Komiker und Aktivist

Zarganar ist einer der prominentesten Dissidenten Birmas - und zweifellos der witzigste. Vor einigen Monaten wurde er aus dem Gefängnis entlassen

27.01.2012, 19:24 von Nicola Glass

Seine Freilassung sei einer Überraschung gleichgekommen, sagte er. Am Morgen des 12. Oktober 2011 durfte Zarganar dem Myitkyina-Gefängnis im Kachin-Staat endlich den Rücken kehren. Doch wirklich freuen konnte er sich zunächst nicht. Mehrfach forderte er von Birmas Präsident Thein Sein, auch alle anderen politischen Gefangenen des Landes auf freien Fuß zu setzen. Zwar sind in der Zwischenzeit tatsächlich etliche von ihnen aus der Haft entlassen worden. Doch viele andere sitzen weiter hinter Gittern.



Zarganar selbst, der mit bürgerlichem Namen Maung Thura heißt, war vier Mal festgenommen und wieder frei gelassen worden. Insgesamt hat er acht Jahre hinter Gittern verbracht. Seiner Freiheit begegnet er mit gemischten Gefühlen. Zum ersten Mal darf Zarganar, der nur die Zustände in seiner verarmten Heimat kennt, reisen: „Als ich den Flughafen in Bangkok sah, die großen Gebäude und gut ausgebauten Straßen, da bekam ich einen Schock", bekannte er anlässlich seiner ersten Auslandsreise, die ihn im Dezember in Thailands Hauptstadt führte. Und er staunte über die „Selbstsicherheit" in den Gesichtern junger Thais: „In meinem Land sind die Gesichter junger Menschen voller Ängste."

In seiner Heimat ist der frühere Zahnmedizinstudent Zarganar, was übersetzt „Pinzette" bedeutet, neben Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi einer der prominentesten Oppositionellen. Er riss Witze über die frühere Militärjunta, unterstützte Demonstrationen gegen das Regime und forderte wiederholt einen politischen Wandel.

Zuletzt war der Mann mit der Glatze, den leuchtenden Augen und der tiefen, freundlichen Stimme im November 2008 wegen „Verstoßes gegen die öffentliche Ordnung" zu jahrzehntelanger Haft verurteilt worden. Mit Freiwilligen hatte er ein Hilfsnetzwerk für die Opfer des Zyklons «Nargis» aufgebaut. Außerdem hatte er gegenüber ausländischen Journalisten das völlige Versagen des damaligen Militärregimes bei der Hilfe für die Sturmopfer angeprangert.

Die Zeiten im Gefängnis nach den Festnahmen 1988 und 1990 seien die grausamsten gewesen, erinnert er sich: „Für fünf Jahre war ich in Einzelhaft, ohne Freunde, ohne Zellengenossen, ohne frische Luft, weil meine Zelle keine Fenster hatte." In späteren Jahren hätten sich die Haftbedingungen verbessert. Einen damaligen Armeemajor, der ihn 1988 gefoltert hatte, sah Zarganar zwanzig Jahre später im Myitkyina-Gefängnis wieder. Nur dass sein Peiniger von einst nun selbst ein Häftling war: „Ich gab ihm meine Hand, konnte ihm vergeben", so der Künstler. „Als ich entlassen wurde, weinte er." Wer Zarganar begegnet, spürt sofort: Weder Haft noch Folter oder Drohungen haben es vermocht, den mittlerweile 51-jährigen Komiker geistig zu brechen.

Birma, das offiziell Myanmar heißt, stand jahrzehntelang unter Militärherrschaft. Jetzt beginnt sich das Land gegenüber der internationalen Gemeinschaft zu öffnen. Die jetzige, aus Ex-Militärs bestehende „zivile" Regierung unter Präsident Thein Sein hat erste politische Reformen veranlasst, von denen allerdings niemand weiß, ob diese von Dauer sein werden. Im Gegensatz zu Aung San Suu Kyi, die für die Nachwahlen am 1. April kandidiert, will Zarganar sich von der Politik fernhalten. Stattdessen will er sich engagieren - für die politische Bildung der jungen Generation: „Diese ist sehr wichtig, wenn die Menschen wirklich verstehen wollen, was Demokratie und Menschenrechte bedeuten".

Zarganar diskutiert am 19.12. mit Auslandskorrespondent/-innen in Bangkok, Foto: Holger Graefen


Comedian and activist

Zarganar is one of Burma's most prominent dissidents - and without doubt the funniest. A few months ago he was released from prison

His release came as a surprise, he said. During morning hours of October 12th  last year Zarganar was finally allowed to leave the Myitkyina prison in Kachin state. But he could not rejoice in his freedom. Several times he called upon Burma´s President Thein Sein to release all remaining political prisoners in the country. Although, in fact, lots of them had been freed in the meantime, many more prisoners of conscience are still behind bars.

Zarganar himself, whose birth name is Maung Thura, was arrested and released four times. All in all he had spent eight years in jail. And he has very mixed feelings regarding his freedom. Zarganar who, until recently, has only known his poverty-stricken home country, is finally allowed to travel: „When I saw the airport in Bangkok, the big buildings and good roads, I got a shock", he said about his visit to the Thai capital in December - his first trip ever outside Burma. Having seen young Thai people on the roads and their faces full of self-confidence, he got another shock: „In our country our young people have lost confidence, their faces are full of anxiety."

In his home country the former dental student Zarganar - which means „tweezers" - is one of the most prominent dissidents apart from Nobel Peace Prize laureate Aung San Suu Kyi. He kept telling jokes about the military junta, supported several pro-democracy demonstrations and demanded repeatedly political change in Burma.

In November 2008, after the authorities had accused him of „disturbing public order", it was the last time so far the bald man with the bright eyes and deep, kind voice was sentenced to draconian prison terms. In fact, Zarganar had coordinated a network for delivering private relief supplies to the survivors of Cyclone Nargis. He was also talking to the international media about the failure of the military regime to assist those victims.

The periods in prison after he was arrested in 1988 and 1990 had been the worst ever, he recalled, describing this part of his life as „very rude and terrible": „I was in solitary confinement for five years. No friends, no cellmates, I hadn´t fresh air, because there was no window in my cell." Later on prison conditions improved slightly. In 2008, while detained in Myitkyina prison, Zarganar met a former army major who had tortured him back in 1988 and who had become an inmate as well. „I gave him my hand to shake, I can forgive him", Zarganar said. „When I was released from prison, he cried." Although Zarganar has endured years behind bars, torture and harassment the spirit of the now 51-year-old comedian remains unbroken.

Burma - or Myanmar, as it is officially known - has been ruled by a military junta for decades. Now it seems that the country is finally opening up to the international community. The current „civilian" government of President Thein Sein, made up mainly by retired army officers, initiated tentative political reforms. It remains to be seen, though, if those reforms are going to be sustainable. Opposition leader Aung San Suu Kyi already announced that she would take part in the by-elections on April 1st, though Zarganar explained that he does not intend to do so. Instead, he is planning to get involved with initiatives which should benefit the young generation in particular: „I wish to work for my country's youth, many of whom still don't understand about democracy and human rights."






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Es sind die "etwas anderen" Geschichten, die ich aus Bangkok, aus Big Mango, erzählen möchte, über Eindrücke, Begegnungen, Erlebnisse, die mich in Thailand und auf meinen Reisen innerhalb Südostasiens berührten. Die Spuren hinterlassen haben, weil sie mich froh, traurig, nachdenklich stimmten. In einer Zeit der immer schneller wechselnden Schlagzeilen finde ich es wichtiger denn je, auch über Themen zu schreiben, die sich dahinter verbergen. Und über die Freuden, Sorgen und Hoffnungen von Menschen jenseits des aktuellen Geschehens. Menschen, die für etwas stehen, die sich engagieren, die Interessantes zu erzählen haben. Südostasien gibt so viel her, wegen seiner Vielfalt an Ländern, Religionen und Ethnien. Diese meine Eindrücke möchte ich teilen.

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