Mit Geld spielt man – doch!?
Zu Besuch beim Börsenspiel einer Wirtschaftsklasse
Verstehen, was Aktien sind, wie der Geldmarkt reagiert, wie Unternehmen bewertet werden. Business- und Börsenspiele sollen Jugendlichen erklären, wie die Wirtschaft funktioniert. Funktioniert das?
Foto: Ulrike Dammann
(aus: existenzielle 1/2007)
Wissen wie Wirtschaft funktioniert, unternehmerische Entscheidungen beurteilen können: Das wird für den Übergang zwischen Schule und Beruf immer wichtiger. Spätestens in der Mittelstufe sollten Schülerinnen und Schüler wirtschaftliches Grundwissen erwerben – da sind sich Schulen und Unternehmen einig. Doch wie bringt man Neuntklässlern komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge nahe? Vielleicht mit Wirtschaftsplanspielen? Wir haben zwei Schulen besucht, die beim Börsenspiel der Sparkassen erfolgreich waren.
Ella Tymka hat gerade ihre Schultasche abgestellt und kann es kaum erwarten, bis der Rechner hochgefahren ist. Als es endlich so weit ist, loggt sie sich ins „Börsenportal“ ein und bekommt erstmal einen Schreck: ihr Aktienpaket hat deutlich an Wert verloren. Da gibt der Computer auch schon Klingelzeichen. Caglar Ari meldet sich via Internettelefonie. „Wir müssen verkaufen. Zehn Prozent Wertverlust – das können wir uns nicht länger ansehen“, beschließen die beiden Neuntklässler und stoßen die enttäuschende Aktie ab.
Fotos: Ulrike Dammann
Zehn Prozent Verlust ist die Schallgrenze für den Behalt einer Aktie. So funktioniert das Börsenspiel der Sparkassen an dem Ella und Caglar mit ihren Klassenkameraden aus dem Wirtschaftskurs des Gymnasiums Borbeck in Essen teilnahmen. Ihr Lehrer Gerd Weiß hat sie ein Schulhalbjahr lang auf das Planspiel vorbereitet. In kleinen Gruppen haben die Schülerinnen und Schüler sich mit der Geschichte der Börse, dem Aufbau von Aktiendepots und der Dynamik von Börsenkursen beschäftigt. Das Börsenspiel startet jedes Jahr im September und läuft dann über das gesamte zweite Halbjahr. „Wir wussten da schon, was der schwarze Freitag ist und wie man ein Aktiendepot aufbaut. Trotzdem haben wir im Spiel erstmal die falsche Strategie verfolgt“, erzählt Ella, „wir haben zu viele kleine Aktien gekauft.“ Dabei ist genau das im realen Aktienhandel von Vorteil. Viele unterschiedliche Aktien ermöglichen erst ein ausgewogenes Depot. Beim Börsenspiel funktioniert dieses Konzept nicht.
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Das haben auch die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Hildegardisschule in Münster erfahren: Wer im Spiel gewinnen will, setzt auf große Aktienpakete. Im echten Börsengeschäft sei Risikostreuung die Strategie der Wahl, sagt auch Rafael Fernandes, Koordinator für das Börsenspiel an dem Berufskolleg. Der Lehrer kennt kritische Stimmen, die sogar davon sprechen, dass durch das Börsenspiel eine „Generation von Zockern“ herausgezogen werde. Sein Kollege Peter Garmann formuliert es nicht ganz so drastisch, wirft aber ein: „Die Zeit ist zu kurz. Wer an der Börse erfolgreich sein will, muss Geduld haben. Aber über einen langen Zeitraum lassen sich Schülerinnen und Schüler schwer zu einem solchen Projekt motivieren.“ Also fallen die Spiel-Entscheidungen sehr schnell, Aktien werden hastig gekauft oder verkauft, um kurzfristig Erfolg zu haben.
Trotz aller Kritik ist das Börsenspiel seit 25 Jahren ein Klassiker unter den Wirtschaftsplanspielen an den weiterführenden Schulen, bei dem mittlerweile sogar Teilnehmer aus fünf weiteren europäischen Ländern mitspielen können. Die Internetplattform macht es möglich. Am Borbecker Gymnasium und an der Hildegardisschule nehmen jedes Jahr die Wirtschaftskurse oder Handelsklassen teil. „Wir nutzen das Spiel, um die Schüler überhaupt erstmal an das Thema heranzuführen“, sagt Rafael Fernandes. Im praktischen Wettbewerb mit anderen Schülern steigt die Motivation, sich mit den abstrakten Begriffen des Börsenalltags auseinander zusetzen. 50.000 Euro, die jede Gruppe zu Anfang in ihrem Depot hat, sind sehr viel Geld. Natürlich wird da auch mal auf Risiko gesetzt. Aber die Schülerinnen scheinen Realität und Spiel durchaus trennen zu können. Sie sind durch das Börsenspiel eher vorsichtiger geworden. Ella: „Die Gefahr viel Geld zu verlieren, ist an der Börse doch sehr hoch. Ich glaube, dass es bessere Möglichkeiten gibt, Kapital aufzubauen. Allenfalls in Bluechips würde ich investieren“, sagt sie im fachmännischen Börsenjargon. Bei ihr hat das funktioniert, was die Sparkassen offiziell mit ihrem Börsenspiel erreichen wollen: Interesse und grundlegendes Allgemeinwissen über den Börsenhandel.
Für Jana Erwig, ehemalige Schülerin der Hildegardisschule war das Börsenspiel sogar ein entscheidender Baustein für die Berufswahl. Während ihrer ersten Teilnahme 2004, bei der sie sich den dritten Platz in der Region sicherte, entdeckte sie ihre Faszination fürs Bankenwesen. Heute ist sie Auszubildende bei der Sparkasse und will sich gerne auf den Kapitalmarkt spezialisieren. Obwohl Jana Anlageentscheidungen sehr besonnen treffen würde, waren es gerade der Risikofaktor und der Nervenkitzel im Spiel, der sie auch im Job reizt. „In welchem Beruf hat man das schon?“
Foto: Ulrike Dammann
Doch längst nicht bei allen Teilnehmerinnen ist die Faszination so groß und nachhaltig. Elena Valovik, Romina Krause und Katharina Kandaurov von der Hildegardisschule haben sich in ihrem sechsköpfigen Team „The Virgin Crushers“ gern auf die Ratschläge der Jungs verlassen. Aber auch sie nehmen Wirtschafts- und Börsennachrichten seitdem anders wahr. „Wie meine Aktien stehen, das interessiert mich schon noch“, sagt Romina Krause nach Ende des Börsenspiels. „Mädchen bringen oft auch anderen Unternehmen in die Gruppen“, ist die Erfahrung von Rafael Fernandes, „sie interessieren beispielsweise für Kosmetik- oder Modefirmen beispielsweise und nehmen auch Marken anders wahr.“ Vor allem Aktien bekannter Firmen sind bei den jungen Leuten beliebt.
Ethische Überlegungen hingegen waren nicht so wichtig. Ob ein Unternehmen sich gerade einen großen Umweltskandal geleistet hatte oder Entlassungen, das spielte bei der Entscheidung für oder gegen den Kauf einer Aktie keine Rolle. Auf der Suche nach Kriterien zur Einschätzung der Kursentwicklungen bezogen sie stattdessen die Konsumentenseite ein. „Wir dachten zum Beispiel, dass in der kalten Jahreszeit mehr Winterreifen gekauft werden und haben deshalb Michelin-Aktien gekauft“, erklärt das Team der Hildegardisschule seine Strategie. „Zu Weihnachten kaufen die Leute Lebensmittel, also dachten wir, Metro geht gut.“ Dass diese Rechnung nicht immer aufgeht, erfuhren sie recht bald. Trotzdem ist die Begeisterung über das Unterrichtsprojekt in beiden Klassen zu spüren. „Es ist toll, dass wir so etwas im machen konnten. Solche Projekt sollte es viel öfter geben“, sagt Ella und freut sich schon auf die nächste Runde.
Foto: Ulrike Dammann
Nicht zuletzt, weil es auch real eine Menge echtes Geld zu gewinnen gibt. Insgesamt 5.000 Euro werden unter den Siegern verteilt. Trotzdem steht das Kribbeln im Vordergrund. „Wir lagen lange Zeit mit einer Gruppe gleich auf. Da war es natürlich jeden Tag aufs Neue spannend, wenn die Aktienkurse bekannt gegeben wurden. Und je erfolgreicher wir waren, desto mehr wollten wir gewinnen“, sagt Ella. Wettbewerbsdenken wird in diesem Spiel auf jeden Fall gefördert.
Die Autorin: Sarah-Janine Flocke
Mitarbeit: Andrea Blome
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