Essen mit Virginia

11.06.2010, 10:05 von Ilke S. Prick

„Rot oder weiß?", fragt meine Freundin und lächelt einladend. Ich deute auf ihre linke Hand und reiche ihr den Korkenzieher. Zur Abwechslung sitzen wir heute mal nicht in meiner, sondern in ihrer Küche, weil sich hier nicht Lexika, Tesafilm, zerschnittene und neu zusammengefügte Manuskriptseiten mit Notizbüchern und Laptop um den Platz streiten. An ihrem Küchentisch ist es aufgeräumt.



In der Vase stehen apricotfarbene Rosen, und die drei Gläser neben dem Teller versprechen einen netten Abend. Meine Freundin hat sogar ihre Tischdecke gebügelt und die Stoffservietten hervorgeholt, obwohl ich nicht gerade bekannt bin für die allerbesten Tischmanieren. „Das ist meine ganz persönliche Künstlerförderung", sagt sie grinsend. Ich fühle mich geschmeichelt.

Künstler in Schaffensphasen, so hört man, neigen dazu, ein wenig zu verwahrlosen. Selbstverständlich ist das bei mir nicht der Fall. Ich bin wohlgeordnet, auch wenn ich schreibe. Ich dusche, ich esse, ich trinke Kräutertee. Ich wechsle regelmäßig meine Socken, ich putze meine Zähne. Die Küche putze ich natürlich auch. Immer dann, wenn ich an einem Punkt im Text hängenbleibe und nicht weiter weiß. Was allerdings in einer Phase, in der es mit dem Schreiben wirklich gut läuft, eher selten der Fall ist.

Also: Die Küche ... Der Stapel Manuskriptseiten, die Post-it-Zettel, die Kekstüten, drei Tassen der Größe nach aufgereiht am Tischrand. Wann habe ich das letzte Mal etwas Vernünftiges gegessen? Tja. Als ich heute Morgen am Telefon länger als 30 Sekunden für eine Antwort auf diese Frage brauchte, weil ich innerlich erst mal debattieren musste, ob Dosenkost und Tiefkühlfisch als vernünftig genug durchgehen könnten, zögerte meine Freundin nicht lange: „Rauschhaftes Schreiben - Papperlapapp. Du stehst um sieben bei mir auf der Matte und basta!" Gegen so viel Vehemenz schwappt auch mein Flow nicht an.

„Vitamine hast du in den letzten Tagen bestimmt nicht genug bekommen", sagt meine Freundin und stellt mir einen Teller Eichblattsalat mit Sprossen und marinierten Putenbruststreifen vor die Nase. „Du spinnst", sage ich beim ersten Bissen, denn natürlich schmecke ich sofort, dass sie trotz ihres Monologes über persönliche Haushaltskürzungen meinen Lieblingsessig gekauft haben muss. „Dattelbalsam?", frage ich also rein rhetorisch. Sie lächelt nur und schiebt mir den Brotkorb rüber, bevor sie die Garnelen in der Pfanne wendet.

Foto: Birgit H / pixelio.de

Foto: Birgit H / pixelio.deVor vielen Jahren haben wir zusammen Virginia Woolf gelesen. Ein Zimmer für sich allein. Wobei wir allerdings nicht nur die Passagen über die Freiheit, die ein eigener Schaffens-Raum bietet, verschlungen haben, sondern auch Virginia Woolfs Überlegungen zum Thema Essen und Inspiration. Seither gehört einer ihrer Gedanke zu unserem festen Repertoire: „So wie der Mensch nun einmal gebaut ist ... ist ein gutes Abendessen für ein gutes Gespräch von großer Bedeutung." Darum kommt heute auch keine Suppe auf den Tisch, denn das haben wir ebenfalls bei Virginia Woolf gelernt: In klarer Fleischbrühe ist nichts, was die Fantasie anregen kann.

Meine Freundin tauscht leere Teller gegen volle. Die Nudeln sind tintenschwarz und die Knoblauchgarnelen passen nicht nur optisch perfekt. Mit einem tiefen Seufzer lehne ich mich zurück. Zum ersten Mal seit Tagen gilt mein Hauptgedanke nicht irgendwelchen roten Fäden, sondern nur den roten Cherrytomaten, die auf dem Herd vor sich hinschmurgeln. Das ist sehr erholsam, denn Cherrytomaten sind im Gegensatz zu roten Fäden, die sich trotz Flow immer wieder im Kopf verheddern, eine wirklich runde Sache. „Außerdem soll Rosmarin ja böse Geister vertreiben", sagt meine Freundin, als sie noch einen frischen Kräuterzweig zu den Backkartoffeln in den Ofen legt.

Böse Geister - vielleicht auch das. Bei mir hingegen hat der Rosmarinduft gerade die irrige Vorstellung vertrieben, dass Künstler sich ihr Werk um jeden Preis erleiden müssen. Quatsch ist das. Kunst ist Genuss, und um Kunst zu schaffen, muss man auch genießen können. So ist es! Ich lächele selig und gebe Virginia Woolf eindeutig recht: „Man kann nicht gut denken, gut lieben, gut schlafen wenn man nicht gut zu Abend gegessen hat."

 

Küchentipp der Woche: Was für die Kunst gilt, zählt natürlich auch im richtigen Leben. Also erfreuen Sie sich an Cherrytomaten, probieren Sie Dattelbalsam, vertreiben Sie Ihre bösen Geister mit Rosmarin und Olivenöl. Essen Sie gut, damit Sie gut denken, gut lieben und gut schlafen können ...






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14.06.2010, 00:58
Gudrun Böker,www.gbseminare.de
herzerfrischend, was Sie schreiben, bejahe ich voll, denn Essen ist Genuss, hält Leib und Seele zusammen! Gaumen, Augen und Nase genießen, Entspannung setzt ein, doch die Sinne sind hellwach. Das Ausprobieren neuer Rezepte oder einer Eigenkreation,wenn Freunde kommen, hat für mich auch eben diese Inspiration. Dann tritt mein Alltag in den Hintergrund.


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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