Eine Weihnachtsgeschichte

18.12.2009, 15:54 von Ilke S. Prick

„Wenn du dich schon der Schokolade und den Grußkarten verweigern willst - bitte!", schloss meine Freundin neulich ihren Monolog über Weihnachtsgeschenke und Eigenwerbung, „dann könntest du wenigstens eine Weihnachtsgeschichte schreiben. Für all diejenigen, die du enttäuschst, weil du ihnen KEINE persönlichen Geschenke machst. Vergiss nicht: Es ist das Fest der Liebe!" Das habe ich mir zu Herzen genommen ... Also:



Ein Engel an meinem Küchentisch

„Keck-keck" machte er, gleich nachdem er geklingelt hatte und noch bevor wir uns richtig vorstellen konnten. Zeit mich zu wundern, blieb mir darum kaum. Auch wenn es nicht so oft pas­siert, dass ein Engel bei mir vor der Tür steht, trotz Advent und all dem Kram. „Keck-keck", machte er wieder, denn er hatte einen furchtbaren Schnupfen. Normalerweise ist man ja erstmal erschro­cken, wenn einem so ein Engel mitten ins Ge­sicht niest.

Wobei: mitten ins Gesicht hat er mir gar nicht ge­niest, denn er war keiner von dieser riesigen Erzengel-Sorte, die einem beim Niesen lässig auf den Kopf spucken kann. Nein, meiner war eine klei­nere Aus­gabe von der Halleluja-prei­set-den-Herrn-Front. Wohl­ge­nährt, das muss ich zugeben, aber mit einem ziemlich schma­len Gesicht. Nicht mit so rosa Paus­backen und blonden Locken, sondern sehrsehr blass. Bei­nahe weiß. Natürlich hatte ich Mitleid und sagte: „Ach, komm doch rein!" Was sollte ich sonst tun? So einen kleinen, blassen Engel kann man doch nicht einfach vor der Tür stehen lassen. Nein, ganz sicher nicht.

Also ließ ich ihn in die Küche, und er nieste weiter. Obwohl ich mir in­zwi­schen nicht mehr ganz so sicher war, ob er wirklich nieste. Es hörte sich eher an wie ein leicht verschnupftes Näseln. Also fast wie ein Schnattern. Ich weiß es nicht. Man hört Engel ja so selten re­den in der heutigen Zeit. Mit einem Seufzer setzte er sich an meinen Küchentisch und fragte: „Isst du Fleisch?" Ich schüt­tel­te den Kopf. „Gutgut", schnatterte er dann wei­ter, „also kein Schwein und kein Geflügel zu Weihnachten?" Er atmete auf. „Neinnein", sag­te ich. „Nicht einmal Heringssalat?" Er mus­ter­te mich aus seinen dunklen Augen. „Nicht einmal Herings­sa­lat! Nur Pell­kartoffeln und Brokkoli. Ehrenwort", beteuerte ich, obwohl ich mich, ehrlich gesagt, doch ein bisschen wunderte. „Pri­­­ma!", rief der Engel da und bog seinen langen schlanken Hals nach rechts und nach links.

Foto: pixelio / M. Großmann„Würde es Dir etwas aus­ma­chen, wenn ich die Feiertage über bleibe?", fragte er und sah mich herzerweichend an. Ich war über­rascht. Dass ein Engel klingelt passiert ja nicht alle Tage, aber dass er dann auch noch einziehen will ... „Sie sind nämlich hinter mir her", fuhr er fort. „Erst nach Weih­nachten wird es etwas ruhiger." Ich sah ihn ziemlich rat­los an. Wer waren diese sie, die ihn ver­folg­ten, und warum? Ver­folgten sie ihn vielleicht wegen Über­stun­den beim Halle­lu­ja-Singen? Forderten sie etwa Ex­tra­bescherungen nach Mit­ter­­­nacht? Oder gab es in der Weih­nachts­zeit einfach nur keine Krankheitstage für Schnup­fen­en­gel? Ich verstand das alles nicht, aber eins war mir klar: so schnell schmeißt man keinen En­gel raus. Und schon gar keinen, der schnattert und niest. Er rich­tete sich also im Gästezimmer ein.

Zum Weihnachtsessen kam meine Freundin. Sie sagte nichts weiter, aber sie musterte den Engel aus dem Augen­win­kel. Sehr skeptisch. Das habe ich wohl beobachtet. Und kurz bevor sie ging, schrieb sie dann noch eine kleine Widmung in das Kochbuch, das sie mir geschenkt hatte. Na­tür­lich war das eine Widmung mit ziemlich viel Anspruch. Meine Freun­din kennt sich nämlich aus mit Literatur, noch viel besser als ich. Da stand dann also:

Wer einen Engel sucht und nur auf die Flügel schaut, könn­te eine Gans nach Hause bringen. Georg Christoph Lichtenberg

In die­­­sem Sinne: Frohe Weihnachten!"

Was sie damit wohl gemeint hat?

 

Küchentipp zum Jahresende:
Halten Sie die Augen offen und lassen Sie sich überraschen. Es sind mehr Engel unterwegs als Sie denken. Aber nicht alle sehen wie Engel aus. Seien Sie also nicht ganz so kritisch. Und: Manchmal kann man auch mit einer Gans ein ungeheures Vergnügen haben.

 

 

Ein schönes Fest für alle, die die existenzielle-online in den letzten Monaten gelesen, unterstützt und weiterempfohlen haben. Ganz besondere Grüße an die, die den Küchentisch-Blog so nett begleiteten ... an Ingrid Gans und Dieter Grönling (mit Dank für das Autorinnen- bzw. Küchentisch-Foto), an KWP und Sarah Mondegrin, an Beate Knappe (die hoffentlich weiter Spaß beim Lesen hatte), an Florentine (deren Kommentar mich sehr gerührt hat!), an Thomas Gabriel, an Zamyat M. Klein und Gerlinde Amsbeck (denen ich auch im nächsten Jahr freie Zeit ohne schlechtes Gewissen wünsche), an Kai Heddergott, Katja Kerschgens und die Lockenköpfe in der dritten Reihe, an Susanne Haun und Kareen Armbruster - und an all die anderen ungenannten.

Euch, Ihnen und allen LeserInnen schöne Feiertage und ein gesundes, kreatives, erfolgreiches 2010 - vom Küchentisch und von Herzen,

Ilke S. Prick






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28.12.2009, 10:17
Christel Illmer
Vielen Dank für die schöne Geschichte. Ja, wir sollten vorsichtig sein, damit wir die wahren Engel nicht übersehen. Ich bin durch meinen Sohn auf ihre Seiten aufmerksam gemacht worden. Ich freue mich über die vielen guten Gedanken und Ideen. Toll auch die Streichholz-Geschäftsidee. Auch gut der Ratschlag, die verpassten Weihnachtsgrüße in Neujahrsgrüße zu verwandeln. Eigentlich geht es ja auch nur ums Grüßen/ den Kontakt zu halten Deshalb alles gute für 2010 ...und weiter so! Christel Illmer Allen alles Gute für 2010!

24.12.2009, 14:04
Ursula Vormwald
Vielen Dank für die tolle Geschichte. Hat mich zum Lachen gebracht und - hätte mir auch passieren können. Schöne Feiertage - ein frohes Fest - einen tollen Start ins neue Jahr an das ganze Existenzielle-Team. Ursula Vormwald

24.12.2009, 12:52
Zamyat M. Klein
Danke für die Wünsche für Freie Zeit ohne schlechtes Gewissen :-)! Nun habe ich sie mal wieder unfreiwillig, schniefe und krächze mit der Gans gemeinsam, vielleicht sollte ich es auch als Engelröcheln interpretieren? Passt dann besser zum Fest- und die vielen Tempos als Flügel? Oder Schneeflocken? Als Kreativling kann man sich das ja immer schön gestalten, selbst krank auf Heilig Abend :-). Schöne Feiertage!

23.12.2009, 15:15
Jutta Wendt
Liebe Frau Prick, ganz herzlichen Dank für die entzückende Weihnachtsgeschichte! Was bin ich froh, dass es dieses Jahr keine Gans gibt :-) ... vermutlich würde sie mir nicht sonderlich schmecken ... Frohes Fest, liebe Grüße und schönen Dank an das Existenzielle-Team - ich lese eure Zeitung sehr gerne! Jutta Wendt

21.12.2009, 16:36
Thomas
hallo,liebste ilke! eine tolle liebevolle geschichte.. ich liebe deinen stil zu schreiben... ich drück dich alles liebe von einem anderem erzengel;O))) T.Gabriel


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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