Junge Frauen brauchen Vorbilder

Berufswunsch: Unternehmerin

Früher war es ganz einfach: Wer in einer Unternehmerfamilie aufwuchs, hatte das selbstständige Vorbild täglich vor Augen. Unternehmerische Karrieren verändern sich. Wir stellen drei Anfänge vor.



Nina Gerling(aus: existenzielle 3/2006)

„Mit dem Know-how wird das Alter überflüssig“

Webdesignerin Nina Gerling setzt sich mit Spezialwissen in der IT-Branche durch

Die Österreicherin Nina Gerling hat sich in Berlin mit einer Internetagentur selbstständig gemacht. Bei der Gründung war sie 21, hatte keine Ausbildung, aber ein gut funktionierendes Netzwerk inkl. Unternehmerfamilie im Rücken. Um ins Geschäft zu kommen, hat ihr die Spezialisierung auf barrierefreie Webseiten genutzt und die entschlossene Investition in die fachliche Weiterbildung.

existenzielle: Sie sind 23 Jahre alt und schon im zweiten Jahr selbstständig. Warum haben Sie den Schritt so früh gewagt?
NINA GERLING: Meine Stelle bei einem Softwareunternehmen wurde wegrationalisiert – und da bot sich der Weg an. Ich komme aus einer Unternehmerfamilie und weiß sehr genau, was Selbstständigkeit bedeutet. Es liegt mir, auf eigene Faust zu arbeiten. Der familiäre Rückhalt hat mir aber auch ganz konkret geholfen. Gerade im Kaufmännischen, als es darum ging einen Business-Plan zu erstellen, habe ich mir Hilfe von meinem Vater geholt.

Wie groß war der finanzielle Druck in der Gründungsphase?
Ich musste nicht viel investieren, die elektronische Grundausstattung hatte ich. In der Zwischenzeit habe ich geheiratet, mein Mann verdient, und da ist es nicht so tragisch, wenn mal einen Monat gar nichts reinkommt. Am Anfang war das sehr erleichternd, aber jetzt läuft es wirklich richtig toll. Spätestens im nächsten Jahr möchte ich ein Büro anmieten, das war mir bislang noch zu teuer. Wenn, dann soll es schließlich auch repräsentativ sein. 

War es schwer, sich in Ihrem Alter in der Branche durchzusetzen?
Im ersten Jahr habe ich schon ein wenig damit gekämpft. Die Akquisition von neuen Kunden ist ohnehin ein hartes Brot. Wenn man dann auch noch zwanzig Jahre jünger ist als die Konkurrenz, ist das manchmal schwierig. Sehr geholfen hat mir der Biene Award, den ich 2004 für das Thema Barrierefreiheit gewonnen hatte. Es geht dabei um Internet-Angebote, die von jedem – auch von Behinderten – uneingeschränkt genutzt werden können. Ich engagiere mich auf dem Gebiet - und das setzt ein perfektes Verstehen von Webdesign voraus. Man muss ganz genau wissen, wie die Seite besucht wird und was die Nutzer wollen. Ich habe mir da inzwischen einen Ruf als Expertin erarbeitet. Das Alter spielt dann keine Rolle mehr.

Wie kommen Sie an Aufträge?
Pünktlich jeden Freitag kommt eine neue Anfrage...(lacht) Und das, obwohl ich eigentlich gar keine Werbung mache. Meine Kunden kommen meistens über Empfehlungen. Ich habe zum Beispiel die Seite für die öffentlichen Bibliotheken Berlin gemacht, die ab Oktober online ist. Darauf werden dann natürlich auch andere Kommunen aufmerksam, die jemanden suchen. Ich mache mich aber auch über Fachvorträge bekannt und bewerbe mich auf Ausschreibungen.

Sie haben nie eine Ausbildung gemacht. Hat das Nachteile für Sie?
Eigentlich nicht. Ich habe mir alles selbst beigebracht, über englische Fachlektüre und über´s Internet, weil es einfach keine gescheite Ausbildung gab. Ich hatte Glück und konnte 2000 noch vom Internet-Boom profitieren. Bei Stepstone habe ich eine Referenz-Site online gestellt und daraufhin auf Anhieb fünf, sechs Einladungen bekommen. Im Job habe ich extrem an meinen Programmierfähigkeiten gearbeitet, um das Defizit auszugleichen. So lange bis ich wusste: Ich kann mit jeder großen Agentur mithalten. Es interessiert dann irgendwann keinen mehr, ob man einen Zettel hat, auf dem die Ausbildung draufsteht. Alles, was Web betrifft, ist ohnehin so schnelllebig, dass man immer am Ball bleiben muss. Bis heute investiere ich viel Zeit in meine Weiterbildung.
   
Mit welchen Vorbehalten haben Sie als junge Unternehmerin am meisten zu kämpfen?
Die größte Sorge von Neukunden ist: „Sie arbeiten allein – was ist wenn Sie ausfallen?“ Da habe ich mich aber inzwischen gut vernetzt. Über das Forum www.traum-projekt.com habe ich mir einen Kreis von Leuten gesucht – Programmierer, Grafikerinnen – die ganz ähnlich  arbeiten wie ich. Wenn ich eine Anfrage nicht machen kann oder will, gebe ich die ganz gezielt weiter.

Wie wichtig ist denn der Austausch mit anderen Selbstständigen für Sie?
Ich war bei Unternehmer-Stammtischen, aber das ist nichts für mich. Es ist immer das Gleiche: Einer will sich profilieren und nichts kommt voran. Wenn ich auf die Schnelle eine Empfehlung brauche oder ein rechtliches Problem habe, dann wende ich mich an die Webgrrls! Das ist ein Netzwerk für Frauen in den Neuen Medien. Ich bin dort nicht so aktiv wie im Traumprojekt, nutze aber die Mailing- und Newslisten.

Interview: Gunda Achterhold

 

Jana Goers/Zephram„Wenn man mit Mut und Begeisterung loslegt, funktioniert das auch“

Jana Görs Ideenentwicklerin und Unternehmerin in Magdeburg

Jana Görs ist eine Ideenentwicklerin. Im Januar 2006 gründete die damals 23-jährige Magdeburgerin zusammen mit ihrem Kommilitonen René Chelvier und dem Informatik-Professor Graham Horton an der Uni Magdeburg Zephram. Das Unternehmen macht sich für Firmen auf die Suche nach zündenden Ideen, neuen Geschäftsfeldern, Kosteneinsparungen oder neuen Produktentwicklungen. Die Idee zur Existenzgründung selbst hat Jana Görs nicht direkt gesucht, sondern eher gefunden.

Von der Spinnerei zur Ideenfabrik

„Im Sommer 2003 belegte ich bei Graham Horton ein Seminar zum Thema Persönlichkeitsentwicklung, weil ich herausfinden wollte, welchen künftigen Weg ich einschlagen möchte“, so die Informatikerin, die im September 2005 ihr Studium der Computervisualistik abschloss, fröhlich. Der Professor erzählte ihr von seinem Lieblingsprojekt, dem „Idea Engineering“. Dabei werden die besten Kreativitätstechniken systematisiert, um aus ihnen ein Werkzeug zur professionellen Ideenfindung zu machen. „Wir haben so richtig schön rumgesponnen und überlegt, wie man mit dem Ansatz eine Ideenfabrik aufbauen könnte“, so Jana Görs. Das Thema Existenzgründung lag damals schon in der Luft. „Ein paar Monate später bin ich dann morgens aufgewacht und wusste: Jetzt mache ich das einfach!“

Professionelle Unterstützung erleichtert den Start

Als Studentin hatte Jana Görs zwar schon im Rahmen von Praktika vielfältige berufliche Erfahrungen gesammelt, aber gleich ein Unternehmen gründen? „Über das Impuls-Netzwerk der Uni Magdeburg und den Lehrstuhl für Entrepreneurship habe ich einen einjährigen Crashkurs in BWL und Existenzgründung gemacht und viel Fachliteratur gelesen, aber weil mir das praktische Know-how gefehlt hat, fühlte ich mich immer noch unsicher“, beschreibt die Geschäftsführerin das mulmige Gefühl vor dem Start. Doch dann ging alles ganz schnell. Im Sommer 2005 fanden die Informatikerin und ihre beiden Mitstreiter über das Business Angels Netzwerk Sachsen-Anhalt einen Unterstützer, der sie bei der Erstellung des Businessplans begleitete und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stand. Das Ergebnis war der erste Platz des IT-Gründerpreises von Microsoft im Rahmen des Businessplan-Wettbewerbs Sachsen-Anhalt im Januar 2006. Hier kam auch der Kontakt zur Microsoft-Gründerinitiative „Unternimm was“ zustande, die Zephrams Pate wurde und den Jungunternehmern einen Coach zur Seite stellte, der sie in Marketing-, Finanzierungs- und Vertriebsfragen berät.

„Diese breite Unterstützung hat es mir sehr leicht gemacht, das Projekt voranzutreiben, aber ich denke mal, ich bin so begeistert von unserer Geschäftsidee, dass ich mich auch ohne diese Rückendeckung zur Gründung entschlossen hätte“, resümiert die inzwischen 24-Jährige. Sicherheit gab ihr auch die Testphase im Jahr 2005, bei der sie für Unternehmen wie BMW und Rewe erste Ideen-Projekte umsetzte. Bei diesen Workshops produziert ein Team aus von Zephram gestellten Ideengebern zusammen mit den Mitarbeitern des Auftraggebers auf Basis der evaluierten Kreativitätstechniken neue Lösungsansätze. „Bei einem Projekt können mehrere Hundert Basisideen zusammenkommen, die wir dann nach Maßgabe des Auftraggebers in einige konkrete Lösungswege überführen“, erklärt Jana Görs.

In der Anlaufphase wurde Zephram finanziell durch das bundesweite Förderprogramm „Exist-Seed“ für technologieorientierte Gründungen in der Frühphase unterstützt. Inzwischen trägt sich das Unternehmen selbst – durch Workshops zur Ideenfindung und Trainings zum Ideen-Ingenieur für Unternehmen und Studenten. Die Software „Netstorming“, mit der der Prozess der Ideenfindung computergestützt umgesetzt werden kann, soll zum Jahresende Marktreife erlangen.

Wer jung ist, hat leichter frische Ideen

Ist es für eine junge Gründerin schwer, im Geschäftsleben akzeptiert zu werden? Jana Görs hat sich diese Frage so noch nicht gestellt, denn mit ihrem Elan hat sie bereits viele Kunden überzeugt, darunter auch große Konzerne wie Siemens und Microsoft. „Bei unseren Workshops setzen wir sogar gezielt Studenten als Ideenentwickler ein, denn wenn man noch jung ist, ist das eigene Denken noch nicht festgefahren und der Perspektivwechsel fällt leichter“, sagt die Unternehmerin. Für sie selbst war der Aufbau von Zephram keine Frage des Alters. Die Zeit war einfach reif: „Wenn man mit Mut und Begeisterung loslegt, funktioniert das auch.“ Ihr persönlicher Rat für Jung-Gründerinnen: „Je mehr externe Unterstützung man hat, umso besser. Es gibt viele Förderprogramme, die den Start erleichtern und dabei helfen, sich mit einem Unternehmen zu etablieren.“

Autorin: Nadja Rosmann

 

Eva VossDruck für Frauen

Die Studentin Eva Voß gründete einen Verlag für Akademikerinnen

Veröffentlichungen sind das A und O in der Welt der Wissenschaft. Dass Frauen in Fachblättern und -verlagen mit ihren Forschungsthemen oft weniger Zugänge finden, ärgerte die Politik-Studentin Eva Voss. Also gründete sie einen Verlag ausschließlich für Akademikerinnen und wurde neben dem Studium zur Verlegerin – mit 25 Jahren und einem optimistischen Blick in die Zukunft.
„Informelle Strukturen“ an den Hochschulen seien Schuld daran, dass Frauen weniger Zugang zu karriereträchtigen Assistenzstellen und Veröffentlichungen in Fachblättern hätten, sagt Eva Voß. Sie studiert neben Politikwissenschaft auch „Gender Studies“ und ließ es mit der Theorie nicht bewenden: Im Herbst letzten Jahres gründete die Freiburgerin den FWPF-Verlag (Fördergemeinschaft wissenschaftlicher Publikationen von Frauen), der wissenschaftliche Werke ausschließlich von Frauen veröffentlicht.

Gemeinsam mit ihrem Studienkollegen Henrik Udvari, der als IT-Spezialist für Satz und Internetauftritt zuständig ist, hat sie bisher vier Werke herausgebracht, von „Medizin, Macht und Männlichkeit“ bis zu „Patriotische Jungfrauen, treue Preußinnen, keifende Weiber“, einem Werk über Frauengeschichte in Sachsen-Anhalt.
„Wir könnten locker 30 Bücher pro Jahr machen“, hat Eva Voß errechnet. An Manuskripten mangele es nicht, täglich erreichten drei bis sieben Anfragen den Verlag. Doch die Qualität der Bände leide darunter, wenn im Hauruck-Verfahren publiziert werde. Deshalb wolle sie sich zunächst auf maximal zehn Bände pro Jahr beschränken.
Henrik Udvari begeisterte sich fürs Verlagswesen, seit er ein Praktikum in der Branche absolviert hatte. Eva Voß griff die Idee einer eigenen Gründung auf und präzisierte die Zielgruppe. Akademikerinnen sollten eine Möglichkeit zur Veröffentlichung bekommen, ohne einen „Druckkostenzuschuss“ zahlen zu müssen, der bei vielen wissenschaftlichen Verlagen durchaus üblich ist.

Die Jungunternehmerin setzt auf gute Organisation und moderne Technik, um auch ohne Kostenzuschüsse von Autorinnen rentabel arbeiten zu können. Der Digitaldruck und die Nutzung von lizenzfreier Software (Open Source) mache es möglich, selbst mit wissenschaftlichen Kleinstauflagen von nur 150 Exemplaren pro Buch Gewinn zu machen. Um Werbung für den neuen Verlag zu machen, nutzte Eva Voß das Netz der Frauenbeauftragten an den Hochschulen. Auch bei der Gründung ging sie systematisch vor. Sie schrieb einen Businessplan und ließ sich von der Gründerberatung der Universität Freiburg in die Geheimnisse der Buchhaltung einweihen. Sie fand einen Steuerberater, der ihr die Vor- und Nachteile einzelner Geschäftsformen erläuterte, ohne die junge Frau herablassend zu behandeln. Andere Menschen hätten eher „befremdet“ reagiert, wenn sie als Geschäftspartnerin auftrat, sagt Eva Voß. Sie setzt jedoch darauf, dass ihr Produkt überzeugt: „Unsere Bücher sprechen für sich.“
Der Steuerberater riet ihr im ersten Schritt zu einer Vereinsgründung. Bisher leisten die Vereinsmitglieder die Arbeit ehrenamtlich. Eva Voß erwartet, dass der Verlag in anderthalb Jahren so erfolgreich ist, dass eine Person davon leben kann. Im Moment arbeitet die Gründerin etwa 80 Stunden im Monat für den Verlag, studiert außerdem und hat einen Hiwi-Job an der Uni.

Gerade hat sie ihre Magisterarbeit abgeschlossen, nun strebt sie eine Promotion an. Die 25-Jährige rechnet damit, dass der Verlag bei Abschluss ihrer Doktorarbeit so weit auf eigenen Füßen steht, dass der Verein in eine GmbH umgewandelt werden kann. Damit hätte sie sich ihren eigenen Arbeitsplatz geschaffen. Auch wenn sie den Betrieb nicht eigenhändig führen möchte, die unternehmerische Praxis ist ein Vorteil beim Berufseinstieg. Die Vorteile der Selbstständigkeit spürt Eva Voß jetzt schon: „Es ist am schönsten, sein eigener Boss zu sein, weil man Gestaltungsfreiheit hat und seine Kreativität einbringen kann.“
Unternehmerische Vorbilder nennt die junge Frau keine, allerdings hat sie ein Idol: Alice Schwarzer. „Sie hat bewirkt, dass junge Frauen wie ich heute solche Schritte gehen können.“

Autorin: Charlotte Schmitz








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