"Unsere Mama muss sterben"
Warum es gut ist, wenn Kinder wissen wie das Sterben geht

Die Trauerbegleiterin wird gerufen, weil die Mutter in einer Familie im Sterben liegt. Der Vater fragt sich, ob bei den Kindern ankommt, was passiert. Kinder wissen oft sehr wenig darüber, wie das mit dem Sterben ist. Dabei kann ihre Angst kleiner werden, wenn über das Sterben gesprochen wird.
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Ja, ich werde erst mal langsam anfangen. Von der Trauer erzählen. Erst mal theoretisch - ist auch tatsächlich spannend. Von der vielfältigen Bedeutung der Tränen. Von Krokodilstränen. Nicht zu emotional, das fürchten vielleicht einige ... oder eine Geschichte zu Anfang?
... und dann schellt das Handy, es kommt eine Anfrage aus einem Hospiz. Gleich fährt die Koordinatorin in eine Familie, in der die Mutter stirbt. Sie ist seit eineinhalb Tagen nicht mehr ansprechbar. Die beiden Kinder sind 4 und 11 Jahre alt, der Vater fragt nach Unterstützung bei der Erklärung des Sterbens. Ob ich Zeit hätte, dazu zu kommen?
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Eine Stunde später bin ich dort, habe von unterwegs kurz mit dem Vater gesprochen. Die 4-Jährige würde das anstehende Sterben nicht wahrnehmen - ob er sich Sorgen machen müsse?
Lara, die 11-Jährige öffnet mir die Tür, die kleine Katharina kommt neugierig auf den Flur hinaus. Der Vater bittet mich mit den Töchtern ins Wohnzimmer hinein.
Da sitzen wir, die Kinder ganz erwartungsvoll ... was wohl passiert? Ich erkläre ihnen, dass ihr Vater mit mir gesprochen habe, dass die Mama sehr sehr krank sei. Ich sage, dass ich noch nicht so viel über sie als Familie weiß. Wie alt ist die Mama? Und wie heißt sie? „Die Mama heißt Petra. Sie ist 39 Jahre alt." Die Kinder erzählen weiter - ich merke, sie können und dürfen in dieser Familie sprechen. Ich habe ein Buch mitgebracht, bevor ich es zeige, spreche ich davon, dass es mein Beruf ist, in vielen Familien zu Besuch zu sein, in denen Vater oder Mutter krank sind, sterben oder gestorben sind.
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„Unsere Mama muss sterben", sagt die 4-Jährige. Der Vater nickt, etwas überrascht. Dann wird er vom Pflegedienst zu seiner Frau in das Schlafzimmer gerufen. „Ja, das habe ich auch gehört", sage ich. „Und ich bin in vielen Familien, in denen Kinder Fragen dazu haben. Die meisten Kinder wissen nicht, wie das ist, wenn einer stirbt? Habt ihr schon einmal jemanden gesehen, der tot war?" „Ja, den Ur-Opa", sagt Lara. „Der sah aus, als würde er schlafen." Darüber reden wir dann: Ja, es sieht oft aus, als würde ein Toter schlafen - aber schlafen tun nur die Leute, die leben. Wir überlegen, woran man merkt, dass jemand tot ist - oder nicht. „Der Tote bewegt sich nicht mehr, er atmet nicht und ist kalt, weil das Blut nicht mehr durch den Körper fließt", weiß die 11-Jährige. „Gut, dass du das weißt", sage ich zu ihr. „Weißt du, ich kenne ein Mädchen, das war fast 8 Jahre alt. Die Mama von ihr musste auch sterben und sie wollte die Mama nicht mehr besuchen gehen. Alle haben gedacht: Ja, das ist auch nichts für kleine Mädchen, eine so kranke Mama zu sehen." Aber die Leute haben sich vertan. Das kleine Mädchen wusste nämlich nicht, wie Sterben geht. Als ich davon ein bisschen erzählte, sagte sie auf einmal: „Da bin ich aber froh, dass ich das jetzt weiß! Ich habe immer gedacht, wenn die Mama stirbt, liegt da im Bett ein Skelett!"
„Danach hat das Mädchen seine Mama noch ganz oft besucht, sogar, als sie tot war." Lara nickt verständnisvoll. „Ich weiß schon wie das geht, wegen Ur-Opa und weil Papa mir viel erzählt hat. Dann habe ich noch was gelesen und den Rest denke ich mir so aus."
„Wie schön, dass du den Papa fragen kannst", sage ich. „Und klasse, wenn du dir eigene Gedanken dazu machst. Wenn die sich gut anfühlen, ist das sicher auch eine gute Sache. Aber denke daran: wenn es sich komisch oder gruselig anfühlt, dann erzähle einfach dem Papa davon. Was meinst du?" Lara nickt, Katharina schaut. Der Vater kommt zurück. Ich erzähle ihm von unserem Gespräch und sage: „Katharina, sollen wir Papa erzählen, was das andere Mädchen glaubte, was mit einem passiert, der sterben muss?" Katharina nickt, grinst und sagt: „Dass da im Bett ein Skelett liegt! Aber da liegt dann kein Skelett! Nur die Mama." Das sind Momente, in denen man staunt.
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Die kleine 4-jährige Katharina begreift natürlich noch nicht, was das Sterben bedeutet. Sie hat es bisher noch nicht kennen gelernt. Aber sie darf mittendrin sein und Gespräche mitbekommen, mitreden, wenn sie mag. Und dann behält sie manche Information, die später im Trauergeschehen wichtig sein kann. Dem Vater sage ich im Beisein der Kinder, dass es in der traurigen Situation gut sei, eine Familie zu treffen, die miteinander reden kann, wo auch mal jemand traurig sein darf - weil es auch traurig ist. Lara nickt wieder: „Manchmal tue ich mir selber leid ..." „Das darfst du auch, es ist ja auch ganz schön traurig für dich", ergänze ich und frage, ob ich der Mama eben noch „hallo" sagen kann. Ich mag nicht nur über jemanden reden, sondern möchte sie ja auch als Mama der Kinder kennenlernen, auch wenn sie nun eine kranke Mama ist. Mama ist Mama. Gesund, lebendig, krank - Mama, auch wenn sie tot ist.
Ich begrüße sie, indem ich ihre Hand berühre und „hallo" sage. Ich spüre keine Reaktion - aber das heißt noch lange nicht, dass keine Reaktion da ist. Lara rutscht in das Ehebett neben Mama. Katharina daneben. Da liegen die drei im Bett, ohne Berührungsängste. Bei der Mutter wachsen grade die Haare wieder nach. Dem Körper sieht man die medikamentöse Behandlung an. Und plötzlich fällt mir auf: „Hey, Lara! Hey Katharina! Ihr habt ja die Nase von der Mama geerbt. Die Kinder lachen. „Ja", sagt Lara stolz und wirft die Haare nach hinten. „Die Haare auch und die Augen sind von Papa." Der Vater grinst. „Ja, das haben Mama und ich gut hingekriegt." Ich verabschiede mich, von der Mutter, dem Vater, den Kindern und weiteren Verwandten, die der Familie helfend zur Seite stehen.
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Fahre nach Hause, mache Musik an. So ist das mit „plötzlich und unerwartet". Warum soll ich vorsichtig anfangen? Warum nur theoretisch über Tränen schreiben? Es war gerade traurig, es war auch schön. Wir haben von Traurigkeit gesprochen, Tränen gab es aber gerade nicht. Sicherlich vorher, und später auch ganz bestimmt. Warum auch nicht?
Plötzlich und unerwartet ist manchmal ein Abschied da. Plötzlich und unerwartet lerne ich eine Familie kennen, die - trotz alledem - miteinander redet, weint, lacht - eben gut zusammen lebt. Trotz alledem.
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25.10.2009, 07:49
Mechthild
Liebe Frau Unger Danke für Ihren Beitrag, der einfach noch mal ein reales Gegenbeispiel deutlich macht - von damals, aber auch heute immer noch aktuell. Ganz sicher wollte man Ihnen damals in der traurigen Zeit Gutes tun: mit Ablenkung und Geschenken. Aber, für einen Menschen, den man gerne hat ist das noch nicht einmal ein "billiger Ersatz", wie Sie es ja auch aufzeigen. Die Hilflosigkeit oder Trauer der anderen drumherum ist oft zu groß und damals gab es auch keine "Trauerbegleitung", erst recht nicht für Familien. Wie klasse, dass Sie heute merken, dass Ihnen der Umgang mit Trauernden gelingt! Die Frage nach dem "Nachholen" können Sie mit sich oder einer Beratung versuchen zu klären, wenn es Ihnen ein Bedürfnis ist. In meinen Seminaren versuche ich aber immer deutlich zu machen: Lernt aus euren Erfahrungen! Nehmt die guten mit und wandelt die, die für euch nicht gut waren um-da seid ihr Fachleute für. Keiner muss auf der "Opferseite" bleiben. Macht es "ein bisschen aus dem Bauch", mit Herz, dazu bewusst und fachlich durch Information. Herzliche Grüße, Mechthild Schroeter-Rupieper
16.10.2009, 14:59
Birgit Unger
Tolles Plädoye für eine offene Kommunikation über den Tod in Familien mit den Kindern. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich sehr genau, wieviel Lebenserfahrung man Kindern vorenthalten kann, wenn sie keinen Zugang zu Abschied und Tod bekommen. Ich bin 47 Jahre, habe mit 6 Jahren meine Mutter verloren und wurde damals aussen vor gehalten. Kein nochmal sehen, keine Teilnahme an der Beerdigung keine gelebte Trauer. Dafür Geschenke und Ablenkung, als wäre nichts geschehen, incl. schnellem "Stief"Mutterersatz. Gewünscht hätte ich mir Vorbilder, die ihre Trauer zeigen und wie sie sie in ihr Leben integrieren. Interessanter Weise kann ich als Erwachsene trotzdem Sterbende gut begleiten und merke, dass mir das bei engen Freuden und Familienmitgliedern sehr wichtig ist. Versuche ich darüber etwas nachzuholen?




