Die letzte Ehre

Wie öffentlich darf der Tod sein?

27.10.2009, 21:24 von Mechthild Schroeter-Rupieper

Mitten in Assisi, am hellichten Tag. Vier Männer tragen einen Sarg, zwei Frauen folgen. Der Tod im Leben. Urlaubsgedanken über den Umgang mit dem Tod und eine Demonstration.



***

Ich mache Urlaub mit meiner Familie. Wir leben in einem einfachen Ferienhaus auf einem Bauernhofgelände in Assisi, Umbrien. Kaum angekommen an diesem Ort - wird man „runtergeholt". Alles ist entschleunigt, die Abende auf der Dachterrasse lassen sich bei Rotwein, Limonade à la San Benedetto, Kerzenlicht und warmen Decken gut aushalten. Eine Sternschnuppe am Abend, manchmal zwei. Salamander an der Hauswand, eine Gottesanbeterin auf der Mauer, Wespen beim Frühstück.
Latte Macchiato und Espresso auf der Piazza, dabei Postkarten schreiben, ein Stück Pizza Salami auf der Hand - schmeckt nirgends besser als in Assisi - und dann gehen wir durch diese engen Gassen Richtung Parkplatz.

Eine schöne alte Tür, daneben Blumen in verschiedenen Tontöpfen. Andenkenläden, Olivenholzkreuze, Heiligenbilder, Franz von Assisi, alte Männer und Frauen vor ihren Häusern sitzend. Es geht immer bergauf.
Da öffnet sich eine Tür vor uns. Vier Männer tragen einen Sarg auf ihren Schultern aus dem Wohnhaus. Zwei Frauen folgen dem Sarg. Wir sind auf dem Weg hinterher. Leute bleiben stehen, machen den Männern, dem Verstorbenen im Sarg, den beiden Frauen Platz. Ich suche nach einem Leichenwagen. Da ist keiner zu sehen. Aber vor uns der Kirchplatz von San Rufino. Die Männer verändern immer wieder ihre Armhaltung, verschränken miteinander ihre Arme. Das sieht nach Freundschaft aus, ist wahrscheinlich aber nur eine Erleichterung beim schweren Tragen ... obwohl, wirkt Freundschaft nicht auch oft erleichternd?

***

Mich beeindruckt diese Demonstration.
Hier erweist man einem toten Menschen eine letzte Ehre.
Voller Würde wird der Verstorbene ein letztes Mal durch seine Straßen getragen. Von vier Männern, die es auf sich nehmen, von zwei Frauen begleitet, betrauert. Von „nur" 2 Frauen begleitet? Ist das nicht armselig?

Aber wer von uns weiß, wer da im Sarg liegt?

Ist es die alte Mutter, dahinter die beiden einzigen Töchter, die zu diesem Tage weit her gereist sind?
Sind sie die beiden einzigen, die vielleicht die Pflege des alten Vaters übernommen haben, dabei viele Kontakte zu Freunden verloren, weil die aufwändige Arbeit die sozialen Beziehungen leiden ließen?

Sollte es eine Beerdigung nur im engsten Familienkreis sein? Hatte der Verstorbene in dem Sarg keine Familie ... oder alle daraus vergrault?

Liegt im Sarg das Kind einer der beiden Frauen? Nein, dann würden sie weinen, zusammenbrechen, nicht hinterher laufen können. Oder können sie nur deshalb laufen, weil sie ein Beruhigungsmittel verabreicht bekommen haben?

Viele Geschichten könnte man über diese Szene schreiben. Aus den Erzählungen, auch dem Miterleben in einigen Familien weiß ich um diese „Geschichten" von außen. Die oft verletzend sind, weil Außenstehende oftmals Gefühle deuten, die die Trauernden bei sich selber noch gar nicht kennen gelernt haben.

***

Die Kamera habe ich fast immer dabei. Ist ja Familienurlaub. Ich überlege kurz. Mache dann ein Foto.
Die Freundin einer meiner Söhne sagt: „Aber ... du hast doch jetzt wohl kein Foto gemacht! Das finde ich jetzt völlig daneben!"

Ein kurzer Schreck. Wo ist die Grenze zwischen Wertvoll und Vermarktung? Sensationsgier wäre hier das falsche Wort. Da erlebe ich andere dramatischere Sachen, bei denen ich eigentlich auch nicht fotografiere.

Nein, ich lösche das Bild nicht. Denn diese Trauerszene hat mich beeindruckt. Sollte mich und andere vielleicht auch beeindrucken. Das ist eine öffentliche Demonstration gewesen. Niemand hat den Weg abgesperrt. Der Leichenzug wurde nicht in der Abenddämmerung heimlich durchgeführt. Es war am Dienstagnachmittag im Oktober 2009 gegen 15.20 Uhr.

***

Es gibt in Deutschland noch etliche Seniorenheime, in denen werden verstorbene Menschen am Abend durch den Hinterausgang entsorgt - damit niemand denkt, dies sei ein Haus des Sterbens.
Ist das Würde? Dem Verstorbenen, auch den Mitbewohnern gegenüber?

Gestorben wird in Deutschland hauptsächlich in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.
Aber wenn Sie einen Todesfall zu Hause hatten: Wie wurden bei Ihnen die Verstorbenen aus dem Haus getragen? Im Holzsarg? Viele Menschen erleben diesen letzten Weg aus dem Haus auf einer Bahre, eingepackt darauf in einem grauen Plastiksack.
Das ist für Leichenträger natürlich einfacher zu tragen. Auch sie haben Rückenprobleme.
Ein weiteres Argument sind die Treppenhäuser, die nicht so weiträumig gebaut sind, dass man einen Sarg mit Leichtigkeit hinunter tragen kann.

Aber: sind die Treppenhäuser heute enger als früher? Sind die verwinkelten Häuser in den verwinkelten Gassen von Assisi „sarggerechter" gebaut? Kann man den Toten nicht auch ohne Plastiksack offen auf einer Bahre tragen und dann unten in den Sarg legen?
Ich wollte nicht in einen Sack gesteckt werden. Sie vielleicht?

***

Es hat etwas mit der Einstellung gegenüber dem Leben zu tun. Mit der Würde, dem Respekt, den man den Toten, den Angehörigen, den Freunden entgegenbringt.
Deshalb bleibt das Bild in der Kamera, deshalb sehen Sie die Sargträger, den Sarg und die beiden Angehörigen hier auf dieser Seite.

***

www.familientrauerbegleitung.de






zurück


14.11.2009, 22:22
Elke Fischer
Der Tod gehört zum Leben, auch wenn das in unserer anti-aging-Welt das keiner mehr wahrhaben will. Ich bin nicht sicher, ob ich den Foto benützt hätte - aber das Bild im Herzen lässt sich einfach schlecht transportieren. Deshalb ist es wichtig, diese Momente festzuhalten, damit man sie ins Gespräch bringen kann. – Vielen Dank dafür! Wer mit dem Tod zu tun hat, hat bestimmt auch schon erlebt, dass dieses Weggehen und Loslassen müssen auch etwas sehr Schönes haben kann - besonders dann, wenn dieser Mensch danach in den Herzen seiner Lieben weiterleben kann und der Glaube an die Ewigkeit die Trauer trägt ...

02.11.2009, 19:47
Mechthild
Danke für Ihre Rückmeldungen. Und wie schön, dass es Sie alle - auch trotz Trauer - nicht sprachlos macht. Was sich auf Dauer auszahlt, ist einfach immer wieder selber "Zeichen" zu setzen. Und wenn man selber betroffen ist, später, wenn es einem wieder möglich ist, den Leuten "Danke" zu sagen, die sich trauten, zu kommen ... und denen, von denen man es sehr erwartet hätte, auch zu sagen, dass man auf ein Zeichen gewartet hat. Herzlicher Gruß, Mechthild Schroeter-Rupieper

30.10.2009, 19:00
Esther Schmied
Der Text ist sehr ansprechend geschrieben. Der Tod gehört zum Leben dazu und sollte viel mehr in den Alltag mit eingebunden werden. Es ist erschreckend wie viele Menschen sich zurück ziehen, wenn sie erfahren, dass der Nachbar, ein Kind im Freundeskreis, oder ein Familienangehöriger im Sterben liegt. Jeder sollte sich viel offener mit dem Tod auseiander setzen und auch in den letzten Stunden des Sterbenden da sein und offen damit umgehen, statt sich von ihm zu entfernen.

30.10.2009, 14:36
Iris Wiesner
Zur Zeit sind diese Beiträge der einzige Grund, existenzielle zu lesen. Ich trauere um meinen Mann und bin von der Gewalt der Gefühle überwältigt und von der Sprachlosigkeit fast aller Menschen um mich herum zutiefst getroffen. Wenn der Tod so aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden ist, läuft irgendetwas schief in unserer Gesellschaft!

30.10.2009, 13:29
Petra Cammarota
Ein sehr schöner Text zu einem aussagefähigen Foto - ich finde auch, dass wir hier in Deutschland viel unverkrampfter und gleichzeitig würdevoller mit dem Thema Sterben und Tod umgehen sollten.


Ihr Kommentar

Name:
E-Mail:
Sicherheitsabfrage: Bitte addieren Sie 1 und 3.

 




Plötzlich und unerwartet ... So sind Abschiede auch dann, wenn sie sich lange ankündigen. Plötzlich und unerwartet ... stellen sich Gefühle ein, die wir so nicht kannten. Plötzlich und unerwartet ... kommt ein tröstendes Wort, eine helfende Hand. Wie ist das mit dem Trauern? Wie mit dem Weiterleben, wenn Menschen gegangen sind - mit dem Tod oder einer schmerzhaften Trennung. Mechthild Schroeter-Rupieper ist Trauerbegleiterin. In ihrem Blog schreibt die Freiberuflerin von ihrer Arbeit, vom Trauern, vom Sterben, vom Trösten. Wann immer sie von Menschen erzählt, die sie begleitet hat, sind diese mit der Veröffentlichung einverstanden. Ihre Namen wurden geändert.

ANZEIGE



Neues von unseren Beraterinnen

Gibt es den Gründerinnen-Typ?

Wie ausschlaggebend sind Charaktereigenschaften für eine Gründung? mehr...

Kein Ende für politisches Engagement

„Scheitern, besser scheitern, weitermachen ..."  mehr...

Ihre Waffe ist ihr Wissen

Wie Literaturagenten beim Schreiben und Vermarkten helfen mehr...

Gambia

Licht - Lebensfreude - Freundlichkeit - und -bumsters mehr...

Chaoslos ins neue Jahr

mehr...

Das Jahr ist schnell zu Ende

Von Fristen, Verträgen & Co. mehr...

Der Sprung ins kalte Nass

Wie Erfahrung im Ausland stark macht mehr...

Sterben 

Ein einschneidender Übergang mehr...

Was Männer wirklich über Frauen denken

... und wie sie zu Frauenverstehern werden können mehr...

Geschlechterspezifisch führen

Alle Blogbeiträge von Sigrid Meuselbach mehr...