Na, bist du schön fleißig?

13.10.2009, 09:15 von Ilke S. Prick

Ich bin unterwegs und habe meinen Küchentisch verlassen, um auf große Fahrt zu gehen. Natürlich habe ich mir auch was zum Schreiben mitgenommen. Ich arbeite ja selbständig. Und selbständig arbeiten heißt nun mal: selbst und ständig. So ist das!



Ich blicke aus dem Zugfenster. Der Kapitän unserer Reise begrüßt alle Zugestiegenen und versichert uns, dass in der Bistro-Kombüse garantiert genug Butterkuchen für alle ist. Mindestens bis Castrop Rauxel. Ich ziehe meine Schuhe aus und mache es mir gemütlich. Ich kann mir das leisten. Meine Socken sind frisch gewaschen und ich sitze allein.

Am Himmel kreist ein Falke. Bestimmt ist es ein Falke. Oder doch ein roter Milan? Ob der Kontrolleur, der sich jetzt langsam Sitzreihe für Sitzreihe nähert, weiß, worin der Unterschied zwischen einem Falken und einem roten Milan besteht? Er kennt doch die Strecke hier. Ich überlege, ihn zu fragen. Er heißt Herr Lindemann und sieht sehr müde aus. Ich lass es besser und notiere mir auf meinem kleinen Zettel: „nach Falken und Milanen googlen.“ Mein Laptop summt leise. Auf dem Pausenbild wachsen Blumen von unten nach oben. Es sind schon so viele, dass fast der halbe Bildschirm voll ist. Ich sollte mich mal zusammenreißen und wirklich ständig arbeiten. Ich wollte doch was schaffen auf der Fahrt. Daheim hatte ich noch getönt, wie gut ich unterwegs schreiben kann.

Am Fenster fliegen Kühe auf einer Weide vorbei und die Frage, warum es Regionen gibt, in denen sie schwarzweiß sind, und Regionen, in denen es nur braune gibt, nimmt mich völlig in Beschlag. Hat auch das was mit den Mendelschen Gesetzen zu tun? Oder ist das mit den Kühen vielleicht so wie mit den Birkenspannern? Oder liegt es am Trinkwasser? Am Luftdruck? Am Futter? Ich mache die nächste Notiz auf meinem Schmierzettel: „Kühe – Biounterricht: merken für nächstes Buch!“ Die Mendelschen Gesetze hatte ich zwar schon in meinem zweiten verbraten, aber Kühe sind doch immer gut. Die Blumen auf meinem Laptop-Pausenbild wuchern. Sie haben das obere Drittel erreicht, als unser Zugkaptiän ankündigt, dass wir in Wolfsburg vor Anker gehen.

Foto: Peter von Bechen / pixelio.deIch hatte ja schon erwähnt, dass ich selbst und ständig arbeite. Kurt schräg vor mir macht das ebenfalls. Er hat am Wochenende in Berlin zu tun gehabt. Beruflich. Ganz wichtig. Das erzählt er nun seinem Handy. Und dass Mechthild, bei der er gewohnt hat, gar keine Zeit für ihn hatte, obwohl sie doch eigentlich vorgab, sich so auf ihn zu freuen. Die Türen fiepen. Tschüs Wolfsburg! Kurt bleibt. Und darum erfahre ich auch, dass er den Rest des Wochenendes, als er dann mal nicht gearbeitet hat, vor dem Fernseher sitzen musste. Allein. Ohne Mechthild, die sich anderweitig amüsieren ging. Armer Kurt! Aber – Hey! – warum ist er nicht einfach ins Museum gegangen? Oder ins Kino? Sollte ich ihn das mal fragen? Einladend laut genug nölt er ja. Vielleicht könnte ich so eine Gruppendiskussion anstoßen.

Der Himmel bewölkt sich und mein Laptop schmollt. Keine Pausenblumen mehr, sondern ein gähnend schwarzer Monitor. Ich ruckel an der Maus, das Blumenmuster beginnt von vorn und ich mache mich bereit. Schließlich arbeite ich ja selbst und ständig. Ich denke an Natalie Goldberg, eine Meisterin des Creative Writings. „Halten Sie einfach Ihre Hand in Bewegung!“ Das ist ihr Mantra für alle, die schreiben wollen. Kontrollieren Sie nicht den Inhalt, schreiben Sie drauflos, halten Sie die Hand in Bewegung. Schreiben ist nichts anderes als eine Hand, die sich mit dem Stift auf dem Papier bewegt. Voilà. Die Hand in Bewegung halten. Vielleicht sollte ich erstmal zur Gewöhnung an die Hand-Bewegung ein bisschen Solitaire spielen? Nur drei Partien. Oder vier vielleicht.

Herr Lindemanns Zwillingsbruder geht mit einem Tablett durch den Gang. Tee? Mhm, Tee wäre eigentlich nicht schlecht. Bin ja schon ziemlich lange unterwegs. Wir sind kurz vor Lehrte. Bevor ich nach meinem Portemonnaie suche, mache ich noch schnell eine Notiz auf meinem Zettel: „Schreibübung von Natalie Goldberg mit Jugendlichen ausprobieren.“

Kurz hinter Wunstorf wandern meine Augen dann nach rechts. Mit dem Tee in der Hand kann ich eh nicht schreiben. Mein Blick fällt auf einen Salzberg. Kurt schweigt. Also hier drinnen. Vielleicht telefoniert er jetzt draußen. Er ist in Hannover ausgestiegen. Die Blumen auf dem Bildschirm sind schon wieder auf halber Höhe. Ich stelle den Tee zu Seite und mache eine Notiz: „Wie wär’s mit Kindergeschichten zum Hören (event. über Zwerge im Salzbergwerk, Spitzhacken-Percussion m. Chorgesang im Hintergrund)?“ Auf der Rückseite des Zettels versuche ich mich an einem Cluster über Berge und mache eine kurze Skizze für ein Zwergengedicht.

Mein Handy surrt. SMS von meiner Freundin: „Na, bist du schön fleißig?“, steht da auf dem Display, mit einem :-) und einem :-D hinten dran. Warum sie es zum Lachen findet, dass ich dauernd nur am Arbeiten bin, verstehe ich nicht. Sie weiß doch, dass ich meine Reisezeit gut nutze. Dass ich meine Hand in Bewegung halte. Dass auch meine Gedanken nie ruhen. „Klar!“, simse ich also zurück, „du weißt doch: selbst und ständig!“ Der Bordlautsprecher räuspert sich. Der Zug ist kurz vor Dortmund. Zeit also, den Laptop auszuschalten. Wir danken für die Fahrt!

 

Küchentipp der Woche: Gelegentlich reicht es beim Schreiben auch erstmal, wenn überhaupt irgend etwas bei Ihnen in Bewegung ist – die Augen, die Füße, der Zug, die Gedanken. Vorausgesetzt, Sie haben einen Schmierzettel für Notizen dabei.






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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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