Dunkelblaue Tage

13.05.2010, 16:51 von Ilke S. Prick

„Tut mir Leid!", sagt meine Freundin und schließt die Tür. „Überraschungen sind nicht meine Art, aber du hattest ja gesagt, du gibst ihn mir für Notfälle." Sie wedelt mit meinem Zweitschlüssel vor meiner Nase, bevor sie ihn zurück in ihre Jackentasche steckt. „Du hast seit drei Tagen meine SMS nicht beantwortet." Sie zieht eine Tüte aus ihrem Rucksack.



„Irgendwie schien es mir, als könnte jetzt so ein dunkelblauer Notfall sein." Es riecht nach Vanille und Schokolade. „Ich habe Nervennahrung mitgebracht. Brownies mit Walnüssen." Sie stellt Teller auf den Tisch und setzt Teewasser auf. Sie kennt sich hier aus. Sie darf das.

Ich schaue ihr zu. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie die Tassen ausspült und den Teefilter in die Kanne hängt, hat etwas Beruhigendes. Ich sitze auf der Fensterbank, wie meistens, wenn ich die Beine und die Gedanken baumeln lassen muss. Wenn es im Kopf noch ungeordnet zugeht, und es sich vorm Computer schon viel zu sehr nach Produktion anfühlt. Von hier aus kann ich auch auf die Kastanie schauen, in den Himmel, auf die Mauersegler, die über dem Hinterhof kreisen. Ich höre dem Kühlschrank beim Kühlen zu. Höre, wie das Telefon klingelt. Höre, wie es wieder aufhört. Ich bewege mich nicht, ich denke. Das Handy summt. Es liegt auf dem Flur und dort bleibt es liegen. Ich denke, also bin ich. Nein: Ich bin so, weil ich denke. Meine Freundin kennt das schon. Ihr brauche ich das nicht zu erklären. Sie hat meinen Schlüssel.

Worte, Foto: Maren Beßler / pixelio.de„Wie lange arbeiten Sie im Durchschnitt an einem Buch?", ist eine beliebte Frage nach Lesungen. Ich weiß bis heute nicht, was ich darauf antworten soll. Denn was heißt das: Arbeit an einem Buch? An einem kreativen Projekt? Ist Arbeit allein die Zeit, die man vor dem Computer oder dem Schreibblatt verbringt? Ist Arbeit die Zeit, die mit dem ersten Satz eines neuen Konzepts beginnt? Ist Arbeit das, was andere Menschen von außen als Arbeit bezeichnen und anerkennen, weil sie es messen, nachlesen, anschauen und fassen können? Oder gehört zur Arbeit auch, auf der Fensterbank zu sitzen und die Beine baumeln zu lassen?

„Denk einfach an Kafka", sagt meine Freundin in solchen Momenten. Sie war es, die mir aus der Biografie von Dora Diamant vorgelesen hat. Dora Diamant war die letzte Lebensgefährtin von Franz Kafka und hat mit ihm in Berlin zusammengelebt. Sie hat über Kafka und seinen Schreibprozess folgendes gesagt: „Gewöhnlich wanderte er schwerfällig und unlustig umher, bevor er mit dem Schreiben begann. Er sprach dann wenig, aß ohne Appetit, nahm an nichts Anteil und war sehr niedergedrückt; er wollte allein sein."

Die Zeit vor dem Schreiben, vor dem Beginn von etwas Neuem, ist wie ein Gären. Ein Wachsen. Etwas in mir, das ein Eigenleben entwickelt. Das ich nicht fassen kann. Noch nicht. Etwas, das ich in Gesprächen umkreise, in Notizen skizziere, das ich umrunde, indem ich durch die Wohnung laufe, um den See, durch die Stadt. Planlos. Manchmal hilft es auch, still an einem Ort zu sitzen, um dem, was sich im Inneren ausformt, Raum zu geben. Mit der Zeit bekommt man sowas ähnliches wie Routine mit diesen Prozessen, weiß um ihren Ablauf, obwohl dieses Ungeordnete immer noch kribbelig macht.

In den Zeiten vor dem Schreiben beneide ich Schwangere. Sie können ein Ultraschallbild von dem, was in ihnen gärt, mit sich herumtragen und es denen, die es sehen wollen, präsentieren. Ich kann das nicht. Und viele andere Kreative ebenfalls nicht. Auch wenn unsere Projekte in uns schon Hand und Fuß haben, lassen sie sich noch nicht auf das Papier oder die Leinwand oder die Festplatte bannen, sichtbar für Außenstehende.

„Anfangs verstand ich diese Stimmungen nicht", sagte Dora Diamant weiter über Kafkas Schreibprozess, „später hatte ich immer ein Gefühl dafür, wann er zu schreiben begann. Ich kann diese Tage in ihrem unterschiedlichen Spannungsgehalt nur durch den Vergleich mit Farben voneinander unterscheiden: purpurrote, dunkelgrüne oder blaue Tage."

Meine Tage vor dem Schreiben sind spätnachmittagsblau.

„Hast du schon angefangen?", fragt meine Freundin und schweigt, als ich das Gesicht verziehe. Sie gießt mir Tee nach und schiebt mir den letzten Brownie auf den Teller. „Kommt schon noch", sagt sie, „kommt ja immer." Und auch wenn das eine Floskel ist, hat es etwas Tröstendes. Genauso tröstend wie die Tatsache, dass sie einfach so vorbeigekommen ist, mein Gären aushält, mein Schweigen. „Schau mal", sie deutet auf den dunkler werdenden Himmel. „Wenn das mal nichts heißt", lächelt sie und packt ihren Rucksack. In das Blau mischen sich rötliche Abendwolken. „Sieht so aus, als wäre heute kein schlechter Tag für die erste Seite", lächelt sie. Ich nicke. Und als die Tür ins Schloss fällt, schalte ich das Laptop ein.

 

Küchentipp der Woche: Seien Sie gnädig mit Gärprozessen, bei sich und bei anderen. Gären braucht Zeit - aber Warten lohnt sich, wenn es Champagner werden soll ...






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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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