Redet doch einfach darüber!
Trauer macht oft Angst. Miteinander reden hilft. Dafür müssen Helfer da sein
Ein Vater ruft mich an. Seine Frau liegt zurzeit im Krankenhaus, ist sterbenskrank. Er lebt zu Hause mit der neunjährigen Tochter Luise und dem siebenjährigen Lasse. „Wann soll ich ihnen sagen, dass Mama stirbt?", ist seine Frage.
***
„Wissen Sie, meine Tochter wechselt nach den
Sommerferien die Schule, sie soll zum Gymnasium gehen. Und da möchte ich
einfach nicht, dass der anstehende Tod meiner Frau Luise schulisch belastet.
Na, und für Lasse ist es auch kein Thema."
Wir reden miteinander, ich frage, ob
seine Frau ein Miteinander Sprechen, Aufklären über die endgültige Krankheit gutheißt. Ja, seine Frau würde schon gerne darüber sprechen, sagt er. Das
ist eine gute und wichtige Vorraussetzung, mache ich ihm deutlich.
Ob Luise und Lasse denn schon einmal einen Tod erlebt haben?
Ja, sagt er. Vor zwei Jahren ist die Oma gestorben. Sie war auch krebskrank. Luise
und Lasse haben sie im Nachbarhaus auch krank erlebt. Nein, tot haben beide die
Oma nicht gesehen.
Luise hat also mit sieben und Lasse hat mit fünf Jahren schon einmal eine Krebserkrankung miterlebt. Luise
ist ein intelligentes Mädchen, das im Sommer zum Gymnasium wechselt. Auch Lasse
sei fit, sagt der Vater. (Übrigens: Intelligenz ist eine gute Vorraussetzung
für gute Trauerverarbeitungsmöglichkeiten.)
***
Oma hatte Krebs und ist tot.
Mama hat nun Krebs ... und ...?
Was, und?
Wenn Luise und Lasse diese
Erfahrung gemacht haben, Ähnliches nun erleben, wissen sie sehr wahrscheinlich,
welche Bedrohung da ins Haus steht. Warum sagen sie nichts?
Wollen
sie Papa oder Mama nicht beunruhigen?
Spüren
sie, was da in der Luft liegt?
Was
glauben Sie, würde Ihnen persönlich (als Kind) mehr Angst machen: Die Ungewissheit,
Mama könnte auch sterben? Oder die Gewissheit, Mama wird sterben? Fühlt
sich etwas schlimmer oder „besser" an?
Welche
Chancen verpassen Luise und Mama, Mama und Lasse miteinander, wenn sie
keinen Abschied voneinander nehmen werden?
Wie
traurig ist es, wie gut ist es, sich gegenseitig beweinen zu können, sich
noch etwas Wichtiges zu sagen, sich den Himmel ... und die Erde auszumalen?
Welche
Chancen verpassen Papa, Luise und Lasse, sich gegenseitig vertrauen zu
könnten, und erst recht alle miteinander, also mit Mama jetzt noch dabei?
***
„Ja", sagt der Vater. „Als Oma starb, da haben wir die tote Oma nicht so, wissen Sie, so tot, Luise und Lasse zeigen wollen. Sie kannten das doch noch gar nicht, das Tot-Sein, sie waren doch erst sieben und fünf Jahre alt. Lasse war eh zu klein. Und wir wollten erst recht nicht mit Luise zur Oma, weil es ja eine Urnenbestattung sein sollte. Wir haben dann Luise gesagt: Die Oma ist tot. Und wenn man tot ist, kommt man in die Urne.
Und da sagte Luise: „Und, wer verbrennt jetzt die Oma? Können wir das in unserem Kamin machen?"
Das hört sich jetzt trotz alledem amüsant an, oder?
Ist es auch. Aber es ist auch lehrreich.
***
Da glauben die Eltern, die Kinder wissen nichts, halten deshalb
Verabschiedungen und hilfreiche Informationen fern. Und dann wird auf einmal
deutlich: Die Kinder wissen selber schon eine ganze Menge. Finden manche Dinge
logisch, gar nicht so belastend.
Kinder haben anfangs keine emotionale
Erinnerung.
Foto: pixelio / sfelder

Aber das wissen viele Erwachsene nicht und wuseln drumherum, erfinden Umschreibungen,
Halbwahrheiten und werden durch ihre Kinder plötzlich „wachgerüttelt". Oder
sie lassen die Kinder „halt-los" alleine mit eigenen Gedanken, Ängsten und
Fantasien. Wissen ja selber nicht, wo sie stehen.
Und in großer Traurigkeit, in einer neuen Krise (zwei Tode
von nahestehenden Menschen in kurzer Zeit sind schon sehr schwer, kaum ohne
Hilfe von außen zu ertragen) wiederholen Eltern vielleicht das Ganze aus Hilflosigkeit noch einmal.
***
Es wäre jetzt zu „billig", wenn man sagen würde: „Warum machen die Eltern das so falsch!? Warum sagen Sie nicht die WAHRHEIT?"
Eigentlich haben Vater und Mutter jetzt eine einzigartige Chance.
Die
Lebenszeit der Mutter geht zu Ende.
Heute, morgen, nächste Woche, in zwei Monaten.
Vielleicht jetzt, da, wo Sie es hier lesen?
Um diese Chance des Miteinader-Sprechens wahrzunehmen - da brauchen die Eltern wahrscheinlich Helfer. Unterstützung, Hilfe und Aufklärung.
Der Vater trauert um seine Ehefrau.
Die Kinder um die Mama.
Der Vater um die Kinder, die ihre Mama verlieren.
Die Mama trauert um ihr Leben. Sie trauert wahrscheinlich
auch um das Leben ihres Ehemannes und um
das ihrer Kinder - ohne sie.
Die Eltern von Luise und Lasse bemühen sich, nicht falsch zu handeln. Sie wollen ihren Kindern Gutes tun und reagieren aus Unwissenheit, aus Trauer, aus Angst, aus vielleicht Nicht-mehr-reagieren-können.
***
Sie brauchen Freunde, Nachbarn, Hospize, Krankenhauspersonal, Lehrer, Pädagogen, Seelsorger - all die Helfer, die es eigentlich in der Zeit der Krankheit geben müsste, um zu unterstützen, zu informieren, vielleicht bei Bedarf und Wunsch eine Weile zu begleiten.
Und die Nachbarn, Freunde, Hospizler, Krankenhauspersonal, Lehrer, Pädagogen und Seelsorger, ganz besonders die Hauptamtlichen, müssten sich in unbelasteten Zeiten informieren, weiterbilden im Bereich der Familientrauerbegleitung - weil es jederzeit wichtig sein kann - sein könnte.
Für den Nächsten, aber am Ende eines Kreislaufs immer auch für sich selbst.
Für sich selbst.
Verstehen Sie, was ich meine?
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