Worte mit Vanillesahne

„Ich denke, du hast so viel zu tun, dass du gar nicht mehr durchkommst", sagt meine Freundin, während sie Platz nimmt an meinem Küchentisch. „Nach Termindruck sieht das hier aber nicht aus." Mit der Linken schiebt sie das Schälchen mit zerlassener Butter in die Ecke, mit der Rechten rückt sie den Zuckertopf zurecht, damit ihre Kaffeetasse ungestört eine Heimat findet zwischen Maus und Akku. „Und als ob du dich in den letzten Tagen überarbeitet hast, wirkst du auch nicht gerade."
Kritisch mustert sie mich. Ich klappe schnell den Laptop zu, bevor sie noch auf die Idee kommt, den Kuchenteig-tropfenden Mixer aus Platzmangel auf die Tastatur zu stellen. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirkt: dies hier ist ein ordentlicher Haushalt! „Es scheint eher so, als ob du Farbe bekommen hättest", schiebt meine Freundin nach und macht eine Pause, die sie dazu nutzt, eine Augenbraue vorwurfsvoll in die Höhe zu recken. Seit sie die neue Brille hat, entgeht ihr leider gar nichts mehr. Ja, ich habe Farbe gekriegt, aber, nein, ich tue ihr jetzt nicht den Gefallen, deswegen auch noch ein schlechtes Gewissen zu bekommen!
Gestern Früh hat das Telefon geklingelt, mehrmals, sehr hartnäckig. „Es wird noch mal warm", tönte es aus dem Hörer, als er endlich unter drei Papierstapeln aufgetaucht war. „Nachts hat es Bodenfrost gegeben", schallte es, „aber heute sollen wir einen der letzten schönen Tage bekommen. Also: Es hängen noch Tomaten da. Die Äpfel müssen vom Baum. Die Kürbisse in den Schuppen. Und Nüsse gibt's auch schon." Ich stellte die Teetasse auf den Schreibtisch und sah aus dem Fenster. Die Sonne funkelte überm Rosmarintopf. Hmmmm. Ofenwarmes Brot mit Mozzarella und den allerallerletzten Tomaten des Jahres! „Wir wollen den Garten winterdicht machen", knurrte der Hörer lauter als mein Magen und sagte dann noch weise: „Lass bloß deinen Laptop zu Hause!" Eierkuchen mit Cox Orange und Ahornsirup!! „Wenn du dich beeilst bekommst du den Zug um kurz nach halb." Plong - aufgelegt. Mein übliches aber-die-Abgabetermine konnte ich mir also sparen. Kürbissuppe mit Kokosmilch und Ingwer!!! Ich schaute auf die Uhr und atmete tief durch. Zwei Krähen stritten lautstark im Antennendschungel auf dem Dach gegenüber, mein Nachbar startete eine Bodenschleifmaschine und mein Trommelfell begann zu sirren. Ich konnte mir ausmalen, wie der Tag vorm Computer ablaufen würde. Zwiebelkuchen ... Federweißer ... Kurz nach halb wäre machbar. Wofür, verdammt noch mal, bin ich eigentlich Freiberuflerin?
Es stimmt, dass mein Tisch voll mit Sachen ist, die ich dringend erledigen müsste. Es stimmt auch, dass sich die Termine gerade gegenseitig auf die Füße treten. Eine ebenso unumstößliche Tatsache ist allerdings, dass es manchmal ganz gut ist, trotzdem alles liegen zu lassen und genau das zu tun, was man sich gar nicht leisten kann: Spaß zu haben und Zeit zu verschwenden! Blätterteigschiffchen mit karamellisierten Nüssen und Schokoladenrand!!!! Für das schlechte Gewissen habe ich ja immer noch meine Freundin, die das mit dem Spaß und der Arbeit etwas anders sieht.
„Also hast du gestern mal wieder gar nichts geschafft?", fragt sie mich, als ich das Kuchenblech in den Ofen schiebe. Ich verzichte darauf, sie an einen Kommentar von Astrid Lindgrens rothaarigem Mädchen zu erinnern: „Ich hüpfe hier, was das Zeug hält, und jetzt kommst du und sagst, dass ich nichts tue. Hüpf selbst, dann wirst du sehen, dass man was tut, wenn man hüpft." Denn natürlich habe ich gestern was geschafft: Ich habe Tomaten getätschelt statt der Tastatur, habe Kürbisse geerntet statt Kolumnen, habe Walnüsse gesammelt statt Worten. Habe in der Sonne gesessen und Tee getrunken, habe ein Feuer aufgeschichtet, habe Würstchen gegrillt. ... mit Badischem Kartoffelsalat, noch warm, mit Speck ... Aber das will meine Freundin, die mir gerade etwas von Selbstdisziplin und Zeitmanagement erzählt, sicher nicht hören. Abends bin ich dann nach Hause gefahren mit dreieinhalb neuen Ideen im Kopf, die ich heute nach dem Aufstehen in den Computer gehämmert habe, denn manchmal bewegen sich Dinge dadurch, dass man sich selbst bewegt und sich ausnahmsweise mal keine Gedanken um sie macht. Im rechten Arm habe ich Muskelkater.
„Bleibst du noch, bis er fertig ist?", unterbreche ich meine Freundin schließlich in ihrem Monolog, in dem sie jetzt bei der Wichtigkeit des Einhaltens von Terminen und der Bedeutung von Anrufbeantwortern für das konsequente Arbeiten angekommen ist. „Ähm", stottert sie und „hmmm", macht sie und „nun ja." Dann zieht sie ihre Stirn kraus, schielt auf den Herd und fragt: „Das ist der mit Vanille im Teig, nicht wahr?" Ich nicke. Sie räuspert sich. „Den man am besten warm isst?" Ich nicke. Sie schluckt. „Mit Sahne, oder?" Sie sieht mich an. Leidend. Ich nicke wieder: „Mit Sahne, ja. Und heute sogar mit einer Extrakugel Walnusseis." Sie seufzt. Sie schüttelt den Kopf. Sie zögert. Verzieht das Gesicht. Sie hat sich ergeben. „Ach weißt du", seufzt sie ein zweites Mal, „wofür bin ich eigentlich Freiberuflerin, wenn nicht für warmen Apfelkuchen mit Sahne?" Sie stellt den Mixer in die Spüle. „Ja, genau dafür!", sage ich und hole schon mal die Teller.
Küchentipp der Woche: Seien Sie fleißig. Halten Sie sich an Termine. Wenn Sie jetzt aber lieber hüpfen wollen, dann hüpfen Sie doch einfach! Nicht, weil irgendwo steht, dass dadurch Endorphine oder Serotonin oder sonstwas frei wird, was dann wieder Ihre Arbeit beflügeln soll, sondern wirklich nur, weil es Ihnen Spaß macht. Hüpfen Sie, was das Zeug hält - nur bitte nicht direkt nachdem Sie den Apfelkuchen gegessen haben ...
16.11.2009, 16:11
sarah mondegrin
ja ............. dieser text ist so wunderschön, gefällt mir bisher am besten von allen blogs ... absolution verleiht eben doch flügel! muss ihn dringend meinem coach empfehlen, weil er einfach so kulinarisch ist. (und das von einer, die gerade die hibiskusblütenhecken auf teneriffa gegen die verdorrenden eichenblättchen in schöneberg eingetauscht hat ...) absolution ist im winter glaube ich noch dringender als im sommer. also: absolutionsexpress!!!
13.11.2009, 12:21
Gerlinde Amsbeck
Habe gestern den Küchenblog gelesen, (ehrlich gesagt in der Hoffnung, ein Rezept zu finden) und fand ihn wunderbar. Danach bin ich ganz entspannt nach Hause gefahren. Das hätte ich wegen eines Arzttermines mit meinem Sohn zwar sowieso getan, aber dieses Mal hatte ich kein schlechtes Gewissen. Vielen Dank
30.10.2009, 14:46
Zamyat M. Klein
Ja wunderbar, die Frage "Wofür bin ich eigentlich Freiberuflerin?" habe ich mir eben auch gestellt, da tatsächlich heute noch einmal die Sonne scheint. Soll ich die im Büro verpassen? Am Laptop und an einer Pinwand verbringen, nur weil ich es für heute eingeplant hatte? Aber es fällt mir sooo schwer, das Laptop zuzuklappen und statt dessen die Walking- Stöcke in die Hand zu nehmen und raus. Ich muss nicht einmal irgendwohin fahren, ich wohne mitten in der Natur. Und schaue neidisch auf alle, die hier vorbeilaufen. Allerdings war ich bis letzte Woche in Urlaub (3 Wochen), da müsste ich ja jetzt schon etwas Disziplin aufbringen- oder? Aber die grauen Tage kommen mit Macht, da sollte ich doch jeden Sonnenstrahl ausnutzen. So geht es hin und her... und bis ich mich entschieden habe- oder nicht entschieden habe- ist die Sonne weg und ich habe nicht wirklich gearbeitet. Da kommt Ihr Artikel gerade Recht. Danke!




