"Jemand, den ich alles fragen kann ..."
Mentoring für Studentinnen vermittelt Netzwerke, Vorbilder und eine Fragekultur
„Eine Stadt in den USA?" „So ein neumodischer Businessquatsch ..." „Das hat was mit Fitness zu tun." Auf meine Frage, was sich hinter dem Begriff Mentoring versteckt, haben meine Freunde und Bekannten eine Menge kreativer Vorschläge gemacht, aber eigentlich wusste keiner mit diesem Begriff etwas anzufangen.
Und
dass unter lauter Studierenden selbst Hochschul-Mentoring ein Fremdwort ist,
ist noch viel peinlicher.
Schließlich verirrt sich doch einer in die richtige Richtung: „Kommt das von
Mentor? Das ist doch der Freund von Odysseus, der dessen Sohn unterrichtet hat!"
„Ich dachte mir, das ist toll ..."
Annerose Neumann weiß, was Hochschul-Mentoring ist.
Schließlich nimmt sie zurzeit an einem Mentoringprogramm an der Universität
Potsdam teil. Die 26-Jährige studiert Publizistik- und
Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin und steht kurz vor dem Abschluss.
Mentoring hat sie durch eine Freundin kennengelernt, die
Ingenieurswissenschaften studierte: „Jemanden, den ich alles fragen kann und der
mir bei meiner Berufsfindung hilft? Ich dachte mir, das ist toll. So was muss
es doch auch für Geisteswissenschaften geben. Gerade in dem Feld ist es doch
extrem schwierig, eine Berufswahl zu treffen." Das ist das Prinzip des
Mentoring: Ein erfahrener Mensch (Mentor oder Mentorin) und ein weniger
erfahrener Mensch (Mentee) tauschen sich miteinander aus, so dass der Mentee
sich durch das Wissen und die Erfahrungen des Mentors weiterentwickeln kann.
Als Annerose Neumann ein Prospekt des Mentoringprogramms „Mentoring für Frauen"
der Brandenburgischen Universitäten in die Hand fiel, hat sie sich einfach
beworben. Sie durchlief ein Assessement-Center und bekam einen Platz im
Programm ab Mai 2009.

Gemeinsamkeiten sind nicht immer offensichtlich
Anneroses Mentoringprogramm ist ein Zusammenschluss der Universitäten Potsdam, Frankfurt an der Oder und Cottbus. An jedem Standort werden unter allen Bewerberinnen jeweils 10 Mentees ausgewählt. Die Mentoren kommen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft im Raum Brandenburg. „Wir versuchen natürlich beim Matching auf die Wünsche der Mentees einzugehen, also Mentoren aus der gewünschten Branche zu finden, grundsätzlich schauen wir beim Zusammenbringen der Tandempartner/innen nach Gemeinsamkeiten, auch solcher, die vielleicht auf den ersten Blick nicht ganz offensichtlich sind", erzählt Nicole Körner, Projektverantwortliche am Standort Potsdam. „So haben wir auch schon mal ein Tandem gehabt, wo wir eine Biologin mit einem Coach zusammengebracht haben. Hier hatten wir schlicht ein gutes Gefühl und die Gewissheit, dass die Mentee und die Mentorin viel voneinander lernen können."
Ein Jahr lang machen die Mentees verschiedene Seminare und Workshops zu Themen wie Selbstpräsentation, Bewerbungsverfahren, hören Vorträge im Bereich Beruf und Karriere und übernehmen in kleinen Gruppen einzelne Projekte wie beispielweise das Gestalten einer Jahrgangszeitung. Und immer wieder findet der Austausch im Vieraugengespräch statt.
Hinter die Kulissen gucken
Annerose Neumanns Mentor ist eine Frau, Anfang vierzig, in
einer leitenden Position im Marketing einer Biochemie-Firma im Raum
Brandenburg: „Die Branche meiner Mentorin ist nicht ganz das, was ich anstrebe,
aber darum geht es auch nicht so sehr. Es ist toll, diesen zwischenmenschlichen
Austausch zu haben. Dass sie mir von ihren Erfahrungen im Berufsleben erzählt
und ich einfach alles fragen darf, auch wenn ich Probleme in meinem Nebenjob
habe."
Annerose hat einen Vertrag mit ihrer Mentorin abgeschlossen. Darin ist
festgehalten, was man gemeinsam in dem einen Jahr machen und erreichen möchte.
Einmal im Monat treffen sie sich für zwei Stunden zum Gespräch. „Ich durfte sie
auch schon mal an einem Tag in ihrem Beruf begleiten. Da war ich dann bei einem
Meeting mit dabei. Das war sehr spannend und aufschlussreich. Normalerweise kann
man ja nicht hinter die Kulissen gucken."
„Es ist uns wichtig, dass das Verhältnis in den Tandems hierarchielos ist", betont Nicole Körner. „Deswegen sehen wir es auch nicht so gerne, wenn Mentees im direkten Angestelltenverhältnis bei ihren Mentoren ein Praktikum absolvieren. Immerhin soll das Verhältnis partnerschaftlich sein und Raum für gegenseitiges Feedback bieten. Ab und zu werden Praktika in andere Unternehmen vermittelt. Schließlich geht es uns ja auch darum, für Studentinnen ein Netzwerk aufzubauen."

Absolventinnen in der Krise
Kontakte, die Annerose bei ihrer beruflichen Zukunft helfen könnten, sind bisher noch nicht entstanden, aber sie findet das auch gar nicht weiter schlimm: „Ich denke, dass sich das noch ergeben wird, bei den regelmäßigen Treffen, die das Mentoringprogramm veranstaltet. Aber ich habe sehr viele Erfahrungen gemacht, die ich nicht missen möchte." So sei es besonders inspirierend gewesen, als innerhalb des Mentoringprogramms ein Vortrag über Absolventinnen in der Krise gehalten wurde: „Da standen Frauen, die schon zwanzig, dreißig Jahre im Beruf sind, die schon die Wende überstanden haben, die nach dem Mauerfall auch noch einmal neu anfangen mussten. Da habe ich gelernt, dass man einfach offen bleiben muss, sich nicht versteifen darf, dann wird man auch etwas finden, was zu einem passt, auch wenn es am Ende etwas anderes ist, als man am Anfang gedacht hat. Frauen zu sehen, die über so viele Jahre und Krisen hinweg ihren Weg gegangen sind, das zeigt, dass sich Umwege manchmal lohnen, und das macht Mut."
Gegen den Braindrain in Brandenburg
Ihre berufliche Zukunft sieht Annerose in Brandenburg irgendwo in der Öffentlichkeitsarbeit für Vereine, das hat ihr ein Test, den sie im Mentoringprogramm gemacht hat, noch einmal bestätigt. Da scheint das Mentoringprogramm vollkommen am richtigen Platz zu sein. Denn das Ziel des Programms ist es auch, die jungen Absolventinnen für den Lebens- und Berufsstandort Brandenburg zu sensibilisieren. Immer noch geht ein Großteil der Frauen mit Hochschulabschluss in andere Bundesländer, weil sie dort bessere Chancen vermuten.
„Wir wollen gegen diesen Braindrain arbeiten, denn mit den Frauen gehen auch die Familien weg und das ist schlecht für die Region", sagt Nicole Körner. Für dieses hehre Ziel wird das Mentoringprogramm der Universitäten Brandenburg sogar vom Land und der EU mit Fördergeldern unterstützt. Tatsächlich ist „Mentoring für Frauen" das einzige Programm mit diesem Ansatz in Deutschland.
Verstehen, was junge Frauen bewegt
„Mentoring setzt sich zunehmend durch", sagt Christine Kurmeyer, Vorsitzende des Vereins Forum Mentoring e.V., unter dessen Schirmherrschaft mehr als 90 Hochschul-Mentoringprogramme sich vereinigen, Tendenz steigend. „Mentoring ist ein probates Mittel, um qualifizierte Leute mit möglichen Entscheidern zusammenzubringen", erklärt Christine Kurmeyer und betont, dass der zwischenmenschliche Aspekt im Beruf, gerade beim Karriereeinstieg, nicht zu unterschätzen sei. So gebe Mentoring den Menschen in Führungspositionen die Gelegenheit, die jungen Absolventen kennenzulernen, zu verstehen, was sie bewegt, was ihre Probleme sind und die passende Nachwuchskraft für sein Unternehmen zu finden. Umso wichtiger sei es, dass Frauen dieses Werkzeug für sich nutzen, die die Grundlage für einen beruflichen Einstieg schaffen können, der sonst so ohne weiteres nicht möglich wäre. „Denn im Bewerbungsgespräch ist ein junger Absolvent im schnittigen Anzug einem Mann natürlich vom Lebensplan und der Weltsicht her näher. Allein die Kinderfrage schafft Distanz. Und hier kann das Mentoring auch helfen. Ich kenne viele Mentoren, die vollkommen verändert aus einem Tandem mit einer jungen Absolventin herauskommen und plötzlich verstehen, welche Fragen junge Frauen neben der Karriere zu recht bewegen."
Ohne Kontakte geht in
den Medien nicht viel
Mentoring also nicht nur als Selbstfindungsraum, sondern
auch Verständigungsförderung zwischen Generationen und Geschlechtern?
Pamela Przybylski sieht Mentoring wesentlich pragmatischer. Sie hat an der
Universität Eichstätt Journalismus studiert und arbeitet heute als
wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaften
der Universität Münster. Auch sie hat an einem Mentoringprogramm teilgenommen,
das von dem Absolventen-Verein ihres Studiengangs ins Leben gerufen wurde. Auch
wenn die Kontaktaufnahme zwischen Mentor
und Mentee in Eichstädt stärker auf Eigeninitiative basiert, klappte der
Kontakt mit ihrem Mentor aus dem PR-Bereich sehr gut. „Er war schon mein
Wunschmentor. Da ich damals noch sehr am PR-Bereich interessiert war, war es
passend, jemanden zu haben, der mir Einblicke in diesen Beruf geben kann. Wir
haben da ein sehr kollegiales Verhältnis. Er hat mir bei meiner Bewerbung
geholfen. Das ist mehr eine freundschaftliche Ebene. Sicherlich auch, weil wir vom
Alter her nicht so weit auseinander
sind."
Pamela Przybylskis pflegt den Kontakt hauptsächlich per E-Mail oder Telefon. Treffen sind eher selten, aber nicht weniger effektiv. „Für mich war dann irgendwann klar, dass ich lieber in den Fernsehjournalismus gehen möchte", sagt sie. „Aber das Mentoring hat mir trotzdem viel geholfen. Ich wollte mich informieren, hatte keinen konkreten Karriereplan. Es ist einfach toll, dass man jemanden hat, von dem man weiß, dass man ihn anrufen kann und der einem weiterhilft, den man was fragen kann." Das Mentoringprinzip hält Pamela in der Medienbranche für sehr hilfreich, schließlich sei es ja eine Branche, in der Kontakte und Networking zum Berufsalltag gehören. Und gerade im Studium sei man ja sehr von der Praxiswelt abgeschottet, da gäbe es nichts besseres, als dass jemand einem eine Brücke baut in die Praxis.
Methode der offenen Fragekultur
Mentoring ist also nicht nur die Starthilfe für das eigene Netzwerk, sondern
fördert das Prinzip des Netzwerkens und die Fragekultur?
„Mentoring hat mich persönlich weitergebracht, ich weiß wo meine Stärken liegen
und was ich will. Das unterscheidet mich von meinen Kommilitonen", sagt
Annerose Neumann. Christine Kurmeyer beschreibt Mentoring „als Wissensmanagement,
das die Weitergabe von Wissensbeständen auf vertrauensvoller Basis sicherstellt
und ein besserer Weg für eine Nachwuchskraft in eine Karriere ist als die
formelle, anonyme Bewerbung." Man kann Mentoring aber auch als eine Form des
Netzwerkens und als offene Fragekultur schätzen, wie Pamela Przybylski.
Bei allen Bezeichnungen und Etiketten ist Mentoring in erster Linie ein Anstoß
zum zwischenmenschlichen Austausch, den nur die wenigsten Hochschulabsolventen von
alleine schaffen. Neben einer guten Ausbildung und Berufserfahrung sind der
persönliche Erfahrungsaustausch und die Möglichkeit zum Ratsuchen wichtig.
Denn der Aufbruch in das Berufsleben kann ähnlich ungewiss sein, genauso wie Odysseus'
große Fahrt.
Potsdam- Mentoring:
http://www.mentoring-brandenburg.de/programm
Forum
Mentoring e.V.
http://forum-mentoring.de/
Absolventenverein
Eichstätt:
http://www1.ku-eichstaett.de/SLF/JOUR/AEJ/
(Januar 2010)
Autorin: Julia Nüllen
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