Alte Zöpfe

08.04.2011, 09:47 von Ilke S. Prick

„Hmmm", sagt meine Freundin und reckt ihre Nase in die Höhe. „Was machst du denn da?" Sie atmet tief ein und ihr Gesicht wird ganz weich. „Das riecht wie früher." Sie lächelt. „Osterzöpfe", antworte ich und stelle das Wasser auf den Herd, in dessen Bauch in einer Steingutschale unter einem rotweißkarierten Leintuch Hefeteig schlummert.



Ich hole eine Tasse aus dem Schrank, die geschwungene mit dem Rosenmuster, die meine Freundin so gern mag, und fülle Milch ins Kännchen. „Osterzöpfe", murmelt sie und schaut hinaus in den Frühling, der sich noch schüchtern hinterm Dach des Nachbarhauses versteckt. „Wie bei meiner Oma", seufzt sie. „Ja, genau, wie bei deiner Oma." Ich nicke. Wir kennen uns schon lange und wissen daher auch um all die kleinen Geschichten, die ein Leben zu einem Leben machen.

„Ich weiß gerade nicht mehr, wo oben und unten ist", hatte meine Freundin vorhin am Telefon gesagt. „Aber eigentlich darf ich mich gar nicht beschweren", beschwerte sie sich trotzdem. „Ich habe mehr Aufträge als genug. Nur ist es so anstrengend! Eine Weile läuft es gut, und dann kommt wieder alles ins Stocken. Dabei sollte ich schon viel weiter sein mit allem." Sie hörte sich wirklich nicht gut an. „Komm doch einfach vorbei", schlug ich vor: „Zum Entschleunigen." Sie zögerte. „Ich weiß nicht", sagte sie. „Ich müsste heute noch ganz viel machen." Ich schwieg. „Am besten alles auf einmal." Ich schwieg weiter. „Na gut", sagte sie schließlich. „Ich komme. Aber nur kurz. Auf einen Tee."

Hefeteig fand ich früher immer kompliziert, obwohl er die Samstage meiner Kindheit so selbstverständlich begleitete wie das Fichtennadel-Schaumbad und die Bundesligakonferenz im Radio. Während das Badewasser lief, roch es aus der Küche warm und süß. Im Backofen ging die Hefe bei lauen Temperaturen ganz allein und selbstständig ihrer Aufgabe nach. Mehl, Zucker, Hefe, ein wenig Milch, eine Prise Salz. Der Vorteig. Noch keine Einheit, aber schon im Prozess miteinander.

„Am meisten nervt es mich, wenn ich total am Wirbeln bin und dann melden sie sich nicht", beschwert sich meine Freundin nun an meinem Küchentisch über ihre Geschäftskontakte. Ich höre ihr zu, während ich die Steingutschüssel aus dem Backofen nehme, Eier, Butter und noch etwas mehr warme Milch dazugebe und anfange zu kneten. „Sie ändern die Abgabetermine, sind unschlüssig, alles bläht sich furchtbar auf und wenn ich kurz vorm Kollabieren bin - plöpp - verzögert es sich doch noch mal." Der Teig schmiegt sich warm in meine knetenden Hände. Wie zarte Haut. Wie Sehnsucht. Wie ein Traum, den ich formen kann. „Auch wenn ich renne wie eine Verrückte", jammert meine Freundin, „ist es trotzdem so, als trete ich auf der Stelle. Irgendwo stagniert es immer." Sie sieht auf meine Finger, auf den Hefeklumpen, auf mich. „Es stagniert nicht", sage ich, „es geht nur." Vielleicht sind Hefeteig und Projekte ähnlicher, als es zunächst den Anschein hat. Beides muss gut durchgeknetet werden. Und dann muss es sich entwickeln. In Ruhe.

Foto: wrw/pixelio.de

Hefezopf, Foto: wrw/pixelio.deEine Musikagentin erzählte auf einer Veranstaltung, dass sie bei ihren turnusmäßigen Akquiseanrufen fast verzweifelte, weil ein Konzertveranstalter, den sie gern mit im Boot gehabt hätte, regelmäßig die von ihr angebotenen Projekte ablehnte. Jahr für Jahr bearbeitete sie ihn. Jahr für Jahr bekam sie nur ein Kopfschütteln. Als sie es schon fast aufgegeben hatte, sagte er plötzlich zu. Sie konnte es kaum glauben. Er buchte mehrere Konzerte und ist seitdem einer ihrer Stammkunden. Durchkneten und in Ruhe lassen. Und dann wieder durchkneten. Das Prinzip des Hefeteigs. Beherzter Einsatz und Geduld. Zeit zum Gehen lassen, gute Rahmenbedingungen schaffen, vor Zugluft schützen. Abwarten können. Loslassen.

„Das mit der Hefe fand ich immer kompliziert", sagt auch meine Freundin, als sie Stunden später Butter auf ihren frisch gebackenen Osterzopf streicht. Ich zucke mit den Schultern. „So kompliziert ist es eigentlich nicht", sage ich und setze meine professionellste Hefeteig-Coaching-Miene auf. „Du musst einfach nur das tun, was du tun kannst. Mehr nicht. Ansetzen, durchkneten, abwarten." Ich tue so, als hätte ich mit all dem keine Probleme. „Aber so neu ist diese Erkenntnis ja auch nicht. Denn das", ergänze ich mit einem Zwinkern, „wusste schon deine Oma."

 

Küchentipp der Woche: Sie müssen nicht ständig in Ihren Projekten rühren. Sie haben die Hefe Ihrer Ideen eingestreut. Sie haben alles gut durchgeknetet. Lassen Sie es nun in Ruhe aufgehen. Geben Sie den Dingen Zeit, sich zu entwickeln. Und sich selbst ebenfalls.






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10.04.2011, 23:28
Kareen Armbruster
Liebe Frau Prick, was für eine wunderschöne Metapher! Und alles so sinnlich beschrieben, dass frau das Gefühl hat, mitzukneten und gleich in den frischen Hefezopf (mit Butter!) zu beißen. Der Text wärmt das Herz und entschleunigt schon beim Lesen! Das ist bestes literarisches Hefeteig-Coaching! mit herzlichen Grüßen Kareen Armbruster Armbruster Beratung und Training Kooperationstraining - Unternehmensethik - Coaching contact@armbruster-beratung.de

08.04.2011, 12:10
sarah mondegrin
da bekommt die redewendung "ich lass mich mal gehen" doch eine ganz andere bedeutung! es ist eine wohltat, den blog zu lesen - da kann man die nase heben und sich den duft von frischgebackenem hefezopf (mit rosinen???) vorstellen


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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