Glück gehabt? Pech gehabt? Glück gehabt!

Die Garantie eines langen Lebens hat keiner in die Hand versprochen bekommen. Dass das Leben jederzeit zuende sein kann, muss uns nicht in jeder Minute bewusst sein, aber hin und wieder daran zu denken, hilft achtsam zu sein - und vorausschauend.
***
Am Donnerstagnachmittag saß Gina, eine Mitarbeiterin aus der Kindertrauergruppe noch bei uns auf der Terrasse. Danach fuhr sie mit dem Fahrrad nach Hause. Das Wetter war gut, der Weg ok, so ungefähr 25 Minuten lang. Am Abend dann eine Schreck-Nachricht ihrer Schwester an meinen Sohn: Gina liegt im Krankenhaus!
Kurz vor ihrem Zuhause überquerte sie einen Zebrastreifen. Ein Autofahrer kam mit ca. 50 km näher und übersah sie. Gina flog auf die Windschutzscheibe, dann 8 m durch die Luft.
Sie kam zu sich, als Menschen sie ansprachen, eine Frau ihr Handy nahm und die Mutter informierte. Diese, 3 Minuten vom Unfallort entfernt, war schnell bei ihrer Tochter.
Gina lag eine Woche im Krankenhaus, Schädel-Hirn-Trauma, Fuß gebrochen, Prellungen am Körper. Sonst nichts.
Sonst nichts? „Wir haben einfach Glück gehabt! Einfach nur Glück gehabt!", sagt ihre Mutter.
„Ja, ich habe Glück gehabt", sagt Gina.
***
„Glück gehabt?", mag da so mancher fragen. Das war doch Pech. So nah vor dem Zuhause, auf dem Zebrastreifen - angefahren, durch die Luft geflogen. Krankenhaus. Fuß gebrochen. Das nennt man Pech!
Ginas Mutter ist Krankenschwester auf der Kinder-Intensivstation.
Gina arbeitet in der Kindertrauergruppe mit.
Beide wissen, wovon sie reden.
Da gibt es Familien, in denen Kinder verunglückten - tödlich
oder anders tragisch, ein Leben lang behindert, im Koma ... Ginas Mutter weiß, wie
sie Glück definiert.
In den Gruppen haben wir Kinder, deren Eltern durch einen Verkehrsunfall tödlich verunglückten. Auch Gina, weiß, wovon sie redet.
Und der Unfall macht deutlich: Es gibt keinen absoluten Lebensschutz.
... kein Zebrastreifen, kein „in der Nähe von Zuhause sein".
... keiner hat die Garantie langen Lebens in die Hand versprochen bekommen, keiner kann diese Garantie kaufen.
***
Das ist auf der einen Seite erschreckend, auf der anderen Seite macht es uns deutlich:
Nutze dein Leben, nutze deinen Tag. Mache - macht miteinander- was Gutes daraus. Das mag nicht so an jedem Tag gelingen, aber auch das ist menschlich.
Und: Achtet auf eure Lebens-Haltung. An dieser Stelle, ohne Schönrednerei: Glück im Unglück... Alles hat mindestens zwei Seiten, auch wenn sie nicht sofort deutlich zu sehen sind. Übt diese Haltung schon in guten, in normalen Zeiten ein. Dann könnt ihr auch in Krisen darauf zurückgreifen.
Laufe nicht mit dem Gedanken ständig herum, dies könne der letzte Tag deines Lebens sein. Solch ein ständiger Gedanke schränkt Lebensqualität und Lebenslust ein.
Aber mache es dir hin und wieder bewusst, egal, wie alt du bist. Handle auch, aus deiner dir möglichen Verantwortung heraus, vorausschauend.
***
So, das sind also die Weisheitstipps der Trauerbegleiterin, mögen jetzt einige denken.
Ja, ich versuche tatsächlich, danach zu leben, was mal mehr, mal weniger gelingt.
Das bedeutet auch, dass
- mein Mann und ich ein Testament verfasst haben
- dass wir überlegt haben, bei wem die Kinder - im schlimmsten Falle - leben könnten, wir beide sterben würden.
- ich eine Patientenverfügung für mich ausgearbeitet habe
- ich einen Organspendeausweis bei mir trage
- ich dankbar bin für gute Momente, für meine Familie, für gute Begegnungen. Und das auch so benenne.
Gina und Clara, zurück aus dem Krankenhaus
... und noch mal zurück zu Gina und hiermit ein Gruß per
Internet nach Gelsenkirchen-Schalke: Schön, dass es Dir wieder besser geht! Wir freuen uns,
wenn Du wieder in der Gruppe dabei bist ... „gerne" auch mit Gips :-), den
möchten Dir nämlich fast alle Kinder beschreiben und bemalen.
Tweet
zurück
29.05.2010, 21:54
susann
Hallo Als Mutter von Gina hier eine kurze Rückmeldung zum Blog. Ja, ich las ihn und bekam sofort wieder eine Gänsehaut und bin glücklich und dankbar. Erst recht, wenn ich das hier so sehe, aus einer anderen Perspektive, dann wird mir noch mal bewußt, das es etwas Besonderes ist, das schwarz auf weiß zu lesen...
28.05.2010, 18:33
Agnes Hümbs
Ihre Vorsorge-Gedanken ohne die große Panik finde ich sehr weise. Vorsorge schenkt in zwei Richtungen: ins gegenwärtige Leben hinein die Beruhigung und das Sicherheitsgefühl, dass man seiner Verantwortung nachgekommen ist - und in die Zukunft hinein eine kleine Wirksamkeit unserer Liebe und Fürsorge an diejenigen, die dann trauern. Die Dankbarkeit, noch am Leben zu sein, entsteht auch bei Menschen, die schwere Krankheiten überlebt haben, in der Regel wie von alleine. Für sie ist es keine Selbstverständlichkeit mehr, dass es sie noch gibt. Das ist etwas Besonderes geworden. Einige geben einen kleinen Einblick in ihren Weg auf www.gesund-mit-krebs.de. Aber auch als sogenannte "Normale" tut es gut, das Leben immer mal als besonderes Geschenk zu genießen.




