Bluff mit Schokoguss

24.02.2012, 18:44 von Ilke S. Prick

„Du hast diesmal irgendwas anders gemacht als sonst", sagt meine Freundin und schleckt sich die Reste der Schokoglasur von den Fingern. Ich ignoriere ihren Kommentar und blättere in der Zeitschrift, die sie auf meinem Küchentisch abgelegt hat. „Schon lecker der Kuchen", stellt sie fest, „aber, hmm, ja, eben einfach irgendwie anders."



Sie ignoriert, dass ich meine Ohren auf Durchzug gestellt habe. Genau in dem Moment, als sie nach dem ersten Bissen begonnen hat, mich über den Kuchen zu befragen, der wirklich irgendwie anders ist als sonst. Doch sie scheint nichts zu merken und versucht hartnäckig, hinter das Geheimnis zu kommen, was ihn von meinen anderen Backwerken unterscheidet. Aber Geheimnis heißt ja nun mal, dass etwas geheim ist - und dass es das bitteschön auch bleiben soll!

„Guck dir das mal an!", sage ich also zur Ablenkung und halte meiner Freundin die Kosmetikwerbung mit der schönen Schauspielerin hin. „Was macht die nur anders als ich? Wir sind doch ungefähr ein Alter." Ich habe Erfolg mit meinem Ausweichmanöver. Meine Freundin blickt vom Kuchen auf die Zeitschrift und dann auf mich: „Du glaubst immer noch, dass alles echt ist, was du siehst, oder?" Sie lacht. „Dabei ist alles nur eine große Lüge." Ich zucke zusammen und mein Gesicht entgleist kurz, während ich mich bemühe, keinen Seitenblick auf den Kuchen zu werfen.

Foto: wrw/pixelio.de

Foto: wrw / pixelio.deIch weiß, womit ich meine Freundin ablenken kann. Seit Jahren reden wir immer wieder über Glaubwürdigkeit. Über Authentizität. Über Reales und Virtuelles. Über Dichtung und Wahrheit. Meine Freundin kennt sich aus mit Computerdingen und sie weiß, was man so alles machen kann. Ich hingegen schreibe Geschichten, und vielleicht lasse ich mich deswegen manchmal auch gern täuschen, wenn die Wendung, die mein Gegenüber einbaut, gut und logisch ist. Es gibt Momente, da glaube ich lieber einer gelungenen Geschichte mit Happy End, als an das, was manche gern als ‚die Realität' bezeichnen. „Knall ordentlich Licht rein, drück die richtigen Tasten bei Photoshop, voilà, dann bist auch du zehn Jahre jünger", sagt meine Freundin und nimmt sich noch ein Stück Schokokuchen. „Es ist doch alles nur Bluff!", sagt sie mit vollem Mund. Ich nicke vorsichtig.

Mit Fotos ist das ja immer so eine Sache. Der richtige Blickwinkel, die Schokoladenseite, das passende Licht, das innere Leuchten. Selten genug kommt alles zusammen. Außerdem ist man mit Bildern von sich selbst ja noch mal viel kritischer. Ich weiß, woher meine Falten kommen, und die im Augenwinkel habe ich mir sogar sehr gern angelacht. Aber all die anderen Linien? Sollte ich da nicht tatsächlich mal mit einem Bearbeitungsprogramm dran? Ich bin nicht eitel. Wirklich nicht. Höchstens ein bisschen.

Ilke S. Prick, Foto: Martina Machel

Ilke S. Prick, Foto: Martina Mechel„Die Falten auf der Stirn? Gut, dass du es erwähnst", seufzte der Webmaster meines Vertrauens, als ich ihm die Fotos präsentierte, die er demnächst auf meine Homepage setzen soll. „Die Falten wären mir nämlich ohne deinen Hinweis gar nicht aufgefallen." Ich ahnte, dass das kein guter Einstieg für meine sehnsuchtsvolle Frage nach ein bisschen großem Bluff war. „Da mache ich garantiert nichts", kam seine Antwort dann auch prompt. „Hast du schon mal auf deinen Ausweis geschaut, meine Liebe? Du bist nicht mehr fünfundzwanzig." Also erübrigte sich damit wohl auch die Bitte um ein klein wenig Retusche bei meinen Augenrändern. Sonst hätte er mir vermutlich noch vorgeschlagen, ich solle doch ein kleines Schildchen daneben kleben mit dem Hinweis: „Das vornehme Nachtschattenblau kommt nicht von durchfeierten Nächten, sondern nur durch die sehr dünne und sensible Haut der Frau Prick." Das würde dann noch blöder aussehen. Soweit geht meine Eitelkeit dann doch nicht. „Das einzige, was ich machen würde", sagte er, „ist, dir den weißen Soßenfleck vom Ärmel zu nehmen. Ansonsten finde ich es gut." Was ich wiederum sehr charmant fand.

„Möchtest du denn wirklich", fragt meine Freundin, „lieber so zweidimensional aussehen wie die hier auf dem Bild?" Sie drückt mir die Werbeanzeige wieder in die Hand. Ich zucke mit den Schultern. Ich bin mir nicht sicher. „Ich jedenfalls habe mich früher immer gefragt, wie es wohl aussehen wird, wenn wir beide älter sind. Welche Spuren das Leben bei uns dann hinterlassen hat." Sie schaut mich an und lächelt. „Und eigentlich freue ich mich darüber, in deinem unbearbeiteten Gesicht die unterschiedlichen Geschichten nun wiederzufinden. Die schönen und traurigen. Weil es deine Geschichten sind." Sie schneidet sich noch ein Stück Schokokuchen ab und ich habe einen Kloß im Hals. „Und das ist doch das, was du immer willst: Geschichten, die so gut erzählt sind, dass sie Spuren hinterlassen." Ich bin gerührt und muss schlucken. „Also brauchst du doch gar keinen Bluff." Ich räuspere mich. Ich krächze. „Ein bisschen Bluff schon", stottere ich verlegen. Meine Freundin zieht fragend die Augenbrauen in die Höhe. „Naja", seufze ich, „der Kuchen..." Ich schlage verlegen die Augen nieder. „Dass er diesmal so anders schmeckt, liegt einfach nur daran, dass er aus der Tüte kommt."

 

Küchentipp der Woche: Bluffen Sie, wenn Sie wollen. Manchmal kommt man um Tütenkuchen, einen Bluff und ein bisschen Retusche einfach nicht herum. Nur vergessen Sie nicht, dass unter der Retusche Ihre ganz eigenen Geschichten liegen, auf die Sie eigentlich stolz sein sollten, auch wenn sie Spuren auf Ihrer Stirn oder um den Mund herum hinterlassen haben. Denken Sie daran: ohne Spuren kann niemand den Schatz bei der Schnitzeljagd finden.

 






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05.03.2012, 10:30
Sabine Reinhold
Ich empfinde, dass ich manchmal Mut brauche, um z.B. mein Gesicht mit den ersten Fältchen zu lieben und nicht nach retuschierten Models zu schielen. Aber wenn ich mich im Spiegel anlächle, erkenne ich glücklich, das bin ich und zwar nur ich, unverwechselbar.

02.03.2012, 07:10
sarah mondegrin
„Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden\", sagt Franz Kafka. Auch wenn Falten hier nicht erwähnt werden - dafür wäre Kafka vermutlich viel zu höflich gewesen - schon klar, oder?


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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