Alle Jahre wieder

„Und? Bist du schon darauf vorbereitet?", fragt meine Freundin, kaum dass sie zur Tür hereingekommen ist. „Vorbereitet?" Ich runzele die Stirn. Ich habe nicht die geringste Ahnung, worauf ich vorbereitet sein müsste. Auf eine Lesung? Auf ihren Besuch? Auf das Ende der Welt?
„Na, darauf!", sagt sie, wirft eine Packung Adventstee auf meinen Küchentisch und zieht eine Tüte Spekulatius aus ihrer Tasche. Mit Mandeln. „Weihnachten!", sagt sie triumphierend. „Ach, Mist", murmele ich. Natürlich bin ich nicht vorbereitet. Weihnachten trifft mich völlig unerwartet. Wie jedes Jahr.
An manche Dinge gewöhne ich mich recht schnell. An neue Telefonnummern, an Provisorien in Wohnungen, an Lebkuchenherzen im Keksregal. Seit Anfang September stehen sie da. Dass das Auftauchen von Lebkuchen irgendwie mit Advent zusammenhängen könnte, habe ich in der Zwischenzeit vergessen. „Siehst du", lächelt meine Freundin wie ein Weihnachtsengel und pult an der Spekulatius-Tüte, „um dich daran zu erinnern, dass wir nun mitten im Advent sind und bis Weihnachten noch einiges erledigt werden muss, hast du ja mich." So wie sie grinsend einen Keks in ihrem Mund verschwinden lässt, möchte ich das mit dem engelsgleich sofort wieder zurückzunehmen.
„Du kannst dich nicht drücken", sagt sie und greift zur Kanne. „Es gibt so was wie ungeschriebene Gesetze. Konventionen." Sie tunkt den nächsten Keks in ihren Tee. „Da musst auch du dich dran halten, wenn du dabei sein willst. So ist das nun mal." Eine Pfütze bildet sich um ihre Tasse. „Weihnachten hat immer was mit Eigen-Werbung zu tun." Meine Freundin hat mindestens ein Regalbrett für die Bücher reserviert, aus denen sie mir jetzt einen Vortrag hält: Selbstständigkeit, Selbstmanagement, Selbstmarketing, Selbst-was-weiß-ich-was. Sie schwört auf Weihnachten als PR-Event.
Auf meine Selbstständigkeit würde ich in der Weihnachtszeit gern verzichten, wenn mir auch der Rest erspart bliebe. Eben dieser Rest, den mir meine Freundin nun in den Goldstaub-glitzerndsten Schattierungen ausmalt. „Also zumindest Grußkarten", sagt sie, „mit einem pfiffigen Spruch oder irgendeinem rührenden Gedicht." Ich höre ihr schweigend zu und denke an Mascha Kalékos wunderschöne Advents-Lyrik. Der Frost haucht zarte Häkelspitzen / perlmuttergrau ans Scheibenglas / Da blühn bis an die Fensterritzen / Eisblumen, Sterne, Farn und Gras ... Und das dann neben rotwangigen Rentieren - Halleluja.
Doch meine Freundin redet sich in Rage: „Oder Schokoladentäfelchen. Nougatengel. Marzipanbrote." Ich rühre in meiner Tasse, immer noch schweigend. „Um ihnen zu zeigen, dass du an sie gedacht hast. Und um die Kontakte zu halten. Eine gute Zeit, um deinen Verteiler zu überarbeiten." Sie holt Luft und ich stelle noch mal Teewasser aufs Feuer. Es sieht aus, als würde das hier länger dauern.
Weihnachten ist die Zeit, in der man ungehindert sentimental werden darf. Auch ich sehne mich nach meiner Kindheit, denn da hat es gereicht, dass ich meinen Lieben kleine Bildchen gemalt oder dreibeinige Kastanien-Eichel-Buchecker-Eselchen gebastelt habe. Oder Steinmännchen. Das war ganz angesagt im Werkunterricht in den 70ern. Allerdings wurden meine Steinmännchen daheim wegen ihres leicht bedenklichen Gesamteindrucks unbemerkt noch kurz vor Ostern entsorgt. Aber egal.
Heute gehört es zum guten Ton, nicht nur seine Lieben mit Aufmerksamkeiten zu bedenken, sondern das ganze Geschäftsumfeld gleich mit. Ich erinnere mich an eine Künstlerin, deren Anspruch es war, ihren wichtigsten Geschäftspartnern zu Weihnachten persönliche Geschenke zu basteln. Wobei basteln bei einer Künstlerin natürlich das falsche Wort ist. Und wichtig eine Definitionssache. Von Jahr zu Jahr hat sie sich gesteigert, denn wiederholen will man sich bei Präsenten ja auch nicht. Mitte Dezember konnte man also kaum noch auf ihren Flur treten, ohne Glanzpapier oder Origami-Sterne unter den Füßen zu zermalmen. Ihre eigentlichen Projekte lagen brach in der Zeit. Dafür stiegen die Kosten für Glasperlen, Holzwolle und für den Weihnachts-Versand ins Unermessliche.
Eigen-PR ist wichtig, sagt meine Freundin. Natürlich stimmt das. Nur denke ich, dass Werbemaßnahmen auch gut platziert sein sollten. Und sind sie das, wenn mein Schoko-Weihnachtsmann der 95. auf dem Schreibtisch meiner Lieblingsredakteurin ist? Klar ist es gut, Kontakte zu pflegen. Und es ist wunderbar, Leuten zu sagen, dass sie einem wichtig sind. Auch im Geschäftsleben. Ich allerdings kann das nicht auf Knopfdruck. Und schon gar nicht als gut durchdachte Habt-mich-lieb-Kampagne. Ich neige dazu, meine Schokolade übers Jahr verteilt zu verschenken. Ich plane das nicht. Ich mache es, wenn es mir einfällt. Von einigen Geschäftspartnern weiß ich den Geburtstag, von anderen den Namenstag. Schoko-Osterhasen schmecken auch gut und die meisten Menschen freuen sich sehr über unvermutete Grüße mitten im Jahr, wenn das Haltbarkeitsdatum der Nougatengel schon längst abgelaufen ist.
„Wenn du dich der Schokolade und den Grußkarten verweigern willst - bitte!", schließt meine Freundin ihren Monolog und stellt die Kekstüte auf den Kopf um zu schauen, ob sie nicht doch noch einen Spekulatius übersehen hat. „Dann könntest du aber wenigstens eine Weihnachtsgeschichte schreiben. Für all diejenigen, die du enttäuschst, weil du ihnen KEINE persönlichen Geschenke machst." Sie sieht mich strafend an. „Vergiss nicht: Es ist das Fest der Liebe!" Ihre Stimme - eine Drohung. „Es ist dein Job!!!" Sie kann sehr hartnäckig sein. „Okay", seufze ich schließlich, „ich denk mal drüber nach."
Küchentipp der Woche:
Bevor Sie ausgerechnet den Geschäftspartnern, die Sie in diesem Jahr am meisten geärgert haben, Weihnachtsschokolade schicken, überlegen Sie doch bitte, ob eine Mail nicht mehr als genug ist. Essen Sie die Schokolade lieber selbst. Schokolade setzt bekanntlich Glückshormone frei, Kardamom und Zimt heben die Stimmung. Und vielleicht kommen Ihnen dabei die besten Ideen für Ihre Eigen-Werbe-Kampagne, die Sie dann im nächsten Jahr umsetzen - von Januar bis November.
27.11.2009, 17:57
Susanne Haun
Der Beitrag gefällt mir sehr gut. Es ist eine gute Idee, sich Weihnachten auf eine Mail zu beschränken und dafür das Jahr über Präsente zu verteilen. Das ist auch nicht so streßig. Gruß Susanne Haun auch Künstlerin Ich bin furchtbar in Verzug mit meiner Weihnachtsgeschenkeproduktion. Wir sind mit unserem Atelier im Umzug und so komme ich zu nichts. Ich habe die anderen Jahre immer eine kleine Radierung versendet. http://www.susannehaun.wordpress.com




