Blaubeerfarbene Seide
„Oh nein!", jault meine Freundin und springt auf, „wo hast du deine Gallseife hingepackt?" Sie blickt an sich herunter und beäugt das, was bis eben noch ein perfektes Business-Outfit gewesen ist. Leinenhose, hell, mit Bügelfalte, taillierte Bluse, champagnerfarben, die obligatorische Perlenkette. Ein Outfit, mit dem ich persönlich Schwierigkeiten habe.
Und mit diesen Schwierigkeiten stehe ich nun nicht allein da: An der linken Blusen-Brust meiner Freundin klebt ein neues Schmuckstück. Nur leider sind es keine Rubine, die da so schön funkeln, sondern ein Blaubeer-Fleck. Gut, dass ihr öffentliches Leben heute an meiner Türschwelle endete.
Eigentlich war unser grober Plan, irgendwo Essen zu gehen. Aber es gibt Tage, an denen ich schon morgens auf dem Weg zur S-Bahn mehr Menschen gesehen habe als andere in einer ganzen Woche, und an denen mich alles, was über ein abendliches Tête à tête hinausgeht, anstrengt. Das zu erklären ist manchmal schwer. Der Vorteil, wenn man sich gut kennt, ist allerdings, dass zu erwartende Argumentationsketten gedanklich vorweggenommen werden können, und dass die ultimative Bestechung für das Hausschuh-Menü ohne lange Debatten ins Feld geführt werden kann: „Was hältst du eigentlich von Pancakes? Ist nur so 'ne Idee. Muss aber nicht sein. Rein zufällig habe ich Blaubeeren da." Ich kenne meine Freundin und ihre Vorliebe für Blaubeerpfannkuchen mit Ahornsirup. Und darum sitzen wir nun glücklicherweise nicht bei diesem angesagten Franzosen mit den überschaubaren Portionen, sondern an meinem Küchentisch.
Mit selbst gewählter Arbeitskleidung jenseits von Kitteln und Schürzen verhält es sich ein bisschen wie mit Soufflé und Pancakes. Soufflé ist wundervoll. Es ist sozusagen das eierschalenfarbene Kaschmirjäckchen unter den Gerichten. Weich, anschmiegsam, betörend. Bei Soufflé kann man aber auch viel falsch machen. Man braucht eine gute Form, einen guten Herd, eine gute Waage und ein gutes Händchen. Pancakes hingegen sind anspruchsloser. Bei ihnen braucht man eigentlich nur netten Besuch, der einem die Wartezeit verkürzt, in der der Teig ruhen soll. Und: man braucht eine Tasse. Ich mag Rezepte, die berücksichtigen, dass ich, auch wenn ich für Worte manchmal eine kleine Goldwaage mit mir herumtrage, mit meinem Mehl weniger exakt umgehe. Das Leben ist hart genug. War ich stundenlang damit beschäftigt, die Ausnahmen der Ausnahmen in der neuen Rechtschreibung zu suchen, mäandernde Mammutsätze zu zerlegen, immer wieder treffend auf Komma und I-Punkt zu kommen, weiß ich es zu schätzen, wenn ich am Abend mit Tassen-Maßen hantieren darf. Anderthalb Tassen Mehl, eine halbe Tasse Walnüsse, 1 Ei. Das schaffe ich auch mit müden Augen.
Foto: Lichtbild Austrid / pixelio.de
Es ist
wirklich nicht so, dass ich edle Blusen und helle Wolljäckchen ablehne. Im
Gegenteil. Ich beneide jede Frau, die sowas locker und mit Stil tragen kann.
Klar versuche auch ich es immer wieder. An Ausnahmetagen. Aber ich habe damit
einfach Probleme! Meine Großmutter war Schneiderin und seit meiner Kindheit mag
ich schöne Stoffe ebenso wie heute Soufflé. Ich schätze gute Schnitte und eine
gute Verarbeitung. Ich liebe Knöpfe, die wie Muscheln schimmern und sich
anfühlen, als hätte man von einem Meerspaziergang einen kleinen Schatz
mitgebracht. Ich bin vernarrt in Seide und Kaschmir. Aber ich kenne meine Grenzen.
Leider. Ich komme nicht klar mit weißen Blusen, mit heller Wolle, mit
Leinenhosen in Ecru. Ich bin nicht perfekt. Ich knautsche, ich knülle, ich
kleckere. Ich bin ein lebendiges Wesen.
In amerikanischen Spielfilmen ist es doch immer so: eine Frau wie Nicole Kidman kommt nach einem anstrengenden Tag heim und sieht trotzdem so aus, als wäre sie gerade eben von Zuhause losgegangen. Und wenn Catherine Zeta-Jones im Film eine Köchin spielt, ist am Ende des Menüs noch nicht einmal ihre Schürze verschmiert, geschweige denn ihr Make up. Im richtigen Leben aber konnte ich bei genug offiziellen Treffen beobachten, wie mein Gegenüber plötzlich damit beschäftigt war, unauffällig Flecken von der Hose zu rubbeln, Bügelfalten heimlich mit den Fingern nachzuziehen, oder peinlich bemüht war, die Bluse in Abstand zu den Achselhöhlen zu halten, um nur ja jeden Schweißfleck zu vermeiden. Sicher gibt es für all das Tipps und Tricks, wie man professionell damit umgeht. Das einfachste wäre: Setzen Sie sich in Leinenhosen niemals hin, essen Sie nicht, schwitzen Sie nicht, hören Sie auf, Sie selbst zu sein - oder leihen Sie sich die Masken- und Kostümbildner von Nicole Kidman. Aber viel netter ist es doch, mit lebendigen Menschen zusammen zu sitzen. Mit Menschen, die sich nicht vor Kuchenkrümeln gruseln, die über einem guten Gespräch auch mal die Serviette vergessen, und die laut und herzlich lachen können, obwohl die Wangen dann vielleicht unvorteilhaft glühen und der Lippenstift verwischt.
„Ist's schlimm?", frage ich meine Freundin, als sie sich in einem meiner T-Shirts wieder an den Küchentisch setzt. „Nö", antwortet sie, „zweimal richtig waschen, und dann ist es vielleicht raus." Sie nimmt sich noch einen Pancake. Mit einer Extraportion Ahornsirup. „Und wenn nicht", fügt sie dann lächelnd und mit vollem Mund hinzu, „könnte ich die Bluse färben. Beeren-Töne sind doch ganz angesagt gerade. Und so schlecht steht mir Brombeer ja auch nicht."
Küchentipp der Woche: Sie müssen nicht immer Soufflé sein. Sie dürfen auch gern mal den Pancake geben. Wenn Stil und Etikette zu einem Korsett werden, das Ihr Wohlfühlen und Ihre Beweglichkeit einschränkt, denken Sie kurz daran, dass niemand Sie wegen Ihrer gut sitzenden Bügelfalten lieben wird - aber der Eine oder die Andere ganz bestimmt wegen Ihrer hübschen Lachfalten.
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01.08.2011, 16:17
Kareen Armbruster
Liebe Frau Prick, mal wieder ein so wunderschön-lebensnaher Beitrag. Frau fühlt sich so verstanden und vertraut mit ähnlichen Erfahrungen. Die Stellen mit der Goldwaage und die mit den Knöpfen fand ich am schönsten. Und: Hmmmm, Pancakes mit Ahornsirup! Außerdem gibt es ja die ungeheuer praktische Option, bestimmte Kleidungsstücke lieber an anderen zu bewundern. :-) In freudiger Erwartung der nächsten NvK, Ihre Kareen Armbruster
31.07.2011, 17:52
Julia Sánchez-Haas
Herrlich, ein lebensechter Beitrag, wie es tagtäglich geschieht, mit Vergleichen, die dazu passen - einfach erfrischend. Freue ich auf mehr... Beste Grüße und eine erfolgreiche Woche!




