Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

„Na, das mit dem Anfang hast du ja doch noch hinbekommen", begrüßt mich meine Freundin und schmeißt ihre Jacke über die Stuhllehne. „Nicht wahr", sage ich stolz, „drei mal Daumen hoch. Das ist doch echt super!" Ich strahle sie an. „Super schon", bestätigt sie, trotzdem kann ich einen leicht beleidigten Unterton vernehmen.
„Super - und was noch?", hake ich darum nach. „Super, aber: nicht WAHR!" Nicht wahr? Was soll das denn jetzt? Ich krause meine Stirn. „Wahr ist nicht, was du über unser Brainstorming geschrieben hast." Sie sieht mich herausfordernd an und ich zucke zusammen.
Was hatte ich über das Brainstorming geschrieben? „Ähm, also", stottere ich und versuche Zeit zu gewinnen. Natürlich hätte ich damit rechnen müssen, dass sie es liest. „Also, weißt du, das ist so -" Ich grüble fieberhaft, wie ich da wieder rauskomme. „Inspirierender hast du geschrieben. Du hättest dir unser Brainstorming inspirierender vorgestellt." Sie macht eine Pause. Lang genug, dass mein schlechtes Gewissen auf Medizinballgröße anschwillt. „Zu mir hast du am Ende des Abends etwas anderes gesagt." Scharf holt sie Luft. Es hört sich an, als würde man ein Sushimesser schleifen. Ich mag kein Sushi. „Du hast gesagt: es war produktiv. Du hast gesagt: es war einfallsreich. Du hast gesagt: es war bedenkenswert, was ich zum Thema Anspruch meinte." Sie hat kleine Blitze in den Augen. Und, ja, sie hat Recht. Ihre Anmerkung von wegen Anspruch habe ich tatsächlich lange bedacht. Aber ihr Anspruch ist nun mal ein anderer als meiner. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.
Ich bin Schriftstellerin und es gibt Gründe, warum ich nicht Rechtsanwältin oder Finanzberaterin geworden bin. Bei denen sollte Wahrheit nämlich zur Grundausstattung gehören. Bei denen erwartet man nichts anderes. Die sollten das sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen haben. Ich halte mich lieber an mein Lieblingszitat von Jeanette Winterson: „Ich erzähl dir Geschichten. Trau mir." Soviel zum Thema Wahrheit. Außerdem sind wir doch hier im Internet. Ist das nicht der weltweite Raum für Geschichten? Niemand sieht auf den ersten Blick, wer flunkert und wer nicht. Egal, wie gut wir alle unsere NLP-Hausaufgaben gemacht haben. Augen nach unten rechts gerichtet - Fakten werden erinnert. Blick nach oben links - Vorsicht, eine faustdicke Lüge naht. So einfach ist es nicht im Netz. Nicht alle arbeiten mit Webcam. Und Fotos traut schon lange niemand mehr, denn dank Photoshop sieht auch Heidi Klum nicht aus wie Heidi Klum.
„Fehlt bloß noch, dass du das nächste Mal erzählst, du würdest Badminton spielen." Meine Freundin zieht einen Flunsch. Badminton - aahhhh. Jetzt dämmert es. „Parship?", frage ich. Sie nickt betreten. „Sportlich, nikotinfrei und alle Probleme bewältigt?" Sie nickt erneut. „Ein Glas Rotwein vor dem Kamin und reden über Kunst und Kultur?" Ich komme in Fahrt. Ich bin die mit den Geschichten. „Hör auf!", bremst sie mich. „Tatsächlich waren es zwei Flaschen Rotwein, eine nicht bewältigte Trennung und Tennis auf DSF." Ich verkneife mir einen Kommentar. Es ist mir ein Rätsel, warum sie felsenfest an das glaubt, was in den Profilen der Partnerbörsen steht. Wenn all die Menschen, die dort behaupten, sie würden Badminton spielen, das tatsächlich täten, müsste dieses Land nur noch aus Turnhallen bestehen.
Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. „Und jetzt kommst auch noch du mit deinen Geschichten." Meine Freundin schnieft. „Du könntest doch wenigstens ehrlich sein. Gerade hier." Oh bitte, nicht das! Um abzulenken bediene ich mich im Glückskeksdepot meiner Speisekammer. „Na?", frage ich dann in der Hoffnung, dass sich bei ihr irgendwas Aufbauendes über Liebe und Glück im roten Raschelpapier verbirgt. Und tatsächlich: „Ha!", sagt sie triumphierend. Ich bin erleichtert. „Hier!", sagt sie und schiebt mir den Zettel hin. „Allein die Wahrheit kann die Menschen immer noch erstaunen". Sie lächelt zufrieden: „Also, halt dich dran!"
Gut, ich hab's gehört. Ich werde hier nie wieder etwas schreiben, was nicht den Tatsachen entspricht. Was irgendwie erfunden ist. Literarisch ausgeschmückt. Niemals. Ich werde immer abgrundtief ehrlich sein. Es stimmt: Ich mag wirklich kein Sushi und ich spiele auch garantiert kein Badminton. Ich halte mich nur noch an die Wahrheit. Sie können mir trauen ...
Küchentipp der Woche: Lassen Sie sich mal wieder von einem netten Menschen Geschichten erzählen. Lassen Sie sich hinters Licht führen. Lassen Sie sich einen Bären aufbinden. Es kann sehr gemütlich sein, im Halbdunkel auf einem Bärenfell. Zumindest dann, wenn der Geschichtenerzähler nicht Ihr Finanzberater ist.
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29.09.2009, 17:30
T.Gabriel
auch wenn der blog an Frauen gerichtet ist,finde die Geschichte sehr amüsant! lg thomas
21.09.2009, 13:30
sarah mondegrin
...vielleicht hat die wahrheit ja einen schrank voller kleider und kann sich nicht entscheiden, welches sie anziehen soll - weil sie eine waage ist .....? der freundin möchte ich zurufen, nicht so streng mit der kolumnistin zu sein! eine geschichte ist wahr, wenn sie gut erzählt ist ... wie dieser charmante montagsbeitrag!




