Trauernden Familien helfen
Sie sind als Unterstützerinnen gefragt

Die Trauer über den Tod eines Kindes oder eines Elternteils belastet viele Familien. Und viele unter ihnen können sich eine Begleitung in dieser Zeit nicht leisten. Öffentliche Unterstützung gibt es für dieses "Vergnügen" nicht. Aber einen Förderverein.
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Ich besuche die Familie aus dem Kosovo, von der ich im vergangenen Blog erzählt habe. Mir öffnen zwei Leute, eine junge Frau, die perfekt Deutsch spricht, mit ihrem 13 Monate alten Sohn auf dem Arm. Sie lebt schon seit ihrer Jugend in Deutschland, ist Bäckerei-Fachverkäuferin. Seit der letzten Krankheitsphase ihres Mannes konnte sie nicht mehr arbeiten gehen. Jetzt, alleine mit drei Kindern (13, 10 und 13 Monate alt), ist ihr das Berufstätigsein weiterhin vorerst nicht möglich.
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Ich spreche zuerst mit ihr, das Kleinkind ist dabei. Die Jungs verstecken sich. Ist ja auch peinlich, wenn eine unbekannte Frau zu ihnen nach Hause kommt, um sie auf die Trauer um den toten Vater anzusprechen. Erst recht, weil sie doch das Gespräch darüber meiden ... außer, wenn die Wut, die Angst, ja - die Trauer zu groß wird und der Ältere die Mutter anschreit: „Du weißt ja gar nichts! Du hast noch deinen Vater und ich habe keinen mehr!"
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Ich klopfe an ihrem Zimmer an, werde mit skeptischem Blick
eingelassen.
Ja, ich darf mich mit auf das Bett des 10-Jährigen setzen,
einen Stuhl gibt es nicht im Raum. Stelle mich vor, erzähle, was mein Job ist.
Erzähle, warum ich bei ihnen bin.
Weil ich über Peter, einen Sozialarbeiter, von ihnen gehört
habe.
Weil ihre Mutter mich um Unterstützung gefragt hat.
Weil sie durch den
Tod des Vaters neben der Traurigkeit auch manchmal Stress miteinander, aber
auch in der Schule hätten.
Sie hören zu. Ich erzähle von anderen Jungs in ihrem
Alter, was denen in der Trauer geschehen ist. Ich muss nichts erfinden, um
Parallelen aufzuzeigen. Viele Trauerreaktionen ähneln sich. Die Jungs hören
weiter zu, nicken manchmal.
Als das Thema „Schule und Konzentrationsstörungen"
auftaucht, reagieren beide körperlich. Setzen sich aufrechter hin, wachsam, der
Jüngere fällt mir ins Wort. Ja, er könne auch nicht mehr so gut lernen und die
Lehrerin habe einmal zu ihm gesagt, er sei faul.
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Ungerechtigkeiten verletzen in der Trauer umso mehr, das
Nervenkostüm liegt blank. Er wird im Sommer von der Grundschule zur Realschule
wechseln, hofft, dass seine Zensuren wieder besser werden.
Der 13-Jährige, ein schüchterner Typ, erzählt erst auf mein
Fragen hin. Dann erzählt er immer mehr.
Dass er seinen Vater nicht im
Krankenhaus besuchen wollte und nun so ein doofes Gefühl deshalb habe.
Dass er
manchmal gar nicht glaube, dass er tot sei.
Dass er, wenn er wütend sei - und das
sei er oft - seinen Bruder hauen würde. Sein Bruder grinst und nickt dazu. Er
weiß wohl, dass so etwas bei Brüdern vorkommt ...
Von Englisch, wo er von einer 2 auf eine 4 runtergerutscht
ist, davon, dass Schüler anderer Klassen ihn auf dem Schulhof ärgern:
Angefangen hat es in der Woche, als sein Vater starb. Sie sprechen ihn erst an,
er weiß nicht, was er sagen soll ... und dann geht es los. Schubsen, mit Worten
provozieren, auslachen ... Die Lehrer in der Aufsicht bekommen es nicht mit.
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Ich habe selbst vier Kinder. Einer davon ist 13 Jahre alt. Ich war auch mal 13. Kann mir gut vorstellen, wie es sich anfühlt, auf dem Schulhof so gedemütigt zu werden. Als Junge nicht nur vor den Mädchen, sondern vor allen und natürlich vor sich selbst.
Das ist auch seine Erklärung dafür, warum er die Schule öfters schwänzt, nicht mehr hingehen möchte.
Schulwechsel könnte hier ein Thema werden - es sei denn, die Schule geht auf die Problematik Mobbing und seine Klassenlehrerin (von der ich im vorherigen Blog geschrieben habe) auf das Thema Trauer ein.
Und dann kommt da plötzlich noch ein Satz: „Am meisten wünsche ich mir einen großen Bruder. So ungefähr 19 Jahre alt." Sein 11-jähriger Bruder nickt. Auf meine Nachfrage, warum, bekomme ich die Antwort: „Unser Vater ist ja nicht mehr da. Und wenn jetzt mal was wäre, dann könnten wir sagen: „Das sagen wir unserem großen Bruder!"
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Ich verabrede mit den Jungs ein weiteres Treffen, jeder für sich, höchstens eine halbe Stunde lang. Sie willigen ein. Der jüngere sofort, fröhlich dabei, der ältere ruhiger, nickt und spricht die Zusage dann auch aus. Verlässt mit mir das Zimmer, um mit in das Wohnzimmer zu kommen, in dem die Mutter in meinem Buch über Trauerreaktionen bei Kindern, das ich ihr mitgebracht habe, sitzt und liest.
Gemeinsam suchen wir einen Termin, ich verabschiede mich - vier Leute bringen mich zur Tür. Wie schön!
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Auf dem Nachhauseweg gehen mir viele Gedanken durch den Kopf. Es ist Samstagabend, eines meiner seltenen freien Wochenenden. Ich habe den Trauerbegleitungs-Besuchstermin mit hinein genommen, weil unter der Woche tatsächlich keine Zeit dafür da ist - auch wenn es dringend ist. Wie soll ich die Familie in meinem „Plan" unterbringen? Und dann kommt mir ein Gedanke:
Zu Hause angekommen frage ich einen 18-Jährigen, der seit
einem Jahr in der Kindertrauergruppe mithilft, wenn wir Unterstützung brauchen.
Ab der kommenden Woche wird er die Familie ein- bis
zweimal die Woche für eineinhalb Stunden besuchen. Mit den Jungs reden und ihnen bei
den Hausaufgaben helfen. Sich bei Schwierigkeiten bei mir melden. Für 15 Euro
pro Treffen. Für ihn ein guter Job neben der Schule, gleichzeitig interessant,
weil er sozial „gut drauf" ist. Für die beiden Jungs sicher kein großer Bruder,
aber vielleicht auf Dauer ein großer Kumpel. Für mich eine gute Entlastung,
eine gute Trauer-Unterstützungsmöglichkeit, die sicher Kreise ziehen könnte.
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Betroffene Familien gibt es viele, die in finanzielle und dadurch u.a. auch in "schulische Not" geraten. Es gibt sicher auch viele junge Leute, die sich (gerne auch mit kleinem Taschengeld) sozial engagieren würden. Und gleichzeitig kann es manchmal als Nebeneffekt das soziale Miteinander zwischen Migranten und Deutschen fördern - erst recht, wenn es nicht in Gruppen, sondern im persönlichen Rahmen innerhalb einer Familie geschieht.
Ich selbst werde den Kontakt zur Mutter vorerst einmal monatlich halten, ihre Jungen haben im Gespräch schon die Teilnahme an der Kindertrauergruppe zugesagt.
Für die Begleitung der Kinder und die Unterstützung der
Mutter kann ich dieser Familie nichts berechnen, es ist kein Geld dafür da.
Die
Arbeit des Jugendlichen zahle ich erst einmal selbst. In Städten, in denen es
den Nothaushaltsplan gibt, ist in der Regel wenig oder keine finanzielle
Unterstützung für trauernde Familien vorgesehen. Und für die Krankenkassen ist
Trauerbegleitung Privat-„Vergnügen".
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Es gibt einen Förderverein Trauerbegleitung e.V., der helfen
könnte. Aber auch der benötigt Geld.
Ich möchte Sie einladen, trauernde
Familien, Eltern und Kinder, zu unterstützen. Denn Familien, die Bedarf an
Begleitung haben und - das ist mir für die Arbeit wichtig - motiviert sind und mitarbeiten,
um etwas zu ändern, kenne ich
reichlich.
Ich möchte Sie einladen, dem Förderverein Trauerbegleitung e.V. finanzielle Unterstützung anzubieten.
Weitere Informationen hat die Vorsitzende des Fördervereins ulla.wichmann@web.de.
Was halten Sie davon?
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