Tränen

Warum es ein Glück ist, wegen der Tränen kein Medikament zu bekommen

20.01.2010, 21:35 von Mechthild Schroeter-Rupieper

Das Thema „Tränen" sollte eigentlich die Einführung zu meinem ersten Blog sein. Nun ist es mir heute einen Beitrag wert, da Tränen in meiner Arbeit immer aktuell - und manchmal noch aktueller sind.



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Eine Frau begegnet mir in der Arbeit. Ihr Mann ist überraschend verstorben, so alt war er noch nicht, grade mal 50 Jahre. Es ist sieben Wochen her, der Witwe geht es nicht gut. Sie kann schlecht schlafen, der Blutdruck ist erhöht. Sie verspürt einen Anflug von Angst - Angst wovor? Das kann sie nicht genau benennen. Aber diese Angst macht ihr Angst.

Sie weint auch nicht. Dafür hat sie wenig Zeit, muss im Haushalt mit ihren drei Kindern, dem Hund, dem Haus und dem Halbtagsjob auch funktionieren.

Das „Funktionieren" funktionierte ihrer Meinung auch deshalb anfangs so gut, weil der Notarzt ihr eine Depot-Spritze gab. Zur Beruhigung. „Warum haben Sie die bekommen?", frage ich. „Na, weil ich doch zusammengebrochen bin."

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Ja, sie ist bei der überraschenden Todesnachricht zusammengebrochen. Das ist eine normale Reaktion. Es wäre auch normal, nicht zusammenzubrechen, weil der Verstand und der Bauch es nicht glauben wollen. Fast alles ist in diesen Zeiten normal.

Und ... wie sieht denn Zusammenbrechen aus? Sicher bei jedem anders. Mir fällt da ein: Weinen, Schreien, Herzrasen, Schwindel, Übelkeit, Durchfall, Zittern am ganzen Körper, Versagen der Beine, Ohnmacht, Hinfallen oder auf dem Boden wälzen. Schluchzen, Erstarren, Verstummen ... haben Sie als Leserin noch eine Ergänzung? Bestimmt.

Was ist so schlimm am Zusammenbrechen? Warum benötigen einige Menschen angeblich ein Beruhigungsmittel, sogar manchmal über eine ganze Woche verteilt - als Depot, was ich nicht rückgängig machen kann?

Ja, es fühlt sich schlimm an! Für den oder die Betroffene. Und: für den, der der Übermittler der Nachricht ist, den oder die, die dem Trauernden beistehen. Für den Notarzt, der das Zusammenbrechen aushalten müsste, einfach da wäre, die Hand hält, den Rücken berührt (damit vielleicht stärkt) und signalisiert: Ich bin bei dir! Aber das auszuhalten ist schwer. Da beruhigt man die Trauernden lieber mit einer Spritze ... und als Nebeneffekt auch sich selbst.

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Wenn so eine Spritze die Wirkung einer Woche hat: Wo bleiben da die Tränen, die Wut, die Fassungslosigkeit, die Liebe, die Sehnsucht ...

... und man funktioniert, es geht weiter. Ja, den Spruch kennt man. Das Leben geht weiter, muss weitergehen. Diese normale körperliche und psychische Funktion des Zusammenbrechens wiederholt sich in dieser QUALITÄT nicht mehr.

Die Gefühle suchen sich aber sicher andere Wege, um „raus" zu kommen: über Angst, Schlaflosigkeit, Kreislaufprobleme usw. Und das in einer weiteren Zeit, in der der Trauernde, falls er Arbeitnehmer ist, nicht mehr gesetzlich von der Arbeit freigestellt ist. Wenig Zuwendung von außen bekommt ... weil es ja schon eine Weile her ist. Weil man vielleicht im Laufe des Lebens verlernt hat, Gefühle auszudrücken. Und da, wo der Körper es automatisch macht, wird es chemisch unterdrückt.

Foto: pixelio / Augenauf

Ich frage mich schon: Was hätte der Arzt gemacht, hätte die Frau gelassen reagiert: „Ach, das ist aber traurig. Kommen sie erst mal rein, möchten Sie einen Kaffee mit mir trinken? Ja, das hätte ich nicht gedacht, dass mein Mann so jung und plötzlich sterben würde. Aber so ist nun mal das Leben. Da muss ich mal schauen, wo ich jemand Neues kennen lerne." ...

Nein, normal wäre das auch nicht. Aber was ist normal? Und ist Weinen, ja sogar Zusammenbrechen nicht normal?

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Der kleine Junge, dessen Vater einen Suizid beging - auch der brach zusammen. Aber er hatte zum Glück eine Mutter an der Seite, die es aushielt und zwischendurch auch immer wieder zusammenbrach. Der kleine Junge weinte, fragte, rief, schrie, wälzte sich unter dem Tisch. Die Mutter hielt ihn im Am und lag mit ihm auf dem Boden. Er saß in der Ecke, schwieg. Weinte wieder. Und dann, ungefähr nach einer halben Stunde sagt er: Ich brauche ein Foto von Papa. Und eine Kerze. Und die Gitarre. Die Familie suchte alles zusammen. Er saß auf Mamas Schoß und klimperte an der Gitarre - ja, eigentlich hielt er sich daran fest. Schaute das Foto von Papa an, weinte leise. Erzählte. Schwieg. Und hatte die Mama dabei, die auch weinte. Oder schwieg. Oder ihn feste drückte. Und die Großeltern, die Tante. Die Cousinen.

Er ist immer noch traurig, auch nach Wochen noch. Das ist auch okay. Aber die geballte Wucht an Schrecken und Entsetzen ist erst mal raus. Und kommt auch nicht wieder.

Da gibt es sicher noch mehr Traurigkeit, Zweifel, Wut, Sehnsucht ... in ihm. Auch das darf raus. So wie es kommt.

Und das ist nicht nur so, weil er ein fünfjähriger kleiner Junge ist. Das Zusammenbrechen hat die ganze Familie, jeden auf andere Art getroffen. Sie haben sich miteinander ausgehalten. Auch ohne Depotspritze.

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Ja, und gestern war ich in einer Familie, in der vor zwei Jahren der Vater verstorben ist. Jetzt weint die 13-jährige Tochter und auch die Mutter fragt sich, ob alle wieder zurück geworfen sind. Weil das Weinen so heftig ist, der Schmerz so groß ist. Weil jetzt nach zwei Jahren der Abschied, die endgültige Trennung, der Tod, so bewusst wird.

Aber es ist kein „Zurück". Dass jetzt die Tränen kommen, ist ein Vorwärts. Jetzt ist das Mädchen in der Lage, zu weinen. Im letzten Jahr ging das noch nicht. Da war anderes dran. Und auch wenn sich das Weinen so traurig anfühlt, es darf - es muss - raus.

Und im Gespräch merken wir beide: Feste weinen tut auch gut. Man fühlt sich so traurig, man ist es auch. Und man spürt Mitleid mit sich selbst ... und darf auch das. Denn es ist auch traurig, zu erkennen, dass man sich verlassen fühlt. Und wenn das Weinen dann 10 Minuten, 20 Minuten gedauert hat (gefühlte Zeit sicherlich länger), dann ist man meist wieder ruhiger. Erst recht mit der Gewissheit, dass das gut war. Erst recht mit dem Glück, kein Medikament oder eine Therapie wegen der Tränen bekommen zu haben.

 

www.familientrauerbegleitung.de

 






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25.01.2010, 17:35
Angela Groemping
Die Berichte der Frau Schroeter-Rupieper , Familientrauerbegleitung, sind sehr fesselnd. Es ist gut, über die Dinge zu lesen, damit werden wir zum Nachdenken über unser Leben und über Wesentliches und Unwesentliches angestossen. Liebe Grüße A. Groemping


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Plötzlich und unerwartet ... So sind Abschiede auch dann, wenn sie sich lange ankündigen. Plötzlich und unerwartet ... stellen sich Gefühle ein, die wir so nicht kannten. Plötzlich und unerwartet ... kommt ein tröstendes Wort, eine helfende Hand. Wie ist das mit dem Trauern? Wie mit dem Weiterleben, wenn Menschen gegangen sind - mit dem Tod oder einer schmerzhaften Trennung. Mechthild Schroeter-Rupieper ist Trauerbegleiterin. In ihrem Blog schreibt die Freiberuflerin von ihrer Arbeit, vom Trauern, vom Sterben, vom Trösten. Wann immer sie von Menschen erzählt, die sie begleitet hat, sind diese mit der Veröffentlichung einverstanden. Ihre Namen wurden geändert.

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