Meine Kinder und ich fahren Rad

Meine Kinder und ich fahren Rad. Ich habe ein dickes, sicheres Fahrrad mit zwei großen Körben für Einkäufe, Schulranzen und Sporttaschen. Mein Fahrrad schaltet automatisch sein Licht an, wenn es dämmrig wird. Die Schläuche sind quasi unverletzlich. Es ist ein großartiges Fahrrad. Ich liebe es, darauf zu fahren.
Rad fahren trainiert die Muskeln, den Gleichgewichtssinn, das Reaktionsvermögen, man ist an der frischen Luft, man fliegt dahin, all das ist gut für die Gesundheit und die Seele. Mich macht Radfahren glücklich. Ich möchte, dass auch die Kinder Rad fahren. Sie müssen die Welt nicht ändern. Aber Radfahren sollen sie, wenn sie einmal groß sind. Also fahre ich, statt am Computer zu sitzen, mit ihnen Rad. Das ist eines der vielen großen, mütterlichen Opfer, die keiner sieht. Denn es gibt auch für entspannte Radlerinnen wie mich nichts Schlimmeres, als mit Kindern Rad zu fahren.
Fahre ich mit den Kinder Rad, geht es meinen Nerven etwa so wie den Karotten, die wir täglich verspeisen: die schützende Schicht wird allmählich abgeschält. In unseren Straßen ist es eng, mittendrin parken Autos und Laster, auf den Gehwegen haben die Cafés und Restaurants Tische und Stühle platziert, überall sind Menschen und Gefahren. Vor mir rast mein Zehnjähriger das Kopfsteinpflaster entlang, neben mir, auf dem Gehweg, tritt der Siebenjährige so heftig in die Pedale, dass Körper und Rad schaukeln wie ein Segelboot im Sturm. „Achtung Ausfahrt!", brülle ich und „Stoooooopppp!" An der Kreuzung sage ich: „Ihr dürft nicht so schnell fahren! Achtet auf den Verkehr." „Jaja", sagen meine Kinder.
Foto: Albrecht E. Arnold / pixelio.de
Dann treten sie in die Pedale und beginnen zu quatschen. Mit
dem ersten Pedaltritt ist sozusagen auch der Erzählfluss in Gang gekommen. Der
größere quatscht, der kleinere quatscht, sie fahren Rad und quatschen, was das
Zeug hält, über die parkenden und die fahrenden Autos und all die Passanten
hinweg, und beim Quatschen nehmen sie ganz allmählich wieder Fahrt auf, der
eine schielt zum anderen, jeder will ganz vorn sein, die Helme flitzen, ich
rase hinterher, aber ich bin zu langsam, mein Fahrrad ist schwer. An der roten
Ampel die Vollbremsung, gerade noch rechtzeitig. Im Traum sehe ich, wie sich
meine Kinder ineinander verkeilen, ich sehe niedergemähte Passanten, Autotüren,
die sich im falschen Moment öffnen, durch die Luft geschleuderte Kinder. Ich
wünsche mir Straßen ohne Abbiegungen und ohne Autos und Lastwagen und Passanten
und andere Radler, eine ewige, weite Welt, in der Kinder glücklich sein und
rasen und quatschen, ja fliegen können auf ihren Rädern, ohne jegliche Gefahr.
„Na, was habt ihr heute gemacht?", fragt mein Mann am Abend.
„Wir waren Radfahren!", sage ich.
„Darum siehst du so entspannt aus!", sagt mein Mann.
Tweet
zurück




