Die Power-Point-Verschwörung

13.11.2009, 10:11 von Ilke S. Prick

„Pass auf, gleich ist es wieder so weit", raunt mir meine Freundin ins Ohr. Ich sehe sie fragend an, aber sie zieht erstmal nur wie üblich ihre Augenbrauen in die Höhe. „Die Power-Point-Verschwörung!", lächelt sie dann geheimnisvoll. Wir sitzen in weichen Sesseln und schauen auf die Bühne.



Die Tagung heißt „Die Zukunft der neuen Medien" oder so ähnlich. Meine Freundin hatte Freikarten bekommen und mich mitgeschleift. „Das ist genau das Richtige für dich", hatte sie gesagt und noch etwas von ausgesprochen gutem Catering gemurmelt. Natürlich interessieren mich neue Medien. Irgendwie. Manchmal. Am Rande.

Dauernd meckert meine Freundin mit mir, weil ein Computer für mich auch nach Jahren nur eine bessere Schreibmaschine ist. Von Power-Point habe ich ebenfalls keine Ahnung. Ständig krittelt sie daran herum, dass ich in meinen Schreibwerkstätten immer nur zu Stift und Papier greife (Sie erinnern sich? Natalie Goldberg: die Hand in Bewegung halten ...). Und sie schüttelt den Kopf darüber, dass für mich die Einführung eines Flipcharts in meinen Gruppen schon technische Neuerung genug war. Darum sitzen wir nun wohl hier. 

Nach ein paar einleitenden Sätzen, die sonor durch den leicht abgedunkelten Raum schweben, blühen auf der Leinwand vorn wunderschöne Bilder auf, rot und orange, Diagramme, Kreise, Statistiken. Textfragmente leuchten durch die Reihen und dann ... nichts mehr. Bluescreen oder wie das heißt. Ich kenne mich ja wie gesagt mit der Computertechnik nicht so aus. Der Herr am Rednerpult gerät ins Schwitzen. Ich kann es ihm nachfühlen. Ein leichtes Klackern schallt hinüber bis in unsere Sitzreihe. Verzweifeltes Tastendrücken. Durchatmen. Mausrütteln. Beherrschter Blick. Die Zeit zieht sich wie Kaugummi.

Vielleicht wehre ich mich nur gegen so manche technische Neuerung, weil ich insgeheim daran zweifle, dass technische Neuerung auch immer Erleichterung bedeutet. Wieviel Zeit musste ich allein darauf verwenden, meinen Wecker mit all seinen Funktionen so zu programmieren, dass er funktionierte? 12-Stunden-Rhythmus oder 24-Stunden? Sommerzeit? Winter? Fahrenheit oder Celsius? Und welche Zeitzone haben wir hier überhaupt? Ganz abgesehen von dem Drama, wenn alles endlich eingestellt ist, man im Halbschlaf dann zufällig zwei Tasten in falscher Kombination drückt und wieder alles durcheinander gerät. Wo war doch gleich die Gebrauchsanweisung? Wer erinnert sich daran, nachts um halb drei? Noch merkwürdiger ist für mich der Gedanke, ich müsste mich in ein Computerprogramm vertiefen, dessen Effekt es ist, dass die Zuhörer auf die Leinwand starren, um von dort alles mitzuschreiben, was ich ihnen zeitgleich viel schöner erzähle. Wenn sie nicht hören, sondern lesen. Wozu also dann noch den Vortrag halten? Ist es nicht netter, sich Auge in Auge gegenüber zu stehen? Denn das tun wir ja jetzt zwangsläufig, der Redner und wir.

„Siehste!", grinst meine Freundin und deutet auf die leere Leinwand, „es IST eine Verschwörung!" Unverständig zucke ich mit den Schultern. Wieso Verschwörung? Ein abgestürzter Computer als Erklärung würde doch auch reichen. „Natürlich Verschwörung, denn es ist fast jedesmal so", murmelt sie und sieht mich wissend an. „Achte auf die Seitentür. Es kann nicht lange dauern." Ich folge ihrem wandernden Blick und Momente später geht die Tür auf. Ein junger, bärtiger Mann kommt herein, gewinnendes Lächeln, sicherer Gang nach vorn. Es ist sein Heimspiel. Er kennt sich hier aus. Er ist der Haustechniker. Der Redner rückt zu Seite, der Techniker löst ein Kabel, steckt einen Stecker um, drückt drei bis neun Tasten und - voilà - die bunten Bilder erscheinen wieder. Anerkennendes Raunen im Publikum. 

„Es ist jedesmal das gleiche mit diesen Technikern", feixt meine Freundin und blickt dem jungen Bartträger nach, der nun wieder durch die Seitentür verschwindet. Kann es sein, dass er sogar eine keine Verbeugung in Richtung Publikum angedeutet hat? „Als würden sie nur darauf warten, dass was schief geht. Vielleicht haben sie ja vorher extra die Kabel manipuliert, damit sie auch endlich mal nach vorne dürfen. Manchmal gibt es sogar Applaus für sie." Seufzend rutscht sie tiefer in den Sessel. „Eins ist sicher: diese High-Tech-Vorträge funktionieren nie reibungslos. An irgendwas muss es ja liegen." Sie gähnt. „Hä? Nie? Aber warum hast du mich dann heute mitgenommen? Ich dachte, du wolltest mich in Sachen neuen Medien missionieren." Ich bin verdattert. „Habe ich das gesagt?" Sie schaut mich unschuldig an. „Ähm", ich überlege. „Eigentlich hattest du nur gesagt, dass das Catering, hmm, tja ..." Ich stutze. „Siehst du", nickt sie und schaut auf die Uhr: „In einer Viertelstunde ist Mittagspause. Also!"

 

Küchentipp der Woche: Falls Sie demnächst einen Vortrag halten müssen, vertrauen Sie doch mal wieder auf sich selbst anstatt auf Ihren Computer. Schließlich sind Sie und Ihr Vortrag der Mittelpunkt und nicht die bunten Bilder. Es ist IHR Auftritt! Genießen Sie's. Außerdem bekommen Sie, wenn Sie nicht die ganze Zeit auf Maus und Tastatur schielen müssen, viel besser mit, dass dieser Lockenkopf in der dritten Reihe Sie schon die ganze Zeit anhimmelt.






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18.11.2009, 17:52
Katja Kerschgens - die Redenstrafferin
Erst überzeugt der Mensch. Dann erst die Inhalte. Aber nie der Beamer! Die Technikgläubigkeit der meisten Redner ist vor allem eins: Unsicherheit! Die Angst, vor Publikum zu versagen. Das Gefühl, sich hinter der Technik schützen zu können. Sozusagen der Krückstock für jemanden, der besser Turnschuhe anziehen sollte, um besser gehen zu können! Das Ergebnis: Langatmige, überfrachtete Präsentationen, die meist noch dadurch getoppt werden, dass der "Redner" seine Texte abliest und - um die Zeile nicht zu verlieren - mit dem Laserpointer nachhilft. Damit ist dann der Höhepunkt der Rhetorikkunst erreicht! Wer denkt eigentlich mal an die Zuhörer??? Das Publikum sinkt doch schon erschöpft in die Sessel, wenn auf der ersten PP-Seite rechts unten 1/50 steht: "Das kann ja dauern..." Das ist Missbrauch von Lebenszeit! Hat eigentlich mal jemand ausgerechnet, was Unternehmen das kostet, ihre Mitarbeiter in solchen Veranstaltungen zu demotivieren und zu langweilen...? Reden sollten straff sein. Straff heißt nicht unbedingt kurz, aber unbedingt kurzweilig. Die Zuhörer werden es mit ehrlich gemeintem Applaus danken!! Und das ist so einfach: Geschichten erzählen, lebendige Beispiele bringen, etwas von sich preisgeben, was die Menschen berührt... Im Gespräch schaffen wir das doch auch - also einfach denken, man unterhält sich mit jemandem, und 100 andere hören zufällig zu! Wir wollen Menschen sehen, keine eingeübten Rollen!!! Also: Langanhaltender Beifall für diesen wunderbaren Artikel!!!

14.11.2009, 01:06
Kai Heddergott
Danke. Danke. Danke. Ich bin zwar Präsentations-Fan, aber nur von wirklich gut gemachten. Und bei meinen eigenen habe ich die Ersatz- und Alternativ-Technik in Form von Videoadaptern und Kabeln immer selbst mit geführt - denn ich wollte ja was erzählen und mir meine Zeit nicht durch unzureichende Technik stehlen lassen. Und am vergangenen Montag, da habe ich mit einem Partner mal wieder etwas gemacht, was selten genug durchzusetzen ist: Das Angebot des Kunden, den Beamer zu benutzen, haben wir abgelehnt und auch unser ausgearbeitetes Konzept erst einmal vorgetragen und dann am Ende ausgehändigt. War ein tolles Gespräch, da haben wir vom Start weg mit dem Kunden gemeinsame Ideen entwickelt. Und nicht darauf hoffen müssen, dass der Kunde nach der vierundvierzigsten Folie noch wach ist... Und dann hat man auch wirklich Zeit für die Lockenköpfe dieser Welt!


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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