Hundstage

22.01.2010, 10:09 von Ilke S. Prick

„Oh nein, bitte nicht!", stöhnt meine Freundin. „Das kann nicht dein Ernst sein!" Ungläubig schüttelt sie den Kopf. „Mein Ernst, mein Ernst", wiederhole ich, weil mir nichts Besseres einfällt, „wieso sollte es nicht mein Ernst sein?" Ich schiebe die Unterlippe vor, wie immer wenn ich schmolle, obwohl ich nicht mehr dreieinhalb bin. „Weil es das Letzte ist!" Meine Freundin donnert ihre Tasse auf den Küchentisch, als wolle sie damit einen unüberhörbaren Punkt unter das Ausrufezeichen am Satzende setzen.



Dabei hatte alles so nett angefangen. Meine Freundin hatte sich durch sämtliche Schneeberge der Stadt gekämpft, um mich zu besuchen. Aus ihrer Umhängetasche angelte sie meine Lieblingskekse und einen dicken Strauß Tulpen. Ich hatte Tee gekocht und mich gefreut, dass es das Schicksal wieder gut mit mir meint, in dem es mir Ablenkung verschafft, die verhindern würde, dass ich mich tatsächlich dem widmen müsste, vor dem ich mich nun schon geraume Zeit drücke. Dem ich mich sicher noch widmen werde, irgendwann, später: Dem Anfang eines neuen Textes.

Ich hatte mich also gefreut, und wie das so ist, wenn man sich lange und gut kennt, hatte ich ausgesprochen, was gerade so durch meinen Kopf trudelt. Ungefiltert. Ohne Überlegung. Das war ein Fehler. Ich hatte erzählt, was mich in den letzten Tagen im Angesicht der leeren Seiten auf meinem Schreibtisch beschäftigte und sich immer eindrücklicher als die Lösung all meiner Probleme darstellte. Doch leider ordnen sich meine Gedanken manchmal erst, wenn sie schon aus meinem Mund gekullert sind und für alle sichtbar auf dem Küchentisch liegen. Und dummerweise ist es dann für das wohlüberlegte Feilen an den Worten zu spät. Ich hatte also einfach und beherzt gesagt: „Ich will einen Hund!"

„Du spinnst doch", echauffiert sich meine Freundin noch immer, „ein Hund - vergiss es! Du wohnst in der Stadt. Der nächste Park ist kilometerweit weg. Du hast kein Auto. Und bald wahrscheinlich auch keine Freunde mehr." Sie malt es mir eindrücklich aus: Strafgebühren wegen Hundehaufen auf dem Bürgersteig. Verärgerte Bekannte, die nicht einsehen, warum ausgerechnet ihre Prada-Tasche einem zahnenden Welpen als Beißring dienen soll. Die Kosten für Futter. Die Kosten für Versicherungen. Die Kosten für Impfungen und Arztbesuche. „Und überhaupt", schließt meine Freundin ihre Tirade, „du kommst doch noch nicht mal mit dir selbst klar. Wie willst du dann konsequent einen Hund erziehen?" Manchmal schießt sie echt übers Ziel hinaus.

Dabei war es in meinem Kopf in den letzten Tagen, die ich vor den weißen Blättern verbracht habe, immer logischer gewesen: durch einen Hund hätte ich einen geordneten Tagesablauf, müsste regelmäßig an die frische Luft und käme auf andere Gedanken. Ich hätte Verantwortung und soziale Bindung. Und ich hätte ..

Foto: Michaela Weber / pixelio

„Eine Macke hast du", schäumt meine Freundin weiter, als ich ihr meine Argumente präsentiere. „Du fährst auf Lesungen - wo bleibt der Hund? Du gibst eine Schreibwerkstatt - wo bleibt der Hund? Du musst unbedingt ins Kino, denn Kultur zu produzieren heißt auch Kultur zu konsumieren - wo bleibt der Hund?" Herausfordernd sieht sie mich an. Ein gehauchtes ‚vielleicht bei dir' verbietet sich bei diesem Blick. Dabei hatte es sich gerade vorhin noch in meinem Kopf zusammengefügt wie ein Puzzle. Ein bisschen Rausgehen, ein bisschen Füttern, ein bisschen Schreiben, das Tier warm und kuschelig auf meinen ewig kalten Füßen. Ein bisschen Schmusen, ein bisschen Musen. Denn wenn ich ehrlich bin, hätte ich einfach gern ...

„Ein Thema", jammere ich. „Ich hätte gern ein Dauer-Thema." Erleichtert sinkt meine Freundin zurück in den Stuhl. „Ach so", seufzt sie zufrieden, „der übliche Frauenzeitschrift-Schock." Fragend sehe ich sie an. „Naja", meint sie, „vor drei Jahren hast du dir zum Jahresende wegen der Horoskope sämtliche Zeitschriften gekauft und danach die ganzen Bastelanleitungen durchprobiert, um dich damit im Januar vorm Schreiben zu drücken. Vorletztes Jahr waren es die Kekse, mit denen du uns bis weit in den Februar hinein vollgestopft hast, und im letzten Jahr die Diäten zur Jahreswende." Sie grinst: „Und dieses Jahr?" Ihre Frage hängt in der Luft. „Hmmmmm", murmele ich gedehnt. „Lass mich raten", säuselt sie und wartet ab.

„Jaaaaa", gebe ich schließlich zu, „dieses Jahr habe ich die ganzen Kolumnen gelesen." Ich räuspere mich. „Dacht ich's mir", nickt sie wissend. „Und diejenigen, die nicht über ihren Mann oder die Schwiegermutter schreiben, haben zumindest Kinder, die sie thematisch ausschlachten, wenn ihnen nichts anderes einfällt." Sie lacht. Verlegen pule ich einen Ingwerbrocken aus dem Keks. „Oder sie haben ...", erwartungsfroh blickt sie mich an. Ich zögere. Ich winde mich. „Oder sie haben..." Ihre Augenbrauen tanzen fröhlich. Ich fühle mich ertappt. „Oder ...", sie lässt nicht locker. „Ja, sie haben Hunde", gebe ich mich geschlagen.

Sie startet einen kleinen Exkurs über das Private, das nicht in jedem Fall politisch und somit auch öffentlich sein muss. Dass es leider noch keine Untersuchungen gebe, wie viele Ehen geschieden werden, weil einer der Partner über den anderen kolumniert. Und dass sowohl Kinder als auch Hunde sicherlich neurotisch werden, wenn sie ständig in der Zeitung lesen müssen, welche Bonmots sie wieder beim Abendessen von sich gegeben haben. Ich nicke stumm und verzichte, sie darauf hinzuweisen, dass Hunde auch in einer Hundeschule nicht unbedingt lesen lernen. „Und darum", schließt sie ihren Monolog, „kannst du froh sein, dass du mich hast." Sie steht auf und sucht in der Speisekammer nach meiner Glückskeks-Notration. „Hier", sagt sie und reicht mir ein glänzend rotes Rascheln. „Und?", fragt sie. Ich halte ihr den Zettel hin: „Freunde", steht da, „sind die Schokolade im Keks des Lebens." Wie passend! „Na siehste!", sagt sie und gibt mir meine Jacke, „und nun gehen wir beide in den Park. Gassi ..."

 

Küchentipp der Woche: Wenn Sie an einer Idee grübeln und sich festgebissen haben, gehen Sie lieber spazieren als auf der Stelle zu treten. Mit Hund oder ohne.






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25.01.2010, 08:54
Anke Dahm
....wie wahr, wie wahr! Als Wirtschaftsberaterin nutze ich gerne die "Auszeiten" mit meinem Labrador. Die Natur, die Bewegung und der "freie Kopf" tun nicht nur sehr gut, sondern schaffen wieder Platz für neue Ideen, Ansätze sowie Kreativität. Ich bin seit über 25 Jahren im Tierschutz tätig. Tiere geben unendlich viel zurück und bereichern mein Leben.

22.01.2010, 14:50
Swanette Kuntze
Dort, wo keine Wand den Blick verstellt und die Natur mit all ihren Ressourcen unterstützend wirken kann, fallen persönliche Begrenzungen, fließen die Gedanken ungehindert und entwickeln sich fruchtbare Ideen. Wenn wir unseren Körper bewegen, bewegt sich auch unser Geist. Bewegung erleichtert es, Gedanken, Gefühle und Worte in Fluss zu bringen. Bewusst in die Natur einzutauchen, gibt neue Energie und den Blick frei für das Beachtenswerte - neue Einblicke und Ausblicke können entstehen. Aus diesem Grund nutzen meine Klienten das Walk-and-Talk-Coaching – einer Kombination aus Coaching und Erfahrungen mit allen Sinnen in der Natur – insbesondere um sich von einengenden Vorstellungen zu lösen und neue Ideen hervorsprudeln zu lassen. Allerdings: In der Natur sind auch Tiere in ihrem ursprünglichsten Element und vermitteln uns Menschen durch ihre Lebendigkeit ganz besondere Eindrücke und Erfahrungen. Tiere können zur Brücke zwischen Mensch und Natur werden. Ein Spaziergang mit Hund verstärkt daher sicherlich das sinnliche Erleben und vermittelt zudem Spaß.


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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