Profis in Flanell

10.12.2009, 15:09 von Ilke S. Prick

„Hast du die auch gelesen?", fragt meine Freundin und wedelt mit einer Zeitschrift herum, die ich seit geraumer Zeit an einem stillen Ort verwahre. „Mhm", nicke ich und kann mir schon denken, was gleich kommt. „Die kreativen Rituale der Schriftsteller" prangt auf dem Cover und natürlich - NATÜRLICH! - habe auch ich mir diese Zeitschrift allein wegen des Titels gekauft, denn: Wo erfährt man schon etwas über Rituale kreativer Menschen? Ihre Geheimrezepte. Von den Künstlern doch wohl nicht, abergläubisch wie die sind. Oder?



Neugierig erwarb ich also damals das Blatt - und war enttäuscht. Von Ideen nach der dritten Tasse Kaffee stand da was. Von inspirierender Zettelwirtschaft. Von der Bedeutung der Mikrowelle für kreative Prozesse. Nun ja. Eigentlich hatte ich wider besseren Wissens dann doch etwas anderes erhofft. Etwas Bahnbrechendes. Etwas, das ich so noch nicht kannte. Etwas, das ich NICHT schon selbst praktiziert habe. Wobei meine Mikrowelle vielleicht doch eher der Toaster ist.

„Und? Welche Erkenntnis hat es dir gebracht?", fragt nun meine Freundin, mit psychologischem Unterton. Was passend ist, denn schließlich steht ja auch Psychologie im Untertitel der Zeitschrift. „Ich bin nicht Charlotte Roche!", antworte ich. Alles andere wäre ja auch erstunken und erlogen. „Soso", murmelt meine Freundin und ich frage mich, ob die Überraschung in ihrer Stimme daher rührt, dass sie mir zutraut, ich hätte da dann doch etwas anderes für möglich gehalten. „Wie kommst du zu der klugen Einsicht, dass du nicht Charlotte Roche bist?" Sie zischt leicht genervt beim Ausatmen. Aber ich kann's erklären, alles!

„Ich ziehe mich an und schminke mich. Wie zu einem wichtigen Termin. Dann gehe ich mit dem Laptop und viel stillem Wasser in den Heimwerkerkeller, setze mich auf denselben Stuhl und schreibe stundenlang." So hat Charlotte Roche in dieser Zeitschrift die Frage beantwortet, wie man das macht mit dem Schreiben von einem richtig erfolgreichen Roman. Und genau das mache ich anders. Nicht nur, dass mich keine zehn Pferde zum Schreiben in meinen Keller kriegen würden, auch wenn da schon lange keine Kohlen mehr lagern und sich die Ratten, wie mir unser Hauswart erst neulich versicherte, seit dem letzten Sommer nicht mehr haben blicken lassen. Nein. Ich wechsele die Stühle, lasse mein Telefon angeschaltet und auch das Wasser ist an meinem Tisch selten still. Ich schminke mich nicht extra fürs Schreiben und mein Dress-Code, hmmm, nun ja...

Schön ist für mich an der schreibenden Freiberuflichkeit nämlich die Tatsache, dass man, mal abgesehen von Lesungen, einfach nur daheim sitzt und, ja, tatsächlich: schreibt! Zwanglos. Oder telefoniert. Mit Interviewpartnern, mit Auftraggebern, mit Verlegern. Oder mit sonstwem.

„Was trägst du heute?", fragt die Schriftsteller-Freundin in den Hörer. „Rosa Flanell mit lila Fadenkaros." Eigentlich ist es schon Mittag, aber mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen, als ich gestehe, noch im Schlafanzug zu stecken. Die Schriftsteller-Freundin kennt das. Sie trägt am liebsten einen Schlafanzug in rot. Mit Sternen. Und in dem hat sie gerade ein erfolgreiches Verleger-Telefonat über ihr nächstes Buchprojekt absolviert. Die Übersetzer-Freundin hingegen bevorzugt hellgrünen Flanell. Heilfroh ist sie allerdings, dass das der Mann aus dem Ministerium nicht sehen konnte, der ihr gestern am Telefon für die Recherche nach Waffentechniken des 1. Weltkriegs zu ihrem aktuellen Artikel Rede und Antwort stand. Vielleicht wäre er sonst noch ganz neidisch geworden und auf die Idee gekommen, dass demnächst auf seiner Dienstkleidung auch kleine Rosen ranken müssten.

Der Vorteil des Zuhause-Büros ist für mich eben gerade das: das Fehlen eines Dress-Codes. Jede so, wie sie will. Manche, wie gesagt, müssen sich aufrüschen und schminken, bevor sie loslegen. Andere haben eine diebische Freude dabei, sich unbesehen in Flanell zu hüllen und trotzdem professionell zu sein. „Sag mal", sinniert meine Freundin, „wenn du einen richtig einträglichen Roman wie Charlotte Roche schreiben würdest, was machst du dann hinterher mit dem ganzen Geld?" Lange zu überlegen brauche ich nicht: „Drei neue Schlafanzüge kaufen", antworte ich. „Mindestens!"

 

Küchentipp der Woche:
Scheuen Sie sich nicht, im Schlafanzug den Dienst in ihrem Homeoffice zu beginnen, zu schreiben, zu planen, zu telefonieren. Je bequemer die Kleidung, desto mehr Platz hat Ihr Zwerchfell, um entspannt und sonor vor sich hin zu schwingen. Das freut dann nicht nur Ihre Stimme, sondern bestimmt auch Ihr Gegenüber am Telefon.
Falls Sie jedoch über das Internet telefonieren, ist es ratsam, vorher zu überprüfen, ob Ihre Webcam ausgeschaltet ist.






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12.12.2009, 16:26
Kareen Armbruster
Die Texte von Ilke S. Prick sind eine Freude! Und inhaltlich: Ja! Wofür sind wir denn sonst "Freie" wenn wir nicht mal frei wären, zu Hause Kleidung und Zeitpunkte zu wählen. Hauptsache, frau vergisst nicht, sich beim nächsten Außer-Haus-Termin, auch wenn dieser "indoor" sein sollte, in situationsstimmig geschnittenen Flanell zu werfen und steht nicht plötzlich in Pantoffeln vorm Auftraggeber. Allerdings habe ich auch schon (wie von so mancher Beraterin empfohlen) die Erfahrung gemacht, dass offiziellere Bekleidung es erleichtern kann, sich in eine "seriöse" Stimmung zu versetzen - wenn dies denn erforderlich ist. Liebe sehr iöse Grüße an alle Existentiellistinnen K. Armbruster


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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