Resteessen

28.01.2012, 09:49 von Ilke S. Prick

„Vier Wochen drüber", sagt meine Freundin und lässt sich auf den Stuhl sinken. Sorgenfalten auf der Stirn. „Habe ich irgendwas verpasst?", frage ich sie überrascht. „Nein, hast du nicht. Wie kommst du darauf?" Irritiert zieht sie die Augenbrauen in die Höhe. „Vier Wochen drüber", zitiere ich sie, „du bist doch nicht etwa -" Ich muss es nicht aussprechen, denn sie kommt mir zuvor: „Pleite! Ja, das bin ich! So ziemlich jedenfalls. Was dachtest du denn?" Sie sieht mich entgeistert an, weil ich erleichtert aufatme. „Ach nichts", antworte ich und öffne den Wein.



Mitte Dezember hat meine Freundin Rechnungen geschrieben. Und die ein oder andere Mahnung für Gelder, die noch ausstanden. Was wirklich kein Vergnügen war. Aber auch Freiberufler müssen ihren Jahresabschluss machen. Und seitdem hat sie gewartet. In einigen Fällen vergeblich. Ich höre mir ihr Jammern an, während ich Kartoffeln in dünne Stifte schneide. „Wieso", fragt sie mich verzweifelt, „glauben die Leute eigentlich, dass es mit Kunst und Dienstleistungen etwas anderes sei als mit Schuhen? Die gehen doch auch nicht in ein Schuhgeschäft, ziehen ein Paar an, und wenn es ihnen passt, marschieren sie raus aus dem Laden und rufen kokett der Kassiererin zu: Bitte schicken Sie mir die Rechnung. Ich zahle dann später." Ich stelle die Pfanne aufs Feuer und schiebe es auf die Zwiebeln, dass ich heulen könnte.

Ich kann meine Freundin gut verstehen. Der Jahreswechsel ist auch bei mir eine Zeit, in der ich an meiner Geschäftsfähigkeit zweifle. Die Künstlersozialkasse will Anfang Dezember von ihren Künstlern eine Einschätzung der Einnahmen des kommenden Jahres. Also ziehe ich Bilanz. Wie all die anderen Künstler auch. Und ich überlege, wie viele der ausstehenden Honorare wohl noch im laufenden Jahr gezahlt werden und wie viele davon trotz Anmahnung erst im nächsten - weil Rechnungen verschleppt werden von Menschen, die glauben, dass es da eklatante Unterschiede gibt zwischen Schuhen und einem Text. Denn Schuhe werden an der Kasse gezahlt. Eine Lesung - nun ja. Worte sind Schall und Rauch und schnell verflogen.

Eine Lesung wird also gezahlt, wenn mal wieder Geld für Kunst da ist. Irgendwann. Was aber nicht weiter schlimm zu sein scheint, denn der tägliche Kalorienverbrauch von Künstlern ist sicher niedriger, als der von anderen Menschen. Künstler lümmeln nämlich den ganzen Tag nur auf dem Sofa und warten darauf, dass eine Muse vorbeikommt und mit ihnen herumknutscht. Nach anstrengender Arbeit hört sich das jedenfalls nicht an. Und wenn Künstler schon auf die Muse warten, können sie das doch gleich auch noch auf das ausstehende Honorar. Schuhe hätten zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon die ersten Schrammen. Aber Künstler stehen über sowas drüber. Schließlich hatten sie doch bereits ihren eigentlichen Lohn vor dem Warten auf das Geld: durften sie nicht ihre Texte vorlesen und haben sie nicht Applaus dafür bekommen? Oder waren sie nicht stolz, als sie ihr Kunstwerk an der Wand hängen sahen? Das ist doch erhebend. Das ist doch mehr als man mit Geld aufwiegen kann. Da darf die Überweisung gern noch zwei Wochen länger liegen bleiben, auch wenn es die Künstler an dieser Stelle vielleicht lieber mit Molière halten würden, der das Dilemma mit dem Auch-mal-essen-müssen so auf den Punkt brachte: „Ich lebe von guter Suppe, nicht von schöner Rede."

Foto: Rolf van Melis / pixelio.de

Foto: Rolf van Melis / pixelio.de

„Was machst du da eigentlich?", fragt meine Freundin, die mir dabei zusieht, wie ich die Kartoffeln mit den Zwiebeln und dem Appetitsild in eine Auflaufform schichte, das Ganze mit Sahne und der Salzlake des Fischs übergieße und es mit Butterflocken und Semmelbröseln kröne. „Ich mache das, was noch da war", antworte ich, denn auch meine Speisekammer ist zu Jahresanfang pleite. „Okay", bohrt meine Freundin weiter, „nur hat das, was noch da war, in dieser Konstellation auch einen Namen?" Ich öffne die Ofenklappe und schiebe den Auflauf hinein. „Janssons Frestelse", antworte ich. „Janssons - was?", fragt meine Freundin. „Janssons Versuchung", übersetze ich. Und dann muss ich grinsen, denn Pelle Janzon, dem die Erfindung von Janssons Versuchung nachgesagt wird, war ein schwedischer Opernsänger. Und vielleicht hat er diesen wunderbar süchtig machenden Auflauf ja nur deswegen erfunden, weil auch er am Anfang seiner Karriere erfahren hat, was um die Jahreswende in der Speisekammer von Künstlern so zu finden ist ...



Küchentipp der Woche: Bleiben Sie hartnäckig. Auch Künstler und andere Freiberufler müssen essen. Es ist nicht zu viel verlangt, dass nicht nur Schuhe, sondern auch Kunst und Dienstleistungen angemessen und pünktlich honoriert werden. Stärken Sie sich mit Janssons Versuchung und dann schreiben  Sie alle Mahnungen, um die Sie sich bisher gedrückt haben. Danach können Sie sich gern aufs Sofa lümmeln und sich zur Belohnung ausgiebig von Ihrer Muse küssen lassen.






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28.01.2012, 14:09
Gabi
Hallo, sie schreiben mir aus der Seele, sagt man so.obwohl nur gelegentlich Künstlerin ansonsten mit Baudienstleistungen beschäftigt ärgere ich mich auch sehr über nicht sofort bezahlte Rechnungen eben gerade über den Jahreswechsel.Es sind auch nicht die kleinen Leute die nicht bezahlen, nein die mit den dicken Autos, dem Festgehalt als Beamte usw.Versuche neben raschen Mahnungen mich mittels Joga nicht mehr so aufzuregen.Gruß Gabi Lahde


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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