Trauerbegleitung braucht Unterstützung

15.12.2009, 21:41 von Mechthild Schroeter-Rupieper

"Mein Papa ist tot", schreit das Kind und weint mit seiner Mutter, die Hilfe sucht, um mit den Kindern zu sprechen. Ein 15-Jähriger, dessen Vater sich das Leben genommen hat, ist suizidgefährdet, die Trauerbegleiterin spricht mit der Mutter, organisiert akute Hilfe. Eine alte Frau ruft an, die in der Trauer um ihren Mann Angst hat, verrückt zu werden. Trauerbegleitung ist lebens-wichtig. Und doch können viele Menschen eine Begleitung nicht bezahlen. Der Förderverein Trauerbegleitung e.V. kann und will hier helfen. Aber auch er braucht mehr Öffentlichkeit und mehr Unterstützung.



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Vor einer Woche hielt ich in Mönchengladbach einen Vortrag für Jungunternehmerinnen. Ich stellte ihnen meine Idee, meine Arbeit und mein Unternehmen Lavia-Institut für Familientrauerbegleitung vor. Eine Idee, von der vor Jahren Bekannte sagten: Und damit willst du ein Unternehmen starten? Geld dafür nehmen? Für eine soziale, wichtig Arbeit? Von Menschen in Notsituationen?

Ja, das wollte ich. Damals. Heute auch noch. Natürlich hätte ich gerne einen Arbeitgeber gefunden, der mir in seiner sozialen Einrichtung einen Arbeitsplatz gibt. Aber: diese Arbeitgeberin, diesen Arbeitgeber gab es nicht. Und ich wollte / musste mit meiner Arbeit Geld verdienen.

Auf dem Unternehmerinnenabend berichtete ich, dass ein Drittel meiner Arbeit in Familien, mit Trauernden privat bezahlt wird. Mit einem weiteren Drittel vermittle ich in Seminaren Inhalte zur Trauerarbeit, für Erzieher, Lehrer, Therapeuten, Ärzte, Seelsorger und Hospize. Und schließlich ist ein Drittel meiner Arbeit ehrenamtlich, kostenlos für Familien und einzelne Trauernde, die akuten Bedarf haben, aber meine Arbeit nicht bezahlen können.

Das ist meist okay für mich. Ehrenamtler wissen: auch ehrenamtliche Arbeit „macht sich bezahlt". Anders bezahlt

Aber: Es gibt einen großen Bedarf an Trauerbegleitung. Und ich erhalte immer mehr Anfragen von Menschen, die dies aber nicht finanzieren können.

Foto: pixelio / Rainer Sturm

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Es meldete sich aus meiner Stadt ein 17-jähriges Mädchen per Mail. Der Vater stirbt an Krebs, die Mutter ist ebenfalls schwer daran erkrankt. Die 17-Jährige vernachlässigt die Schule, kümmert sich um die beiden kleinen Geschwister, schmeißt den Haushalt. Pubertät? Nein, die habe sie nicht so gehabt. Sie habe versucht, der Mama zu helfen. Jugendamt? Ja, das war da. Für die kleinen Geschwister. Sie wurde übersehen. Hat aber auch nicht „Hilfe" gerufen. Nun kann sie nicht mehr, schreibt sie in der Mail. Hat von ihrem Arzt meine Adresse erhalten, will reden, braucht Hilfe.

Ich frage nicht nach. Ich lese es. Ich sehe es bei ihrem ersten Besuch. 60 Euro für die Stunde kann das junge Mädchen für Trauerbegleitung nicht bezahlen. Klar kann sie kommen. Es beginnt eine gute Begleitung. Auch gut, weil die Tagesklinik für Kinder miteinbezogen werden kann.

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Dann ein Anruf von einem Vater. Die von ihm getrennt lebende Ehefrau ist vor drei Monaten verstorben. Die jüngste Tochter, 15 Jahre alt, leidet. Vernachlässigt die Schule. Hat Träume. Mal gute von der Mama, voller Sehnsucht. Dann schlechte, die Angst vor dem Schlafen verursachen. Hat gekifft. Will das nicht mehr machen. Braucht aber Hilfe. Von Papa. Von der Trauerbegleitung. Bezahlen? Ah, das ist schlecht. Der Vater lebt mit seiner Tochter von Hartz IV. Das Jugendamt „fährt" den Nothaushaltsplan. Zahlen können die auch nicht. Aber sie denken beim Jugendamt: Unterstützung wäre wichtig. Vielleicht könnte ich ...

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Letzte Woche Freitag. Eine Mutter ruft an. Ihr Mann hat sich das Leben genommen. Schlimm! Ganz besonders deshalb, weil es noch drei kleine Kinder, 1, 3 und 6 Jahre, gibt. Die wissen noch nicht, dass und wie ihr Papa gestorben ist. Ob ich kommen könne?

Ja, ich kann kommen. Ich komme gerne. Es ist ein ganz trauriger Anlass, aber ein wichtiger, weil die Mutter ihre Kinder einbeziehen will, weil sie nach Hilfe fragt. Nicht selbstverständlich. Sie will bei der Vermittlung des Todes nicht alleine sein.

Die sechsjährige Tochter sitzt auf ihrem Schoß, als die Mutter sagt: „ Anna, Papa ist tot." Anna: „Mama, dein Papa?" „Nein, Anna, dein Papa." ...„ ...Mama, dein Papa???"  „Nein Anna, dein Papa ist tot." „Mama!! DEIN PAPA!!??!!" „Nein, Anna. Dein Papa Thomas." Und dann weint Anna und ruft immer wieder: „Mein Papa ist tot! Mein Papa ist tot! ... Ich habe keinen Papa mehr! Ich haben keinen Papa mehr! ... Ich kann meinen Papa nie wieder sehen"... Immer wieder. 20 Mal, 50 Mal. Jeder Satz.

Das kleine Mädchen schreit und weint die Not heraus. Und die Mutter hält ihr Kind fest. Weint laut mit. Liegt mit Anna eine halbe Stunde unter dem Tisch. Hält sie fest. Weint mit ihr. Ich sitze dabei. Halte die Traurigkeit aus. Das ist schwer. So unglaublich schwer. Aber ich bestätige die Mutter: „Ja, es ist okay. Lass Anna weinen. Halte sie fest. Ja, du darfst auch vor ihr weinen. Es ist ja auch traurig." Gespräche mit den anderen Familienmitgliedern. Infos über Suizid. Mündlich und schriftlich. Beides braucht man.

Der Besuch bei dem toten Vater mit der Mutter und den drei Kindern. Es ist ein guter Besuch.

Geld? Bei Suiziden in Familien frage ich nicht danach. Auch nicht bei anderen plötzlichen Todesfällen. Da entscheide ich spontan, ob ich Zeit habe, zu kommen. Finanzielles für eine weitere Begleitung regeln wir dann vor Ort - auch ob Bezahlung möglich ist oder nicht.

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Eine Mutter ruft an. Ihr Sohn ist suizidgefährdet Er ist 15 Jahre alt, vermisst den Vater. Ist in der Pubertät, ist trauernd, wird in der Schule geärgert: Weil er keinen Vater mehr hat. Ja, unglaublich. Aber das ist nicht selten. Die Kinder und Jugendlichen in der Gruppe berichten öfters darüber.

Der Junge ist seit fünf Monaten in meiner Begleitung. Die Mutter nutzt Elterngespräche. Kein Harzt IV, aber ähnlich wenig Geld. Sie geht putzen. Sie bezahlt mir für jede Stunde 5 Euro. Die nehme ich gerne an.

Aber nach einem Gespräch mit dem Sohn sehe ich: Er braucht weitere Akuthilfe. Hilfe in einer Klinik für Kinder und Jugendliche. Ich telefoniere. Mit der Klinik, einer weiteren, davon empfohlenen Klinik. Telefoniere mit der Mutter, spreche mit dem Jungen. Abends wieder Gespräche mit der Mutter. Ja, ihr Sohn ist gut angekommen.

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Gestern Abend, 22.40 Uhr. Eine Frau spricht auf meinen Anrufbeantworter. Fragt nach Hilfe. Ich rufe heute Morgen an. Ihr Mann ist innerhalb von fünf Monaten an Krebs gestorben. Es ging so schnell. Sie begreift es nicht. Sie war letzte Tage in der Stadt. Wurde plötzlich unruhig. Hatte das Gefühl, sie müsse nach Hause, zu ihrem Mann. Dann die Erkenntnis: „Nein. Du brauchst dich nicht beeilen. Er ist nicht zu Hause. Er kommt nicht mehr nach Hause. Er ist tot."

Aber: Da ist noch etwas: Sie hat Angst, verrückt zu werden. Ihr Mann hat immer nach ihr gerufen. Ganz laut hat er ihren Namen gerufen. Einmal hat sie ihn nachts zuhause rufen hören, obwohl er im Krankenhaus lag. Sie ist am nächsten Morgen früh hingefahren. Der Arzt sagt zu ihr: „Ihr Mann hat sie heute Nacht immer gerufen." „Ja, das habe ich gehört", sagt die Frau. Und bleibt bei ihrem Mann, bis er stirbt.

Drei Wochen ist es her. Und sie hört ihn immer noch rufen. Glaubt, sie wird vielleicht verrückt. Das hat sie auch heute Nacht geglaubt. Deshalb hat sie um 10 vor 11 noch auf den AB gesprochen. Sie möchte gerne zu mir kommen. „Obwohl sich ja Ihre Stimme so jung anhört." Sagt sie. „Na ja, ich werde 46 Jahre alt", sage ich. Eigentlich sagt man in „meinem Alter" ja immer: Ich bin erst 45. Hier ist 46 Jahre alt vielleicht eher angebracht?
Ich frage zurück: „Wie alt sind sie?"  „72 Jahre", die Antwort. Na, Hut ab. 72 Jahre und in der Zeitung einen Artikel über meine Arbeit gelesen, die Telefonnummer raus schreiben und anrufen? Traut sich nicht jeder in dem Alter - und in einem anderem Alter manchmal auch nicht.

Bezahlen? Sie hat eine kleine Rente, ähnlich Hartz IV.
60 Euro, das geht gar nicht. Auf jeden Fall nicht vollständig.

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Und dann noch ein Anruf aus der Nachbarstadt. Eine junge Türkin sucht Hilfe. Auch das nimmt zu, dass Muslime Trauerhilfe suchen. Der Mann ist verstorben, zwei kleine Kinder, sie arbeitet nicht.

Zum ersten Mal musste ich heute sagen: „Es tut mir Leid. Ich kann im Augenblick nicht in Ihre Familie kommen." Und ich konnte auch keine andere Trauerbegleitung benennen, die sich mit trauernden Familien auskennt und dazu noch ehrenamtlich nebenbei arbeitet.

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Ich habe vier MitarbeiterInnen, die bei mir eine Ausbildung absolviert haben und gestandene Personen in ihren Ursprungsberufen sind. Seelsorger, Arzthelferin, Diplompädagogin, Krankenschwester. Sie arbeiten auf Honorarbasis bei mir. Das bedeutet: auf Bezahlung. Ohne Bezahlung kann ich schlecht Aufträge an sie vergeben.

Zum Glück gibt es Leute, die die Wichtigkeit dieser Arbeit im Alltag sehen: Mitglieder des Fördervereins Trauerbegleitung e.V. Ursula Wichmann ist die Vorsitzende des Vereins, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Trauernde zu unterstützen -  wenn es die persönlichen Möglichkeiten überfordert. Krankenkassen, viele Jugendämter kommen für diese wichtige Dienstleistung nicht auf. Aber, sie wird benötigt. Sie ist LEBENS-wichtig.

Dem Ehrenamt ist im normalen Arbeitsalltag manchmal eine Grenze gesetzt. Auch ich muss persönlich schauen, dass ich das Geld für meine Familie mit verdienen kann. Auch die Mitarbeiter benötigen für ihren Arbeitseinsatz ein Honorar. Das ermöglicht in manchen Fällen der Förderverein.

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Heute Abend saß ich nach einem arbeitsreichen Tag auf dem Sofa und dachte: „Es ist zu viel Arbeit für mich. Arbeit, die gut verteilt werden könnte, wenn der Förderverein mit seiner Unterstützungsarbeit mehr gesehen würde."

Und auf einmal war die Müdigkeit weg. Jetzt sitze ich am PC, schreibe Beispiele der aktuellen ehrenamtlichen Arbeit auf, von der keine bezahlt wird.

Das ist für mich in meinem Rahmen immer noch okay. Aber es wäre auch okay, wenn der Förderverein gesehen würde. Mit der Arbeit, die er im Alltag unterstützt. Es wäre schön, wenn diese „alltägliche" Arbeit gesehen werden würde. Auch, wenn der Verein keinen „großen Namen" trägt, leistet er „große" Arbeit - und braucht Unterstützung.

Und wer jetzt Interesse hat, Infos über den Förderverein Trauerbegleitung e.V. zu bekommen, der ruft einfach Frau Wichmann unter der Telefonnummer 0209-4028016 an oder ruft die Seite www.foerderverein-trauerbegleitung-ev.de/flyer.pdf und findet dabei die Bankverbindung der Stadtsparkasse Gelsenkirchen, Konto 160145279, BLZ 42050001.

Ist dieser Aufruf platt? Nein, ich glaube, er ist notwendig. Und: LEBENS-notwendig:

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Übrigens habe ich heute Frau Liermann aus der Parfümerie - aus dem letzen Blog - wiedergetroffen. Ich war mit einem anderen Mädchen, der 13-jährigen, Clara, dort. Frau Liermann teilte mir mit, dass es allen Parfümerien ihrer Verkaufskette seit zwei Wochen untersagt sei, Parfüm in kleine Probefläschchen abzufüllen. Schade, was? Aber schön, für Julia, die vor fünf Wochen noch davon profitieren konnte.

Und dann nahm Frau Liermann das Parfümfläschchen von Christina Aguliera, das für Clara so interessant war, und sprühte dem Mädchen mehrmals auf die Jacke (5 Mal, Clara hat mitgezählt), dann auf beide Handgelenke und sagte: „Na, jetzt verteile ich erst mal das Parfum so, wie es auch gut riechen soll ..."

Schön, was? Zwar kein Probefläschchen, aber die dafür die ganze „Ladung" auf einmal.:-))))

Klar, Frau Liermann wird als Verkäuferin bezahlt - als Trauerbegleiterin arbeitet sie immer noch ehrenamtlich ... Das soll auch so bleiben. Als Verkäuferin arbeitet sie auch: Ich habe wieder bei ihr eingekauft: für meinen jüngsten Sohn ein After Shave. Ehrenamt rechnet sich auch für Frau Liermann ... auf anderen Wegen.

 

www.familientrauerbegleitung.de






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Plötzlich und unerwartet ... So sind Abschiede auch dann, wenn sie sich lange ankündigen. Plötzlich und unerwartet ... stellen sich Gefühle ein, die wir so nicht kannten. Plötzlich und unerwartet ... kommt ein tröstendes Wort, eine helfende Hand. Wie ist das mit dem Trauern? Wie mit dem Weiterleben, wenn Menschen gegangen sind - mit dem Tod oder einer schmerzhaften Trennung. Mechthild Schroeter-Rupieper ist Trauerbegleiterin. In ihrem Blog schreibt die Freiberuflerin von ihrer Arbeit, vom Trauern, vom Sterben, vom Trösten. Wann immer sie von Menschen erzählt, die sie begleitet hat, sind diese mit der Veröffentlichung einverstanden. Ihre Namen wurden geändert.

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