den Wochenenden muss ich oft zu Trainings, manchmal musste ich mir dafür sogar schulfrei nehmen. Zum Glück hat die Schule das mitgemacht. In den Ferien habe ich meist drei bis vier Wochen lang Kurse an Friseurschulen besucht. Und natürlich auch bei meinen Eltern im Salon geholfen.
Nach meinem Hauptschulabschluss gehe ich jetzt auf die Pivot-Point-Friseurfachschule in Mosbach. Die Ausbildung dort dauert ein Jahr und ist weltweit die beste, die man kriegen kann. Ich habe im August angefangen, jetzt darf ich schon Kunden frisieren. Mir macht die Ausbildung Riesenspaß – ich finde es schön, Leute zu verändern, ihre Wünsche umzusetzen. Und ich arbeite gern mit Menschen zusammen. Einen Bürojob könnte ich mir nicht vorstellen.
Nach dem Jahr an der Pivot-Point-Schule muss ich noch zwei Jahre weiter in einem Betrieb lernen und zur Berufsschule gehen, um meine Lehre abzuschließen. Das werde ich dann bei meinen Eltern machen. Schließlich kenne ich ihren Salon schon ewig. Seit ich in diesem Jahr beim Preisfrisieren Deutsche Meisterin in der Altersklasse bis 25 Jahre geworden bin, habe ich auch noch andere Angebote bekommen. Aber in einem fremden Salon wäre es für mich viel schwieriger, mich auf die Wettbewerbe vorzubereiten. Der Chef würde mir wahrscheinlich nicht für jedes Training und jedes Preisfrisieren freigeben. Das ist bei meinen Eltern natürlich einfacher. Jetzt, an der Schule, übe ich manchmal auch nachts.
Wenn die Gesellenprüfung gut wird, möchte ich gern meinen Meister machen. Und dann irgendwann den Salon meiner Eltern übernehmen. Die finden es natürlich toll, dass ich auch Friseurin werde, denn damit bin ich schon die fünfte Generation in unserer Familie. Was die vier Generationen vor mir aufgebaut haben, möchte ich gern weitermachen.“

 

Claudia Koppe„Jetzt kommen die Schwestern wieder!“
Claudia Koppe arbeitet als freie Journalistin – wie ihre Mutter

„Als ich jünger war, wollte ich unbedingt Werbetexterin werden. In der 8. Klasse war ich einmal bei einem Berufsberater im Arbeitsamt, und der hat zu mir gesagt: Den Beruf, den ich will, den gibt es gar nicht. Ich hatte völlig falsche Vorstellungen von dem, was ein Werbetexter macht. Ich bin also nach Hause gegangen, völlig fertig, und habe gefragt ‚Mama, was soll ich denn jetzt tun?’. Meine Mutter hat mir vorgeschlagen, mit einem Praktikum herauszufinden, was ich will. Ich habe mir dann überlegt, dass ich gern eine ähnliche Arbeit machen würde wie sie. So kam ich zu einem Praktikum bei einer Lokalzeitung in Jena. Gleich nach dem ersten Arbeitstag in der Redaktion habe ich gesagt: Das ist es, was ich machen will!
Nach dem Abitur wollte ich in Leipzig Journalistik studieren, aber ich habe keinen Studienplatz bekommen. Zu der Zeit suchte ein lokaler Fernsehsender in Jena aber gerade Mitarbeiter, die den Videotext schreiben. Eigentlich wollte ich nicht zum Fernsehen, ich wollte mit all der Technik nichts zu tun haben. Aber meine Mutter hat mich angeschubst, mich doch zu bewerben. Ich könne doch immer noch wieder aussteigen, wenn es nicht das ist, was mir gefällt, hat sie gesagt.
Ich habe die Stelle tatsächlich bekommen, und die Arbeit beim Fernsehen hat mir schnell Spaß gemacht. Ziemlich bald bin ich zum Ein-Mann-Team aufgestiegen, habe nicht mehr den Videotext betreut, sondern eigene TV-Beiträge produziert. Daraus ist dann ein Volontariat bei dem Sender geworden, und anschließend habe ich noch einige Monate frei für den Sender gearbeitet.
2001 habe ich dann aufgehört, Aufträge fürs Fernsehen anzunehmen, und gemeinsam mit meiner Mutter eine lokale Jugendzeitschrift gegründet. Sie betreibt einen kleinen Verlag und gibt ein Wirtschaftsmagazin heraus. Die Jugendzeitschrift war ein Herzblut-Projekt für uns beide: Ich hatte eine solche Zeitschrift schon immer vermisst. Nun hatte ich jeden Monat 24 Seiten vollzuschreiben, meine Mutter hat sich um das Wirtschaftliche gekümmert. Das war eine spannende Zeit. Wir haben sehr eng zusammengearbeitet, und mein Vater und meine beiden älteren Geschwister waren oft ziemlich genervt, weil wir immer nur über unsere Arbeit sprachen.
Leider musste ich nach zwei Jahren aus dem Projekt wieder aussteigen. Ich hatte nebenbei angefangen zu studieren, Medienwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften und Ostslawistik. Und als es auf die Magisterprüfung zuging, wurde mir die Arbeit für die Zeitschrift zu viel. Ein Jahr später haben wir die Zeitschrift ganz eingestellt. Denn nach dem Ende meines Studiums wollte ich lieber wieder fürs Fernsehen arbeiten. Jetzt bin ich unter anderem freie Mitarbeiterin bei einer Münchner Produktionsfirma.
Die Entscheidung für meinen Beruf war meine eigene. Aber meine Mutter hat mir den Journalismus vorgelebt. Ich hab bei ihr gesehen, dass das Anerkennung bringt, Spaß machen und man davon leben kann. Ich habe mich auch nicht bewusst dafür entschieden, freiberuflich zu arbeiten. Das hat sich alles so ergeben, weil ich ja schon mehrere Jahre frei gearbeitet hatte. Schon während des Studiums hat meine Mutter mich immer motiviert und gesagt, „nun mach mal was!“. So kannte ich schon viele Auftraggeber, und es war nichts Neues für mich, sich selbst zu organisieren. Und ich habe mich immer besonders gefreut, wenn wir uns – unabhängig voneinander - auf Pressekonferenzen als Kolleginnen getroffen haben. Manche Kollegen haben sogar scherzhaft geschleimt, „jetzt kommen die Schwestern wieder“. Der gemeinsame Kaffee nach so einer Pressekonferenz war immer sehr lustig.
Natürlich ist es praktisch, dass meine Mutter den Markt für Journalisten kennt. Wir arbeiten nicht mehr zusammen, denn sie schreibt ja für Printmedien, ich produziere hauptsächlich fürs Fernsehen. Aber wenn mich etwas frustriert oder ich einen Rat brauche, ist sie die erste Ansprechpartnerin. Mit ihr rede ich über meine Pläne, sie analysiert mit mir die Auftragslage. Ich habe das Gefühl, dass sie stolz darauf ist, dass ich nun auch Journalistin geworden bin. Wahrscheinlich ist sie ist stolz, auf alles, was ich auch gut mache, auch wenn es mal nicht Journalismus sein sollte, aber so haben wir noch eine Gemeinsamkeit mehr.“

 

„Da hat es bei mir Klick gemacht“
Berit Ertz wollte Medizin studieren, arbeitete dann bei einem großen Lebensmittelkonzern – nun wird sie Juniorchefin des Maschinenbauunternehmens Buddenkotte Apparatebau GmbH & Co. KG in Velen im Münsterland

„Eigentlich war immer schon klar, dass ich das Unternehmen mal führen soll. Mein Opa hat es vor 60 Jahren gegründet. Ursprünglich hat er Schaltschränke gebaut, also elektronische Systeme. Später kam noch Anlagenbau und Edelstahlbearbeitung dazu. Meine Mutter ist Elektrotechnikerin und hat den Betrieb übernommen, als mein Opa 1985 gestorben ist. Derzeit haben wir ca. 65 Mitarbeiter.
Mir ist die Verantwortung für das Unternehmen und die Mitarbeiter also in die Wiege gelegt worden – aber ich habe mich oft dagegen gesträubt. Zu all dieser Technik hatte ich wenig Zugang. Nach dem Abitur habe ich lange überlegt, was ich studieren soll. Ich hätte gerne Medizin oder Psychologie gewählt, oder vielleicht Fremdsprachen. Aber diese Fächer hatten eben keine Verbindung zu unserem Betrieb - da hieß es dann zuhause immer „Was willst du denn damit später machen?“ Deshalb habe ich mich schließlich für BWL an der Universität Münster eingeschrieben.
Das Studium war recht lang und zäh. Ich habe oft überlegt zu wechseln. Erst im Hauptstudium, als ich Marketing und Personal als Schwerpunkt gewählt habe, hat es richtig Spaß gemacht.
Nach meinem Examen habe ich einige Zeit in Bremen und Hamburg bei internationalen Lebensmittelkonzernen im Konsumgütermarketing gearbeitet. Das hat mir sehr gut gefallen – es ging um spannende Produkte und große Werbekampagnen. Aber mir ist auch irgendwann aufgefallen, dass dort für die meisten Frauen im Alter von 35 das Ende der Karriereleiter erreicht ist. Im höheren Management waren jedenfalls kaum Frauen. Wenn ich mal eine Familie gründen möchte, würde ich dort einfach nicht mehr weiterkommen. Da hat es bei mir Klick gemacht: Zuhause kann ich doch für ein Unternehmen arbeiten, wo das Arbeitsklima klasse ist und die Mitarbeiter loyal sind, und dem es wirtschaftlich gut geht.
Ich habe Hamburg verlassen und bin zunächst für eineinhalb Jahre in die USA gegangen, um bei der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in Atlanta zu arbeiten. Es war schon immer mein Traum, länger in den USA zu leben, außerdem wollte ich ein bisschen Abstand gewinnen. Der nächste Schritt war nun, das Familienunternehmen weiterzuführen.
Im Juni war ich zu Besuch in Deutschland und habe auch einigen Mitarbeitern gesagt, dass ich den Betrieb übernehmen werde. Das war ein komisches Gefühl, jetzt wurde es plötzlich endgültig. Aber ich habe auch gesehen, wie es die Mitarbeiter motiviert hat, dass ihre Zukunft jetzt gesichert ist. Und meine Mutter ist natürlich auch glücklich.
Die nächsten drei bis vier Jahre werde ich mit ihr zusammenarbeiten und versuchen, mir einiges von ihr abzuschauen: Ich finde, sie ist eine tolle Chefin, sie geht auf die Mitarbeiter ein. Ich finde es auch beruhigend zu wissen, dass ich nicht sofort völlig auf mich gestellt bin, sondern sie bei Problemen immer fragen kann.
Auf der anderen Seite mache ich mir manchmal Sorgen, dass sie nicht loslassen kann – sie hat doch über 40 Jahre lang alle Energie in das Unternehmen gesteckt. Und von Bremen, Hamburg und Atlanta jetzt wieder in eine Kleinstadt im Münsterland zurückzukehren, ist auch nicht leicht. Aber seit ich meine Entscheidung getroffen habe, kribbelt es mir in den Fingern. Ich freue mich schon darauf, im Winter endlich anzufangen.“

Protokolle: Swantje Wallbraun



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