Generation Gorgonzola

30.09.2011, 10:31 von Ilke S. Prick

„Da, schau doch nur", ruft meine Freundin und streicht sich unwirsch die Haare zur Seite, „siehst du da was? Einen Zettel? Eine Tätowierung? Irgendwas in der Art?" Sie hält den Kopf vornüber gebeugt, sodass ich hinter ihr Ohr schauen kann. „Nein, ich sehe nichts", sage ich mit dem beruhigendsten Timbre, das ich in meinem Stimm-Repertoire finden kann, „kein Klebeschild, kein Tattoo, kein sonstwas." Sie sinkt zurück auf den Stuhl. „Na bitte!", faucht sie.



Zufriedenheit hört sich anders an. „Es hat ja auch niemand gesagt, dass du da was kleben hast", übe ich mich in Deeskalation. „Natürlich hat es niemand gesagt", schmettert sie mich ab. „Würde auch keiner wagen." Ich schweige. „Wäre ja politisch oder sonstwie unkorrekt." Ich schweige weiter. „Aber angeschaut haben sie mich, als würde es da kleben. Wie bei einem Käse. Einem schimmeligen, stinkigen Käse." Wir schielen beide auf den Gorgonzola, der darauf wartet, sich an die frischen Birnen zu kuscheln. „Der stinkt nicht, der ist würzig. Mit einer dezent süßen Note", weise ich meine Freundin zurecht. „Würzig? Mag ja sein. Aber auch er hat es", mault sie. „Ja, ich weiß", gebe ich nach: „das Haltbarkeitsdatum!"

Käse zeichnet sich durch Reife aus. Wie guter Wein. Wie kompetente Kollegen. Joghurt ist toll. Zum Frühstück oder zwischendurch. Quark und Kartoffeln - wunderbar! Am besten mit Frühlingszwiebeln und Kräutern. Käse aber ist etwas anderes. Käse hat sich Zeit genommen, um das zu werden, was er ist. Eben: Käse. Ich weiß, was meine Freundin meint, wenn sie mir diese zarte und verletzliche Stelle hinter ihrem Ohr zeigt. Indem sie auf das Haltbarkeitsdatum tippt, bohrt sie in Wunden. Auch in meinem Pass steht ein Geburtsdatum. Auch ich sehe in den Spiegel. Quark mit Honig reicht da mittlerweile nicht aus, um die Falten, die leider nicht mehr charmant als Linien bezeichnet werden können, auszubügeln.

„Ich finde das so ungerecht", sagt meine Freundin, während ich die Teller mit dem Steinpilzrisotto auf den Tisch stelle. „Die ersten zwanzig Jahre deines Lebens bist du Kind gewesen und niemand hat dich für voll genommen. Die nächsten zwanzig Jahre warst du Spielball deiner Hormone, abwechselnd mit Eisprung oder PMS beschäftigt, und immer mal wieder am Überlegen, ob du nicht doch noch schwanger werden willst." Ich höre ihr zu, streue Walnüsse auf den Radicchiosalat, gebe die Vinaigrette mit Dattelbalsam darüber und schiebe ihr die Schüssel hin. „Und nun, endlich", fährt meine Freundin ungerührt fort, „hast du das Gefühl, dass alles am richtigen Ort ist - die grundlegenden Entscheidungen sind getroffen, über das mit den Hormonen schmunzelst du; du bist zentriert und die Ruhe selbst, bist gereift, erfahren, weise. Und so willst du dich nun der zweiten Hälfte deines Lebens stellen. Ich meine: du kannst ja gut neunzig werden. Im Grunde geht es jetzt erst richtig los. Doch dann kommt so ein frisches Joghurttörtchen an und sagt dir mehr oder minder durch die Blume, dass du zu alt bist für die Zusammenarbeit mit ihrem tollen Team. Das ist doch echt das Letzte!" Sie beißt in den Salat und die Walnüsse knacken zwischen ihren Zähnen.

Foto: Paul-Georg Meister / pixelio.de

Foto: Paul-Georg Meister / pixelio.deIch kann meine Freundin gut verstehen. Sie hatte so viele Hoffnungen in diese neue Kooperation gesteckt. In Mails und Telefonaten sah es so aus, als würden sie und dieses Team sich perfekt ergänzen. Nur ist meine Freundin eine derjenigen, die ihr Alter nicht auf ihre Homepage setzen. Was manchmal zu Irritationen führt, wenn das Gespräch auf Persönliches kommt und klar wird, dass sie die 80er Jahre nicht nur aus Nostalgie-Fernsehshows kennt. Wir beide genießen es bis heute sehr, mit Menschen verschiedener Kulturen, sozialer Hintergründe und Geschlechter zusammenzuarbeiten. Gegensätze machen es zwar nicht einfacher, aber sie können ungeheuer inspirierend sein. Alter war dabei für uns bislang kein Ausschlusskriterium - bis wir das erste Mal mit unserem eigenen Haltbarkeitsdatum konfrontiert wurden.

Ich lese nur selten Bücher mit Bleistift. Doch es gibt welche, bei denen ist das Unterstreichen so etwas wie Notwehr, weil ich sonst immer wieder die Stellen suchen müsste, die mir das Herz geöffnet haben, die mich trösten und glücklich machen, an denen ich lutschen kann wie an süßem Karamell. Mit dem jüngsten Band von Armistead Maupins Stadtgeschichten ist es so. Die Hauptfigur, die ich schon vor langer Zeit durch sechs Bände voll Irrungen und Wirrungen lesend begleitet hatte, ist mittlerweile alt geworden, durchlebte Krankheiten, Verluste, Hoffnung und Neuanfänge. Ich war auch dieses Mal gefangen - und dann stand er plötzlich da, der Satz, von dem ich gleich wusste, dass ich ihn unterstreichen müsste, weil ich ihn immer wieder suchen würde. Weil er mich nicht losließe. Weil er zu Worten karamellisierte Wahrheit ist: „Manche Menschen meinen, man sei erst dann erwachsen, wenn beide Eltern gestorben sind; ich wurde erwachsen, als ich jemanden traf, der denjenigen begehrte, der ich geworden war." Gewollt werden für das, was man ist, mit allen Erfahrungen, Geschichten und Brüchen. Berührender kann man die Akzeptanz des Älterwerdens wohl kaum in Worte fassen. Mit Wehmut und Weichheit. Die dezent süße Note des Gorgonzolas, versteckt unter all seiner Würze.

Ich räume die Teller zusammen, schenke uns Portwein ein und stelle die Birnen mit dem Gorgonzola auf den Tisch. Saftige, frische Früchte, würziger Käse, lange genug gereift. Eine perfekte Kombination. „Vielleicht solltest du dir eine ganz andere Frage stellen", sage ich schließlich zu meiner Freundin: „Willst du eigentlich mit einem Team zusammenarbeiten, das eine so kompetente und lebenserfahrene Frau wie dich als zu alt bezeichnet?" Meine Freundin schaut mich fragend an. „Naja", ergänze ich lächelnd und reiche ihr die Birnen, „eine gute Kooperation hat nicht nur was mit sich ergänzenden Kompetenzen zu tun, sondern immer auch mit Wertschätzung. Und vielleicht sind sie ja noch nicht reif genug für dich."

 

Küchentipp der Woche: Jugend ist toll. Auch Joghurt und Birnen können sehr erfrischend sein. Aber sie sind nicht alles. Parmesan, Gorgonzola, Portwein. Reif wird man nicht von heute auf morgen. Seien Sie stolz auf Ihre Erfahrungen - und auf die Zeit, die sie damit verbracht haben, diese Erfahrungen zu machen.






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06.10.2011, 12:45
Heinke
Hallo ,liebe Ilke, Du hast so recht....und Du schreibst grossartig!Heinke(wenn du Dich erinnerst..)

03.10.2011, 18:55
sarah mondegrin
.... zu Worten karamellisierte Wahrheit ... danke, danke, danke für diese Formulierung! Und für den wieder wunderbaren Blog. So ist das eben mit der Reife!


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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