Der lange Weg zur Demokratie in Birma

Eine Begegnung mit Vertretern der Karen-Minderheit in der Grenzstadt Mae Sot

05.04.2012, 10:23 von Nicola Glass

Bei den Nachwahlen zum Parlament in Birma am ersten April haben Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi und ihre „Nationale Liga für Demokratie" einen klaren Sieg errungen. Doch von Demokratie ist Birma immer noch weit entfernt. Weite Teile der Bevölkerung spüren noch nichts vom Reformkurs der „zivilen" Regierung. Vor allem für viele ethnische Minderheiten hat sich nichts geändert.



Mae Sot, eine thailändische Grenzstadt, ist nur einen Steinwurf vom Nachbarland Birma entfernt. Eine schmale Straße führt in eine abseits gelegene Ansiedlung, an deren äußerstem Rand ein von Grün überwucherter Pfad zu einem schlichten, schon etwas verwitterten Haus aus dunklem Holz führt. An dem grob gezimmerten Tisch sitzen an diesem frühen Morgen zwei Männer, vor sich Tassen mit dampfendem Tee: Major Saw Hla Ngwe, Zweiter Sekretär der "Karen National Union" (KNU) und Saw Mae Ae Sein, Brigadegeneral der "Karen National Liberation Army" (KNLA).

Mit bis zu acht Prozent ist die ethnische Karen-Minderheit - nach den Birmanen und gemeinsam mit den Shan - die zweitgrößte Ethnie im Vielvölkerstaat Birma (offiziell Myanmar). Die KNU und deren militärischer Arm, die KNLA, kämpfen seit Anfang 1949 gegen die Zentralregierung. Erst ging es um Unabhängigkeit, jetzt um substanzielle Autonomie. Der Konflikt, blutig und zermürbend, gilt als einer der am längsten dauernden weltweit. Hunderttausende Karen wurden in dessen Folge vertrieben oder sind geflohen - unter anderem über die Grenze nach Thailand (vergleiche Big-Mango-and-Beyond/index-b-1-122-1709.html).

Foto: Holger Grafen, Karen Flüchtlinge im Grenzgebiet Thailand Birma in 2010

Karen Flüchtlinge im Grenzgebiet Thailand Birma in 2010Jetzt wollen KNU und KNLA ein neues Kapitel in den Beziehungen zur Zentralregierung aufschlagen, die von Argwohn und Misstrauen bestimmt waren: Am 12. Januar hatten die Karen und Birmas Zentralregierung eine vorläufige Waffenruhe unterzeichnet. Wobei diese nur ein erster Schritt in Richtung eines langfristigen Friedens sei: "Ohne eine politische Lösung ist das Ganze nichts wert", betont Major Saw Hla Ngwe, ein schlanker Mann mit Baseballkappe. Eine weitere Verhandlungsrunde findet in diesen Tagen statt. Jahrzehntelang wurden die Anliegen der ethnischen Minderheiten von wechselnden Militärregierungen brutal unterdrückt. Jetzt sucht Birmas Präsident Thein Sein offenbar eine echte Annäherung. Letzterer ist selbst Ex-General und führt seit März 2011 eine „zivile", mehrheitlich aus ehemaligen Armeeangehörigen bestehende Regierung.

Trotz der Unterzeichnung des Waffenstillstands, den Beobachter „historisch" nennen, bleiben die Karen vorsichtig: "Waffenruhe oder nicht - für die Menschen vor Ort ist die Situation dieselbe", moniert KNLA-Brigadegeneral Mae Ae Sein. "Es gibt weiter Zwangsarbeit, und die Regierungsarmee verlangt von Dorfbewohnern nach wie vor, den Soldaten Lastwagen und Motorräder zur Verfügung zu stellen, damit Essen und Munition an die Front transportiert werden können." Der 69-jährige selbst kennt seit 52 Jahren nur den Kampf. Ob er nicht müde sei? Bei dieser Frage gleitet ein leichtes Lächeln über die Züge des KNLA-Kommandeurs: Er werde weiter kämpfen: „Denn die Menschen sind noch nicht frei von der Unterdrückung."

Foto: Holger Grafen, KNLA Brigadegeneral  Mae Ae Sein

KNLA Brigadegeneral  Mae Ae SeinNicht nur die Vertreter der KNU/KNLA, sondern auch Zivilisten und Nichtregierungsorganisationen bestätigen, dass die Regierungsarmee verstärkt Soldaten in die Konfliktregion entsendet, vor allem in die Nähe der Karen-Außenposten. Erst kürzlich wieder gab es bei Zusammenstößen Tote und Verletzte auf beiden Seiten. Wo genau die Demarkationslinien verlaufen sollten und inwieweit sich die Truppen der Regierung in den von der KNLA-kontrollierten Gebieten bewegen dürften, darüber müsse noch verhandelt werden, so Mae Ae Sein. Den Friedensprozess wolle man auf jeden Fall fortführen.

Letztlich hängt alles davon ab, ob sich Präsident Thein Sein und sein für die Verhandlungen mit den Karen zuständiger Unterhändler, Eisenbahnminister Aung Min, gegen die Betonköpfe im Land durchsetzen können. Es kursieren etliche Aussagen darüber, dass in militärischen Angelegenheiten weiterhin die Hardliner um Ex-Juntachef Than Shwe bzw. dieser selbst das Sagen haben. Dabei ist der frühere Diktator Than Shwe 2011 offiziell von der politischen Bühne abgetreten. "Aung Min und Präsident Thein Sein wollen diesen Friedensprozess", so Major Saw Hla Ngwe von der KNU. "Aber einige Generäle sind nicht damit einverstanden. Aufgrund eines internen Machtkampfes wird dieser Prozess nicht so reibungslos und schnell vorangehen, wie es wünschenswert wäre."

Foto: Holger Grafen, Zweiter Sekretär der KNU Major Saw Hla Ngwe

Zweiter Sekretär der KNU Major Saw Hla NgweBeide Karen-Vertreter wollen zudem die Beziehungen mit anderen ethnischen Rebellenorganisationen im Lande stärken, um einen echten politischen Wandel herbeiführen zu können. Dies schließt auch die „Democratic Karen Buddhist Army" (DKBA) ein, eine weitere Karen-Rebellengruppe, die sich 1994 von der „Karen National Union" abgespalten hatte und zeitweilig zum Verbündeten des Militärregimes wurde. Nach erneuten Kämpfen zwischen DKBA-Mitgliedern und Regierungssoldaten in 2010 stimmten die Rebellen Friedensgesprächen mit der Zentralregierung zu. „Die Mitglieder der DKBA sind unsere Brüder, denn auch sie waren an der Revolution beteiligt", betont Major Saw Hla Ngwe. „Auch die DKBA will das Volk der Karen schützen, und für die Zukunft hoffen wir auf intensivere und bessere Verständigung untereinander. Es ist nicht gut, wenn die Angehörigen ein und desselben Volkes gegeneinander kämpfen."

Ein Ende der blutigen Konflikte in den von ethnischen Minderheiten bewohnten Gebieten wurde als eine der Bedingungen für die Aufhebung westlicher Sanktionen genannt. "Wir bitten die USA, EU, Asean und die UN, nicht nur die Zentralregierung zu unterstützen, sondern auch uns", so Brigadegeneral Saw Mae Ae Sein. Und er betont, die Karen unterstützten Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi. Diese sagte einmal, dass es ohne ethnische Harmonie keine Demokratie in Birma geben werde.

 

 

 

Burma's opposition leader Aung San Suu Kyi and her party „National League for Democracy" have won the by-election on April 1st in a landslide. However, there is still a long way to go before the Burmese people, particularly those in conflict areas, benefit from the „civilian" government´s cautiously initiated reforms. For most of the ethnic minorities in Burma the situation has not changed.

Mae Sot is a Thai border town, just a stone´s throw away from Burma. A small street leads to a settlement on the outskirts of the city and ends in a path already overgrown with grass. At the end of that path one can find a dark wooden house. Early that morning, two men were sitting at a table made from roughly carved wood, in front of them cups with steaming hot tea. These men were Major Saw Hla Ngwe, Joint Secretary of the „Karen National Union" (KNU) and Mae Ae Sein, Brigadier General of the „Karen National Liberation Army" (KNLA).

The Karen ethnic minority make up approximately eight percent of the total population in Burma. Along with the Shan they are the second largest ethnic group in this multi-ethnic country, which is officially called Myanmar. The KNU and its military wing, the KNLA, were fighting against the central governemt since early 1949 - in the beginning for independence, later for substantial autonomy within a federal union, which makes this bloody and gruelling conflict one of the world´s longst-running ever. Several hundreds of thousands of Karen civilians have fled the fighting. Lots of them are now internally displaced persons (IDPs) in their homeland, while others have escaped to neighbouring Thailand (see also  Big-Mango-and-Beyond/index-b-1-122-1709.html).

Right now the Karen try to turn over a new leaf in their relationship with the central government which had been marred by mistrust and distrust over recent decades while Burma was under military rule. On January 12th   representatives of the KNU and the government signed a preliminary ceasefire agreement. However, the Karen consider this sort of agreement to be just the first step on the path towards a lasting peace.

„A ceasefire is worthless without a political solution", said Major Saw Hla Ngwe, the KNU Joint Secretary, a slender man with a baseball cap on his head. Another round of negotiations has just kicked off this week. For decades the Burmese junta has been notorious for its suppression of ethnic minorities. Now it seems that President Thein Sein is seeking a genuine rapprochement. Since March 2011, Thein Sein, a former General himself, heads a nominally civilian government mostly made up of former generals and army officers from the military junta.

Though several observers called this ceasefire agreement „historic", the Karen remain cautious. „Ceasefire or not - for the people on the ground the situation has not changed so far", Brigadier General Mae Ae Sein said. „Forced labour is still happening, and the Burmese army is demanding from the villagers to provide soldiers with trucks, cars and motorcycles to carry food and ammunition to the frontlines." The now 69-year-old Brigadier-General himself spent 52 years of his life fighting against the Burmese regime. When asked whether he is tired of leading this struggle, the KNLA-commander smiled and answered: „I will continue fighting, because our people are not free from oppression yet."

Not only the KNU/KNLA but also civilians and NGO´s in the affected areas confirm ongoing fighting between rebels and the Burmese army despite the ceasefire. According to this the Burmese army is sending more troops into Karen state and setting up outposts in the area. „Since we do not have any clear understanding from both sides yet on the frontlines, there is still fighting and human rights abuses in these areas", Brigadier-General Mae Ae Sein said. So it will be crucial for the KNU/KNLA to negotiate Burmese troops´ movements within the KNLA-controlled areas and demarcation lines with military officials: „For us, we really want to get to move on with this ceasefire process ."

In the end all boils down to whether Thein Sein and his chief peace negotiator, railway minister Aung Min, will be capable of asserting themselves against the hardliners. Several sources already suggest that not only hardliners close to former Junta chief Than Shwe, but even Than Shwe himself, who officially retired in 2011, are the real powers especially when it comes to military affairs. „Aung Min and the president are willing to go for the peace process", said KNU-Joint Secretary Saw Hla Ngwe. „But again, there are some generals who do not agree with them; there is some internal struggle going on, so the process will not go as smooth and fast as possible."

Both Karen representatives said they also target to strengthen ties with other ethnic rebel groups to accomplish a genuine political change in Burma. Their efforts include the „Democratic Karen Buddhist Army" (DKBA), another Karen rebel group which broke away from the Karen National Union in 1994 and temporarily sided with the military government. After a faction had begun fighting the Burmese Army in 2010 again, the DKBA agreed to hold peace talks with the government. „The DKBA members are our brothers, because they also were part of the revolution", Major Saw Hla Ngwe said. „We see the DKBA as the same people who also want to protect the Karen people, and for the future we hope for more and better cooperation among us. It is no good for the same kind of people to fight against each other."

The resolution of Burma's many ethnic conflicts was one of the key conditions set by the US and EU for the lifting of sanctions. „We would like to ask the international community like US, EU, Asean and UN not only to  talk to the government side but also to support us", Brigadier General Mae Ae Sein said. He also stressed that the Karen are supporting opposition leader Aung San Suu Kyi who once said that there would be no democracy in Burma without ethnic harmony.

 






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Es sind die "etwas anderen" Geschichten, die ich aus Bangkok, aus Big Mango, erzählen möchte, über Eindrücke, Begegnungen, Erlebnisse, die mich in Thailand und auf meinen Reisen innerhalb Südostasiens berührten. Die Spuren hinterlassen haben, weil sie mich froh, traurig, nachdenklich stimmten. In einer Zeit der immer schneller wechselnden Schlagzeilen finde ich es wichtiger denn je, auch über Themen zu schreiben, die sich dahinter verbergen. Und über die Freuden, Sorgen und Hoffnungen von Menschen jenseits des aktuellen Geschehens. Menschen, die für etwas stehen, die sich engagieren, die Interessantes zu erzählen haben. Südostasien gibt so viel her, wegen seiner Vielfalt an Ländern, Religionen und Ethnien. Diese meine Eindrücke möchte ich teilen.

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