7 Sekunden für den ersten Eindruck ...

03.09.2009, 22:30 von Ilke S. Prick

„ ... und regelmäßig was Neues, Interessantes, Bewegendes.“ Meine Freundin nickt anerkennend. „Ganz schön mutig, dass du das machen willst.“ Sie gießt mir noch etwas Tee ein. „Ich meine, die Schnellste bist du ja nicht. Und dabei soll es doch auch noch Anspruch haben.“ Sie holt tief Luft und schaut mich ernst an.



Ernst schaue ich zurück. Anspruch. Dankeschön! Höre ich da Zweifel in ihrer Stimme? Ich merke, wie ich einen Kloß im Hals bekomme. „Also, auch wenn’s Neues vom Küchentisch heißt – es geht ja nicht um Kochrezepte.“ Ihre Augenbraue schnellt in die Höhe. Nein, um Kochrezepte geht es nicht, sondern um die Selbstständigkeit mit all ihren Tücken. Unser Brainstorming hatte ich mir eigentlich etwas anders vorgestellt. Inspirierender. „Weißt du denn schon, wie du anfangen willst?“ Ihr Blick ist prüfend.

Anfangen. Hm. Mit Anfängen ist das ja nie einfach. Es soll gerade mal 7 Sekunden dauern, dann steht der erste Eindruck, sagen Psychologen. Danach sind die wichtigsten Informationen aufgenommen und einsortiert. Daumen hoch oder Daumen runter. Das war’s. 7 Sekunden sind nicht lang. Ich denke an alte Lieben und an Strohfeuer. An feuchte Hände und Stottern und Aufregung. Ich denke an Vorstellungsgespräche. An zerknüllte Tempos, die zur falschen Zeit aus dem Jackenärmel fallen, abgebrochene Hacken und Spinatschnipsel, die unbemerkt zwischen den Schneidezähnen hängen. Ich denke an erste Arbeitstage. An Kaffeetassen in Teeküchen, die man auf gar keinen Fall benutzen darf, weil ein Bann ungeschriebener Finger-weg!-Gesetze auf ihnen lastet. Ich denke an Fettnäpfchen.

Aber mit dem Schreiben ist es ja glücklicherweise etwas anderes. Beim Schreiben sitzt einem niemand am anderen Ende des Satzes gegenüber. Beim Schreiben sieht keiner, ob man vor Aufregung schwitzt oder ob man anstatt geputzter Lederschuhe nur dicke Socken trägt. Beim Schreiben zählen keine 7 Sekunden für den ersten Eindruck. Oder?

Foto: Dieter GrönlingIch denke an erste Sätze und an Philippe Djian. Lange ist das her. Ich erinnere mich nicht mehr, wie sein Buch hieß, und schon gar nicht, worum es ging. Ich erinnere mich nur an das: „Es war Dienstag und es regnete.“ Oder so ähnlich. Sein Protagonist war Lektor, soviel bekomme ich zusammen. Ein depressiver und übellauniger Lektor. Ein Lektor, der aus Prinzip alle Bücher abgelehnt hat, die mit einem Dienstag-Regen-Satz begonnen haben. Es sollen viele gewesen sein. Seitdem habe ich einen Horror vor ersten Sätzen.

„Ob ein Buch gut ist, erkennt man schon am Anfang“, meinte auch eine Buchhändlerin, die vor einer ganzen Weile mein zweites Buch in den Händen hielt. Kritisch, sehr kritisch überflog sie die ersten Sätze. Ich erinnere mich, dass ich schwitzte. „Naja, nicht schlecht, da könnte man zumindest ein bisschen weiterlesen.“ Ich atmete auf. Aber in meinem ersten Satz regnete es ja auch nicht. Ebensowenig begann die Geschichte an einem Dienstag. Vielleicht hatte sie einfach nur zu viel Philippe Djian gelesen. 7 Sekunden für einen guten Eindruck. 6 Zauberwörter für einen guten Text. 4 Fäuste für ein Halleluja!

„Dann hast du also immer noch keinen treffenden und seriösen Anfang“, fasst meine Freundin meine Überlegungen zusammen und seufzt. „Hier, nimm schon!“ Sie schiebt mir einen Glückskeks über den Tisch. Der Weisheit letzter Schluss. Ich öffne ihn und verdrehe die Augen. „Sag schon, was steht drin?“, fragt meine Freundin ungeduldig. „Für den ersten Eindruck hat man nur eine einzige Chance“, seufze ich und halte ihr den Zettel hin. „Na dann nutze sie!“ Zuversichtlich sieht sie mich an.
Ich werde es probieren. Versprochen! Ich werde mir Mühe geben mit dem Anfang. Und mit dem ganzen Rest. Also: Es ist Freitag und es hat aufgehört zu regnen ...

 

Küchentipp der Woche: Verzichten Sie darauf, an einem regnerischen Dienstag einen Roman zu beginnen. Gehen Sie lieber Kaffee trinken, essen Sie Sahnetorte, beeindrucken Sie die nette Bedienung. Haben Sie Spaß – trotz Regen – und heben Sie sich den Anfang für Mittwoch auf.

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06.02.2010, 13:55
Anna
Mein absolutes Lieblingsbuch ist "Zimt und Honig". Da kribbelts beim Lesen wieder im Bauch - so wie früher mit 14.

04.10.2009, 08:48
Florentine
Das Buch Mensch Florentine ist echt der Hammer

14.09.2009, 17:51
Beate Knappe
hat spaß gemacht zu lesen, bitte weiter so!!!!

09.09.2009, 08:28
sarah mondegrin
Am Ende des Satzes sitzt einem ja niemand gegenüber - das ist eine Lieblingsstelle von mir ........ in diesem wunderbaren Text! Viel glück für alle weiteren! Ich freue mich ........

08.09.2009, 08:42
KWP
Es ist Dienstag und die Sonne lacht ... Es wird ein schöner Tag! Bestimmt!! Mindestens genau so schön und gelungen, wie Ilke S. Prick mit ihrem Blog hier startet, der - obwohl länger als 7 Sekunden zu Lesen - einen tollen ersten Eindruck hinterlässt und Lust macht auf mehr!! Und dem Team ein herzliches "Daumengerücke" für den Start, ganz viel Erfolg und eine unzählbare Leserschaft für die Zukunft!!


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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