Das steht aber nicht im Lehrplan!
Warum Trauer auch in die Schule gehört

Ein Sozialarbeiter meldet sich. Es gibt einen Jugendlichen aus dem Kosovo, dessen Vater vor einem Jahr plötzlich und unerwartet gestorben ist. Der Junge ist jetzt 13 Jahre alt, hat noch zwei jüngere Geschwister. Der Junge reagiert Wochen nach dem Tod erst mit Zurückgezogenheit in seinem sozialen Umfeld, dann schwänzt er immer häufiger die Schule. Nach und nach hat er immer häufiger Wutausbrüche zu Hause.
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Die Mutter fragt bei dem Sozialarbeiter nach Unterstützung. Sie trauert selber um ihren Mann, ist um all' ihre drei Kinder besorgt. Was soll aus ihnen werden, so ohne Vater? Wie soll sie es schaffen, alleine ohne ihren Mann? Aber die Frau ist taff, sie sucht Hilfe auf, will selber „mitarbeiten" - so, wie es ja auch eigentlich für Eltern korrekt ist. Gemeinsam mit dem Sozialarbeiter versuchen sie, an den 13-jährigen Sohn „heran zu kommen". Die gemeinsamen Gespräche greifen, der Sohn wird umgänglicher ... jetzt nach Monaten „verkriecht" er sich wieder in seiner Trauer.
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Die Mutter hat meine Adresse erhalten. Bevor sie bei mir anruft, nimmt sie noch einmal mit der Klassenlehrerin ihres Sohnes Kontakt auf. „Ob sie wohl Trauer zum Thema in der Schule machen könne - ohne dabei ihren Sohn in den Mittelpunkt zu stellen? Vielleicht mit einer Geschichte, einem Aufsatzthema „... als ich mal traurig war?"
Was für ein fitte, interessierte, engagierte Mutter - selbst in der eigenen Trauer.
Und die Lehrerin? Die sagt: „Nein. Über Trauer können wir hier nicht reden. Das steht so nicht im Lehrplan. Dafür sind wir nicht zuständig, auch nicht ausgebildet. Da kann ich ihnen leider nicht weiterhelfen."
Das ist unglaublich!! Und leider erlebe ich es immer wieder.
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Die Klassenlehrerin muss und kann keine Trauerbegleitung
anbieten. Da hat sie Recht. Aber im beruflichen Rahmen muss sie darauf
eingehen, den Schüler wahrnehmen. Trauer ist ein gesellschaftliches Thema. Ihr
Schüler, und sicher nicht nur der, ist aktuell - mit schulischen Auswirkungen -
davon betroffen. Das muss wahrgenommen, bei Problemen erst recht thematisiert
werden. Schüler befinden sich in der Regel zeitlich länger in der Schule als zu
Hause. Da muss von Seiten der Lehrer Mitverantwortung übernommen werden, müssen
notfalls auch Fachleute in den Unterricht eingeladen werden.
In jeder Schulklasse sitzen nämlich auch viele Schüler mit Scheidungstrauer. Auch die werden nicht wahrgenommen, wissen ja oft selber nicht, dass ihr Desinteresse, die traurigen, die Hass-, die Aggressions-, die Wutgefühle Trauer sein können. Trauer über die Trennung, Scheidung der Eltern.
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So lange wir in einer Gesellschaft leben, in der Trauer auch im Lehrplan, in der Lehrerausbildung keinen Platz findet, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Amokläufen bei Schülern immer mehr überhand nehmen.
Ganz sicher dürfen wir Erziehungsverantwortung nicht einfach an Erzieher, Schulen, den Staat abgeben. Nein, für die Erziehung unserer Kinder sind wir auch als Eltern verantwortlich - müssen uns selbst in die Verantwortung nehmen. Aber ergänzend dazu brauchen Familien ein System drumherum, das auch da anpackt, wo es auf einmal schwierig, ja auch traurig wird.
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In der kommenden Woche werde ich die Familie kennenlernen. Die Schule später auch.
Ich erlebe viele gute Lehrer und Lehrerinnen. Das möchte ich
auch benennen.
Aber so eine Lehrerin, von der ich heute Morgen hörte,
erlebe ich leider noch häufiger. Und das macht mich furchtbar wütend!
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06.05.2010, 00:33
Mechhtild Schroeter-Rupieper
Danke Kerstin und Frau Kruse für die Rückmeldungen zum Blog. ...ich habe da eine interessante und gleichzeitig bedauernswerte Feststellung gestern machen müssen. Ich habe den Inhalt des Blogs als Anhang meines Lavia Newsletters veschickt. Innerhalb von wenigen Stunden haben 2 Schulen, eine Gesamtschule und ein Gymnasium, darum gebeten, aus dem Verteiler genommen zu werden. War das Zufall? Vielleicht und hoffentlich. Denn "bewußt" wäre schade, für die Schüler - aber auch für die Lehrer.
30.04.2010, 13:03
Elke Kruse
Mein Sohn war sechs Jahre alt, als mein Mann starb. Ich tat ihn auf eine Waldorfschule, da ich dachte, das man hier mit Trauer besser umgehen kann. Aber weit gefehlt! Die lehrerin wollte meinen Sohn auf eine Sonderschule schicken, weil er so "bedürftig" war. Mein Sohn war in tiefer Trauer um seinen Vater !! Ich tat ihn sofort auf eine normale Schule, wo wir zum Glück eine sehr tolle Lehrerin fanden. Das ist schon sehr lange her (14 Jahre). Aber es empört mich immer noch, wie Pädagogen unter anderem mit Trauer und Gefühlen der Kinder/Jugendlichen umgehen. Elke Kruse
30.04.2010, 11:47
Kerstin
Der Artikel hat mich tief berührt. Im August letzten Jahres habe ich ganz unerwartet meine Mutter verloren, die natürlich "schon" 72 Jahre war. Mein Sohn, der eine Lese-Rechtschreibschwäche hat, sich mit Veränderungen unglaublich schwer tut, weil er sehr sensibel und einfühlsam ist, kam auf das Gymnasium. Obwohl ich im Vorfeld Aufklärung betrieb, hat niemand es wirklich verstand. "Ja er hat seine Oma verloren, aber das ist doch schon fünf Monate her. Das kann bei seinen Schulproblemen keine Rolle spielen." "Das soll die Lese-Rechtschreibschwäche verstärken? Wieso?" Ich bat nur darum meinem Sohn Luft zu geben für all die Veränderungen. Keine Chance. Zum Glück hat er uns, seine Familie. Wir machen ihn Stark, geben ihm Halt. Dennoch stehe ich dieser Situation von meinen Gefühlen völlig hilfslos gegenüber. Und dann werde ich im Gespräch als emotional bewertet. Ich bin Unternehmerin - meine Mitarbeiter(innen) bekommen Menschlichkeit in ihrem Arbeitsumfeld und ich übernehme die soziale Veranwortung. Hoffen wir, dass diese Werte in unserer Gesellschaft wieder mehr eine Rolle spielen.




