Gehen wie ein Held

08.01.2010, 11:05 von Ilke S. Prick

„Und dann - oh Gooott!", knallt es mit entgegen - mein Trommelfell vibriert und meine Hand schießt samt Telefonhörer nach vorn, ganz weit weg vom Ohr. Stretching am Computer soll ja nicht das Schlechteste sein. „Es war ein Desaster. Du kannst dir nicht vorstellen, was passiert ist", quietscht meine Freundin nun am Ende meines Armes, doch so wie sie sich auf diese Entfernung anhört, kann ich mir einiges ausmalen. „Du hast den Text vergessen", beginne ich das Rätselraten.



„Mmm mmm", sagt sie gedehnt, was so viel bedeutet wie: nein, du liegst völlig daneben, also mach weiter! „Du hast die Namen der Botschafter verwechselt", nehme ich erneut Anlauf. „Mmm mmm", verneint sie wieder auf ihre kryptische Art. „Du hast mit dem Stuhl gekippelt, bist in die Beleuchtung gefallen, der Vorhang hat Feuer gefangen und das Theater musste evakuiert werden", versuche ich es noch mal, doch merkwürdigerweise liege ich auch damit daneben.

Meine Freundin musste gestern Abend eine Veranstaltung moderieren. Wichtige Menschen redeten über wichtige Themen. Botschafter, Literaten und andere, deren Namen ich aus der Zeitung kenne. Mitten drin: meine Freundin. Sie ist klug und charmant. Sie sah bezaubernd aus wie immer. Vor allem: sie war perfekt vorbereitet. Was also konnte da noch schief gehen?

„Es war die Strumpfhose", jammert sie. „Die Strumpfhose?", wiederhole ich und frage mich, wie eine Strumpfhose eine ausgeklügelte Moderation zum Desaster machen kann. Lange überlegen muss ich aber nicht, denn mein Blick bleibt an meinen eigenen Beinen hängen. „Bist du etwa mit einer Laufmasche losgestöckelt?", frage ich, obwohl ich weiß, dass auch sie professionell ist und zwei Fächer in ihrem Schrank hat: Auftrittsstrumpfhosen und private. Nur leider geht es ihr damit wie mir - manchmal erkennt man den genauen Zeitpunkt, wann eine Auftrittsstrumpfhose ins Nebenfach wechseln sollte, nicht auf den ersten Blick.

Foto: Jutta Rotter /pixelio„Eine Laufmasche war es nicht", klärt mich meine Freundin auf, „es war das Gummibündchen. Es hat einfach mitten in der Veranstaltung den Geist aufgegeben." Sie macht eine Pause und ich spüre, wie sich allein beim Zuhören Peinlichkeit in mir ausbreitet wie Hefeteig. „Es war so, als hätte ich einen Windelhintern." Wir stöhnen auf. Unisono. „Im Sitzen ging's ja noch, aber dann..." Sie hat mein volles Verständnis. Welche Frau kennt nicht zumindest aus Kindertagen das Gefühl einer sich von ihrer Elastizität verabschiedenden Strumpfhose? Erst das leise ‚Ratsch' im Bündchen, dann das unaufhaltsame Wirken der Schwerkraft. Und dies nun alles auch noch bei einer Veranstaltung, die wahrlich keine Kindergarten-Weihnachtsfeier ist.

„Blöderweise hatte ich mein Kleid an, das Kurze, damit ich so richtig weiblich rüberkomme", schnieft sie. „Als einzige Frau auf dem Podium und so. In einem Rock hätte ich das Strumpfhosenbündchen ja noch nach oben pfriemeln und festhalten können. Aber so..." Sie klingt echt mitleiderregend. Und Leid tut mir jetzt auch mein Grinsen bei der Vorstellung, wie meine Freundin versucht hat, auf dem Weg zum Mikrofon mit einem John Wayne-Gang das langsame Strumpfhosen-Rutschen zu verhindern.

Wie oft scheitern wohl professionelle Vorträge durch solche Undercover-Aktionen? Laufmaschenvertuschungen, manuelle Bündchenrettungen. Gute Vorbereitung ist das Eine. Doch wenn dann unvorhergesehen etwas ins Rutschen kommt, steht plötzlich nicht mehr die wunderbare Powerpoint-Präsentation auf der Leinwand im Mittelpunkt, sondern das, was sich da selbständig macht und das Bein der Referentin herunterschängelt. Danke, all ihr Ratgeber-Bücher: Eine Extra-Strumpfhose in der Handtasche ist sehr sinnvoll. Jaja. Vor dem Desaster. Mittendrin hilft sie aber wenig. Da kann man nur noch lächeln. Und gehen wie ein Held.

 

Küchentipp der Woche:
Verzichten Sie ruhig für eine Weile auf Pilates und Yoga. Schauen Sie sich lieber mal wieder einen ordentlichen Western an. Dann stellen Sie sich vor den Spiegel und üben, üben, üben. Für den Ernstfall. Breitbeiniger Windelhintern-Gang, Hexenschuss-Haltung und unbewegter Gesichtsausdruck. Unterstützend kann hierbei auch ein zur Kleidung passender Textmarker im Mundwinkel sein.
Oder: Achten Sie einfach besser auf Ihre Strumpfhosen als wir auf unsere ...

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08.02.2010, 11:23
Monika
herrlich, hab Tränen gelacht!!! Und mich an mein letztes Seminar erinnert, als die Strumpfhose, meine schicke mit dem peppigen Design, sich langsam verabschiedete... Guter Tipp, den Django-Gang vorher zu üben ;-)


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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