Ein Raum voller Düfte
Trauerbegleitung einer Verkäuferin

In der Trauerbegleitung geht es um um das Erinnern und die Gegenwart. Manchmal gelingt das auch in einer Parfümerie. Mit einer aufmerksamen Verkäuferin. Und einem 13-jährigen Mädchen, das plötzlich weiß, was es zum Trauern über ihren Vater braucht.
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Julias Vater ist tot. Vor circa einem Jahr hat er sich das Leben genommen. Zuhause, im Schuppen. Unerwartet. Einfach so. Depressionen? Waren nicht bekannt ... aber im Nachhinein? ... ja, vielleicht, das könnte sein. Aber wissen wird man es nicht. Und so oder so: Es ist Trauer da. Die Familie redet miteinander, sucht miteinander und füreinander nach Unterstützungsmöglichkeiten. Sie nimmt Trauerbegleitung in Anspruch und ist auch für andere schöne Momente im Alltag - trotzdem - offen.
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Hier schnell - in Zeiten von Robert Enkes Tod - ein Nebenschauplatz: Viele Menschen fragen sich: WARUM hat niemand den anstehenden Suizid gesehen? Gab es keine Anzeichen? Das kann doch nicht sein!?
Und nun muss wieder mein eigener Mann für ein Beispiel in diesem Blog herhalten:
Hätte er heute morgen unser Haus verlassen und sich im Laufe des Tages das Leben genommen. Ja, ich würde Anhaltspunkte im Nachhinein finden. „War er nicht gestern wieder so abgespannt von der Arbeit nach Hause gekommen? Hatten wir nicht vor drei Tagen eine Auseinandersetzung ... hatten wir uns eigentlich versöhnt? Wollten wir uns nicht mehr Zeit füreinander nehmen, abends spazieren gehen, ins Kino dann und wann - aber haben es nie gemacht?"
Oh, nicht nur ich würde Anhaltspunkte finden, ich denke, manche Nachbarn fallen mir ein, die noch mehr Gründe dafür finden würden ... Solche Nachbarn kennt sicherlich jeder, oder?
Aber: Würde mein Mann sich nicht das Leben nehmen, käme er „heil" zu Hause an: So würde ich mir keine Gedanken machen - nun ja, vielleicht hätten wir eben eine „stinknormale" Ehe ...
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Zurück zu Julia. Wir gehen in einem Mülheimer Kaufhaus bummeln. Ich versuche, wie nebenbei das Gespräch auf Robert Enke zu lenken. Nein, das ist nicht ihr Thema. „Ich gucke zurzeit kein Fernsehen. Das ist im Augenblick voll langweilig ... überall dasselbe ..."
Ich kaufe Julia als nachträgliches Geburtstagsgeschenk eine Mütze. Orange. Cool sieht sie aus. Ja, in den eineinhalb Jahren, die ich sie kenne, ist sie groß geworden. Groß, hübsch, selbstbewusst, ah ja ... auch etwas pubertierend. Alles das - trotz alledem.
Wir gehen weiter und sehen eine Parfümerie. Gehen hinein, um Düfte auszuprobieren.
Frau Liermann, eine Verkäuferin, bietet uns ihre Hilfe an. Zuvorkommend, kompetent wirkend, eine echte Dame, nett. Sie siezt Julia. Mich auch. Welche Duftrichtung mögen Sie, fragt sie die 13-jährige Julia. Diese schaut mich Hilfe suchend an.
„Können Sie Julia erklären, welche Duftrichtungen es gibt?"
Ja, das kann Frau Liermann. Mit verständlichen Worten und schönen Düften macht sie das.
Julia genießt es. Ich auch.
„Kann ich sonst noch weiterhelfen?", die Frage der Verkäuferin.
„Nein danke ... oder doch." Ich frage nach einem Parfum für mich. Rieche daran, kaufe es nicht.
Danach ein Dank unsererseits, ein kurzes Verabschieden.
... und dann überraschend Julia: „Da habe ich noch eine Frage: Haben Sie so ein Parfum mit einem Schiff auf der Flasche?"
Frau Liermann überlegt kurz und sagt dann: „Nein, dieses Parfum haben wir hier nicht. Ich glaube, das findest du im Drogeriemarkt."
Wir bedanken uns noch einmal und gehen.
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„Ist es das Parfum, das dein Papa benutzt hat?", frage ich Julia. Sie nickt, sagt: „Noch mal riechen, wie Papa gerochen hat."
Sonst nichts. Keine Tränen bei ihr (ich habe Tränen in den Augen), aber ein ernsthafter Blick. Das ist jetzt wichtig.
Sie, Julia, die Trauerbegleitung, Gesprächsanregungen, Geschichten und Besuche auf dem Friedhof liebt, sich dennoch mit Eigeninitiative in diesen Themen schwer tut, spürt in einem Raum voller Düfte Erinnerungen aufkommen. Und benennt ihr Traueranliegen. Ist es zum ersten Mal, dass sie es selber benennt? Ich glaube ja, zumindest bei mir.
Wir gehen in den Drogeriemarkt, finden dort aber nur ein After Shave, nicht das Richtige. Ich rufe Julias Mutter an. Frage nach der genauen Bezeichnung des Parfums. Sie zögert kurz ... vielleicht hat sie in dem Moment der Frage den Duft ihres Mannes in der Nase - die Erinnerung vor Augen? „Old Spice und Boss Bottled", sagt sie. So hießen die beiden Herrenparfüms ihres Mannes.
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Wir gehen zurück in die Parfümerie. Sehen Frau Liermann. Sie sieht uns. So eine nette Verkäuferin. Sie kommt auf uns zu.
„Boss Bottled", sagen wir. „Haben Sie das?"
„Oh, ja. Sogar im Angebot", ist ihre Antwort. Und sie präsentiert uns eine Geschenkbox. Duschgel mit Eau de Toilette.
Ganz kurz überlege ich: Jetzt so zu tun, als würden wir nach dem Schnuppern noch mal überlegen, ob wir das Parfum kaufen sollen und dann aus dem Geschäft gehen? Eine Sache, die wir machen können, aber in unserer Situation vor uns selbst gelogen wäre? Sich falsch anfühlt?
„Wir möchten den Duft nicht kaufen", sage ich. „Nur einmal riechen. Das ist das Parfum von Julias Vater. Er ist tot. Parfum und Duschgel braucht er nicht mehr. Aber, riechen, das wäre klasse."
Frau Liermann schluckt. Ich auch. Julia nicht.
Und Frau Liermann reagiert so klasse. „Selbstverständlich können Sie riechen", sagt sie zu Julia. „Und ich habe da eine Idee." Sie holt ein klitzekleines Sprayfläschchen für eine Parfumprobe heraus und füllt Boss Bottled ab. Sie schenkt es Julia.
Ich schlucke wieder ... und freue mich.
Julia STRAHLT. Sie schluckt nicht.
So ist das manchmal.
Und dann sagt Frau Liermann: „Magst du auch eine Probe für dich mitnehmen?"
Sie findet mit Julia einen Duft, der für 13-jährige Mädchen wie geschaffen ist.
Ich schlucke. Ja, auch Trauerbegleiterinnen müssen - dürfen - schlucken.
Und weil das alles so unglaublich gut ist, sage ich: „Und dann hätte ich gerne das Parfum von vorhin." Nein, nicht als Probe. Ganz. Ja, ich wollte es mir schon lange kaufen. Meine Mutter kann mir das auch zu Weihnachten schenken. Ja, auch als Reaktion auf die Verkäuferin, die eine gute Verkäuferin ist.
Wir verlassen das Geschäft. Ich drehe mich um. Die Verkäuferin, ganz Dame, blickt mich an, hält ihren Daumen hoch, zwinkert mir zu.
Ich werde ihr diesen Blog zusenden. Frau Liermann hat etwas aus dem Bauch heraus gemacht, was so LEBENSwichtig ist. Sie hat Julia etwas gegeben, was ihr hilft zu trauern, sich zu erinnern an den alten Duft vom Vater ... und sie hat ihr etwas geschenkt, was für Julias jetziges Leben schön ist und aufregend duftet. Ein Mädchenparfum.
Das macht Trauerbegleitung, Trauerunterstützung im Alltag aus: Beide Seiten zu haben: Die der Erinnerung und die der Gegenwart.
Das ist heute, am 14.11. in einer Parfümerie in Mülheim an der Ruhr geschehen. Trauerbegleitung einer Verkäuferin.
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Es ist noch nicht zu Ende: Wir kommen nach Hause. Julias Mutter ist da. Julia sagt zu mir. „Erzähl du Mama das." Sie hört mir dabei zu. Ich erzähle, beziehe Julia aber immer wieder mit ein. Die Mutter schluckt, hat Tränen in den Augen. Ich auch schon wieder. Wir lachen uns an: „Ja, das rührt." Julia lacht uns aus - aber genießt anscheinend die Situation.
Und dann sagt die Mutter. „Ach ... ihr hättet das Angebot ruhig mitbringen können."
Georg, der 17-jährige Sohn, hatte ihr heute morgen noch gesagt, er hätte gerne ein neues „Boss Bottled", das alte von Papa sei aufgebraucht ...
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13.12.2009, 17:33
Ilona Rüdger
Frau Liermann hat mit einer kleinen menschlichen Geste soviel Trauerarbeit geleistet, toll ! Ich weiß das Kinder auch lange Zeit nach dem Tod eines Elternteils an einem Kleidungsstück riechen um dem Verstorbenen ganz nahe zu sein. Man sollte ihnen auch gestatten T-Shirt oder anderes zum kuscheln zu nehmen.
09.12.2009, 11:36
Anja Balzereit
Welch' eine wunderbare Begebenheit. Ich wünschte, man könnte die Bedürfnisse trauernder junger Menschen immer so gut treffen.
27.11.2009, 11:41
Magdalene Tubach-Benz
Ja, traurig und schön und hoffnungsvoll zugleich. Kinder sind manchmal so stark und brauchen trotzdem Begleitung und nehmen sie auch an. Und es gibt wirklich immer wieder schöne Begegnungen mit anderen Menschen, wenn man sich darauf einlässt.
25.11.2009, 19:12
Franca Di Matteo-Pierre
Dies ist ein sehr bewegender Artikel. Er hat mich natürlich total traurig gestimmt und gerührt. Es ist schwer für ein Kind/Teenager seine Eltern oder einen Elternteil zu verlieren. Ich hoffe, dass meinen Kindern dieses Leid erspart sein wird.




