Ich mach' das wie mein Vater. Ich mach' das mit mir aus!

Männer trauern anders - Frauen auch

07.10.2009, 10:11 von Mechthild Schroeter-Rupieper

Eine junge Frau ist gestorben. Eine Tochter, eine Schwester. In der Familie steht die Zeit still. Die Mutter weint und stellt Kerzen auf. Der Vater will allein sein, geht mit dem Hund zum Friedhof. Der Bruder sagt: "Ich mach das wie mein Vater. Ich mach das mit mir aus."



***

Ich komme in eine Familie, in der die Schwester verstorben ist. Die Mutter hat Kontakt zu mir aufgenommen, weil sie für sich Hilfe benötigt, dies auch für ihren 16-jährigen Sohn Matthias vermutet. Die Schwester des Jungen ist mit dem Auto verunglückt. Der Unfall ist erst fünf Monate her, in der Familie scheint die Zeit still zu stehen. Jeder lebt so vor sich hin, versucht, die anderen nicht zu belasten … und nicht belastet zu werden.
Matthias trifft sich eine Woche, nachdem ich Kontakt mit seiner Mutter hatte, mit mir in meinen Praxisräumen. Er sagt, bevor er sich hinsetzt: „Ach wissen Sie, eigentlich bin ich nicht freiwillig hier. Ich komme nur, weil meine Mama mich geschickt hat … und der kann ich im Augenblick nichts abschlagen. Wissen Sie: Ich mache das wie mein Vater. Ich mache das mit mir alleine aus.“

Und dann redet, redet und redet er. Beschreibt die Schwester, erzählt von der Ausnahmesituation zu Hause, dass er nicht weint, dafür aber viel mit seinen Kumpels raus geht, einen trinkt. Reden kann er mit denen! … wenn er will … braucht er aber nicht … Na, er macht es ja eben wie sein Vater. Er macht es mit sich selber aus.

„Okay“, sage ich. „Das ist gut. Wie macht es denn dein Vater?“

„Ja …“, sagt er und überlegt.

 ***

Wie macht es der Vater, der Bruder, der Partner in der Trauer?
Wie macht man(n) es denn für sich alleine aus?

Jungs trauen andersMänner trauern anders. Nicht unbedingt besser, nicht unbedingt schlechter als Frauen. Aber meist anders.
Sie weinen seltener in der Öffentlichkeit, sie suchen seltener Therapeuten oder Gesprächsgruppen auf.
In Beziehungen übernehmen sie oft den beschützenden, versorgenden Part. Die Normalität der Arbeitsstelle vermittelt vielleicht Abstand, aber auch Verantwortung der Firma und der Familie gegenüber.
Versicherungsdinge und Anwaltsgänge werden geregelt.
Selten reden sie außerhalb des engsten Familienkreises über den Todesfall und die damit einhergehende Trauer. Die Vermeidung des Themas vermittelt ihnen häufig Sicherheit.

Da, wo Frauen Halt in der Beziehung suchen, sich anlehnen und gestützt werden wollen, suchen die Männer vielleicht den Sex mit der Frau. Er entspannt sie, tut gut, kann in der Trauer helfen - tröstet. Das möchte er auch der Frau weitergeben.
Und die Frau? Die sagt vielleicht: „Weinen tust du nicht. Reden geht gar nicht … aber Sex geht immer!? Das kann ja wohl nicht stimmen!“
Der Mann widerspricht eventuell: „Egal was ich mache, es ist für meine Frau immer falsch. Ständig weint sie, immer brennen da diese Kerzen, reden tut sie mit Hinz und Kunz über ihre Trauer. Aber scheinbar kann ICH ihr nichts recht machen …“

***

Akzeptieren Sie unterschiedliches Trauerverhalten. So wie es die Frau, der Mann für sich spüren, ist es für sie richtig.
Nicht die, die am meisten weint, trauert am besten. Nicht der, der am Wochenende nach einem Trauerfall zum Fußballspielen geht, ist gefühlskalt.
Wichtig ist vor allen Dingen: im gemeinsamen Gespräch heraus zu finden, wie man sich in der Trauer gegenseitig beistehen und sich manchmal aushalten kann. Wo und wann man den persönlichen Freiraum des anderen toleriert.
Möchte die Frau eher reden, ist die Trauergruppe für sie vielleicht ein guter Ort. Möchte sie mal mit ihrem Mann darüber reden, weinen und von ihm im Arm gehalten werden, muss sie es ihm auch sagen, wenn er nicht von alleine darauf kommt.
Wenn der Mann die Kerzen evtl. nicht mehr sehen kann, sollte er das sagen können. Braucht er Freiraum für sich und geht zum Fußballspiel, ist das evtl. seine Parallele zu ihrer Trauergruppe.
Vielleicht gehen beide später toleranter miteinander um, als wenn sie sich permanent mit den ihnen eigenen Trauerreaktionen zur Last gefallen wären?

Aber: Hier wird deutlich, dass eine tolerante Haltung immer auch voraussetzt, dass man sachbezogene Informationen hat und miteinander im Gespräch ist. Nicht nur zur Trauerzeit, sondern auch im ganz normalen Alltag.
Paare, die in „normalen“ Zeiten nicht miteinander reden, haben diese Technik damit auch nicht für Krisenzeiten eingeübt.
Und: Trauer ist nicht die einzige Krisensituation, die es im Leben miteinander gibt, oder?

***

Zurück zu Matthias und der Frage, wie es denn sein Vater mit der Trauer macht.
„Mein Vater … mein Vater“, überlegt er. „Der ist auch traurig. Das sehe ich an seinen nassen Augen … obwohl er nicht weinen muss. Er geht aber oft mit dem Hund zum Friedhof. Das tut ihm, glaube ich, gut.“

Und durch die Familie von Matthias ist mir deutlich geworden: Natürlich trauern Männer, das war mir schon klar. Aber sie machen es häufig nicht offen für andere. Trauern lernt man auch am Vorbild. Und hierbei sollte es die Pflicht der Männer sein, den Söhnen, den Neffen, den Schülern zu zeigen, wie Männer trauern. So wie es die Pflicht der Frauen gegenüber den Töchtern, Nichten und Schülerinnen sein sollte.
Ganz bestimmt ist der Trauerausdruck nicht immer gleich. Die einen weinen, andere joggen oder hören Musik, schweigen, machen Sport oder schauen dabei zu, fluchen, arbeiten, hacken Holz, reden, trinken oder essen, reden mit dem Verstorbenen, gehen arbeiten, beten, vermeiden, lesen … 
Es muss gezeigt und gesagt, einfach deutlicher spürbar werden.

***

www.familientrauerbegleitung.de

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07.10.2009, 21:36
mechthild
Liebe Anna Danke, dass du das geschrieben hast. Das Spannende ist: es ist oft anders und wenn man es etwas nachvollziehen kann - vielleicht auch mal anders gut; manchmal für mich gut, für dich weniger ... oder umgekehrt? Na ja, klasse, dass du deinem Mann davon erzählt hast ... es darf ja auch nicht gelten: über den anderen hier reden - aber nicht mit ihm ;-). Und dann hoffe ich einfach, dass es ihm (und uns allen) immer mal wieder durch den Kopf geht: "Wer oder Was hilft mir eigentlich, wenn ich traurig bin?" Herzliche Grüße, Mechthild

07.10.2009, 16:44
Anna
Danke für diesen Text! Meinen Mann habe ich in 16 Jahren erst einmal weinen sehen ... das habe ich ganz lange sehr schrecklich gefunden und ihn massiv unter Druck gesetzt. Inzwischen kann ich anders sehen, wo seine Trauer ist. Leicht finde ich das immer noch nicht. Und mein Sohn: der weint vor Wut, vor Trauer, vor Enttäuschung, vor Hilflosigkeit .... er vergießt oft viele viele Tränen. Manchmal muss ich dann mitweinen. Und manchmal hoffe ich, dass das so bleibt. Als ich meinem Mann von diesem Artikel erzählte, sagt er: "ich weiß gar nicht, wie ich trauere." Auch das noch ...


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Plötzlich und unerwartet ... So sind Abschiede auch dann, wenn sie sich lange ankündigen. Plötzlich und unerwartet ... stellen sich Gefühle ein, die wir so nicht kannten. Plötzlich und unerwartet ... kommt ein tröstendes Wort, eine helfende Hand. Wie ist das mit dem Trauern? Wie mit dem Weiterleben, wenn Menschen gegangen sind - mit dem Tod oder einer schmerzhaften Trennung. Mechthild Schroeter-Rupieper ist Trauerbegleiterin. In ihrem Blog schreibt die Freiberuflerin von ihrer Arbeit, vom Trauern, vom Sterben, vom Trösten. Wann immer sie von Menschen erzählt, die sie begleitet hat, sind diese mit der Veröffentlichung einverstanden. Ihre Namen wurden geändert.

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