Projekte Hollandaise

01.07.2011, 10:57 von Ilke S. Prick

„Eigentlich ist die Zeit dafür ja schon vorbei", sagt meine Freundin, als sie zur Tür hereinkommt, „aber ich habe echt Glück gehabt." Sie hält mir eine Tüte unter die Nase. Spargel - weiß, kräftig, sehr frisch. Und das, obwohl eigentlich seit einer Woche nicht mehr gestochen wird. So etwas als Glück zu bezeichnen, ist leicht untertrieben. „Lass mich raten! Du hast die Lieblingskatze eines Bauern entführt, ihm am Telefon ihr Herz erweichendes Gemaunze vorgespielt und dann das hier als Lösegeld-Ersatz gefordert?", frage ich. „Mhm," nickt sie mit verschwörerischer Miene, „genauso war's. Jedenfalls fast genauso."



Meine Freundin hatte heute Nachmittag einen Kundentermin im Umland und rief von unterwegs aus an, dass ich fürs Abendessen nichts einkaufen solle. Sie würde etwas Schönes mitbringen. Stimmt! Ich begutachte die anderen Tüten, die sie auf den Tisch legt. Kartoffeln und Erdbeeren. Passend. Perfekt. „Was du sonst noch brauchst, hast du sicher im Kühlschrank", beschließt sie kurzerhand und lässt sich seufzend auf den Stuhl sinken. „Der Rest ist dein Part", entscheidet sie. „Ich habe ab jetzt Feierabend!"

Wir hatten gestern sehr lange telefoniert. Wir hatten ihr Konzept für heute durchgesprochen, Verhandlungstaktiken abgewogen, Finanzspielräume kalkuliert. Ihr Auftrag im Umland hing noch in der Schwebe. Der Kunde war neu, doch sein Ruf war ihm vorausgeeilt. Finanzkräftig soll er sein, hatte sie gehört, aber heikel. Gut zu begeistern - wenn man den richtigen Ton trifft. Nur: was ist der richtige Ton bei jemandem, der heikel ist? Auf jeden Fall wäre der Auftrag, wenn er zustande käme, sehr lukrativ und der Kundenname beeindruckend auf ihrer Referenzliste. „Im Grunde ist er einfach nur ein Kunde. Vergiss das nicht", hatte ich ihr gestern zum Abschied mit auf den Weg gegeben. Sie hatte nur nervös gelacht.

Foto: Reiner Rosenwald / pixelio.de

Foto: Reiner Rosenwald / pixelio.deEs gibt Dinge, die sind wie riesige Fabelwesen. Geheimnisvoll, sagenumwoben, bedrohlich. Sie ernähren sich von Ängsten und unpassenden Kommentaren, wachsen heimlich und mit Vorliebe nachts, bis sie schließlich die Größe der Eiger Nordwand erreichen. Denn die Eiger Nordwand, huuuuiiii, die schafft man garantiert nicht. Niemals! Schon gar nicht, wenn man am liebsten Flipflops trägt. Ich vermute, dass jeder seinen ganz persönlichen Eiger hat. Der momentane Eiger meiner Freundin ist ihr neuer Kunde. Mein eigener Eiger hieß lange Zeit Sauce Hollandaise.

Die Sauce Hollandaise ist eine Diva. Sie ist heikel, stellt Ansprüche, mäkelt schnell, will's nicht unterkühlt, fordert Hingabe, kann aber mit heißer Leidenschaft nichts anfangen. Die gleichen Zutaten, die gleiche Temperatur wie das letzte Mal, als es mit ihr geklappt hat, sind keine Garantie, dass es auch diesmal gelingt. Sie ist launisch. Hat die Dame einen schlechten Tag, verpufft ihr Charme aus unerfindlichen Gründen. Es ihr recht zu machen, ist eine Herausforderung. So habe ich es jedenfalls immer empfunden, wenn meine Mutter sich in der Spargelzeit mit ihrem Wasserbadtopf zurückzog, um sich der Diven-Sauce zu widmen. Ich hatte Ehrfurcht. Als ich von zu Hause ausgezogen war, gab es darum zum Spargel lange Zeit nur zerlassene Butter. Tütensaucen waren noch nie mein Fall.

Doch wie es im Märchen nun mal ist, muss sich die Heldin früher oder später ihren Fabel-Schreckgespenstern stellen, ihren ganz persönlichen Eiger erklimmen. Und so begann meine Eiger-Besteigung mit einem geschenkten Simmertopf und meinem lockeren Spruch: „Hach, dann kann ich ja endlich mal Sauce Hollandaise machen." Was nicht so gemeint war, denn eigentlich wollte ich gar keine Sauce Hollandaise machen. Mit all meiner Ehrfurcht im Kopf konnte ich ja nur scheitern. Aber Freundinnen sind hartnäckig. Vor allem Simmertopf-Schenkerinnen. Und so hatte ich irgendwann keine Wahl. Scheitern würde ich sowieso - mit Sauce oder ohne. Also könnte ich es eigentlich auch ausprobieren. Der erste Versuch ging in Richtung Eierstich, schmeckte aber recht gut, als er in Stückchen gekrümelt auf dem Spargel lag. Der zweite Versuch ging in Richtung Suppe. Der dritte war himmlisch. Ein Diven-Kuss. Von da an war ich verzaubert und fragte mich: wovor habe ich eigentlich Angst gehabt? Es ist doch nur Sauce.

„Und wie bist du nun an den Spargel gekommen?", frage ich, als ich den Topf auf den Tisch stelle, aus dem mich die Diva anlächelt. „Es war die Katze", sagt meine Freundin und grinst. „Klar, die Katze und das Lösegeld", nicke ich. „Nein, die Katze und die Sauce", grinst sie noch breiter. „Die Sauce?", frage ich verwirrt. „Ja, Sauce Hollandaise. Die Katze des Kunden war nämlich die ganze Zeit bei der Besprechung dabei. Ein fettes Tier. Butterfetischist. Und über die Katze und das Zuviel an Butter sind wir zur Sauce Hollandaise gekommen. Ich habe ihm von deiner Diva-Saucen-Geschichte erzählt, woraufhin er lachend meinte, dass er und Sauce Hollandaise vom Ruf her dann ja wohl einige Ähnlichkeit hätten. Als mir spontan rausrutschte, dass du das auch schon gesagt hast, bin ich knallrot geworden und dachte, das war's. Aber er hat herzlich gelacht. Das war der Eisbrecher. Anschließend hat er mir nicht nur den Auftrag gegeben, sondern auch noch Spargel aus seinem Garten. Mit schönen Grüßen an dich." Ich bin gerührt. „Das ist bei weitem besser als Lösegeld", stelle ich fest. Meine Freundin nickt stolz und ich freue ich für sie. Obwohl mir, wenn ich ehrlich bin, die Geschichte mit der Katzenentführung auch gefallen hätte.

 

Küchentipp der Woche: Haben Sie keine Angst vor heiklen Kunden, vor Diven oder vor Sauce Hollandaise. Stellen Sie sich den Schein-Riesen und Fabeltieren! Klar können Sie scheitern. Aber das tun Sie auch, wenn Sie nichts wagen. Also: seien Sie ruhig mutig. Außerdem hat der Eiger noch andere Seiten, nicht nur eine Nordwand.

 






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04.07.2011, 16:08
Kareen Armbruster
Liebe Frau Prick, das mit der Eiger Nordwand und den anderen Seiten ist eine wunderschöne Metapher! Mit Ihrem Einverständnis und Quellenangabe werde ich Sie sicher in meinen Seminaren zum Thema Selbstmotivation zitieren. Und zu meiner letzten Spargelportion dieses Jahr werde ich mir gleich mutig eine Sauce Hollandaise anrühren (zerlasse Butter als Reserve)! mit herzlichen Grüßen an den Küchentisch Kareen Armbruster contact@armbruster-training.de

03.07.2011, 17:06
Andrea Blome
Liebe Elke Koepping, genau diesen Gedanken haben wir in der Redaktion bei jeder der Küchentisch-Geschichten! Und suchen zurzeit einen Verlag, der Lust hat, mit uns gemeinsam ein Küchentisch-Rezepte- und Geschichten-Buch zu machen. Grüße vom existenzielle-Schreibtisch, Andrea Blome

01.07.2011, 21:50
Elke Koepping
...das Rezept hätten wir dann noch gern...


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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