Mein Mann und das Risiko

10.06.2010, 13:41 von Monika Goetsch

Am Wochenende waren wir auf einer Burg. Wir sind häufig auf Burgen, mein Mann und die Kinder lieben Burgen und Ruinen. Allerdings verläuft das Erklimmen einer Burg nicht immer friedlich.



Das liegt mal daran, dass mein Mann noch das verkommenste Waldstück, an dem mal eine alte Mauer stand, als Burg anpreist. Es liegt aber auch daran, dass mein Mann, seiner Burgenliebe zum Trotz, Höhenangst hat und keines der Kinder je auf einer Burgmauer herum klettern lässt. Das Risiko, sagt er, ist ihm zu groß.

- Was für ein Risiko?, frage ich regelmäßig, also auch diesmal. Die Mauer ist bestimmt zwei Meter breit. Kein Kind stürzt eine zwei Meter breite Mauer herunter. Im Gegenteil, sage ich: Kinder sollen die Chance haben, sich auszuprobieren. Ihre Muskeln zu stärken. Den Gleichgewichtssinn zu üben. Nur dann bewegen sie sich sicher durchs Leben.
- Es könnte was passieren, sagt mein Mann schmallippig.
- Wenn einer sie zum Absturz bringt, dann du mit deiner Angst!
- Welche Angst? Sie sollen von dieser lebensgefährlichen Mauer runter. Das ist alles, sagt mein Mann.

Ich könnte mich an diese Macke gewöhnen, wie ich mich daran gewöhnt habe, Straßenschuhe, Größe 43, unterm Sofa zu finden oder leere Käseverpackungen im Kühlschrank. Aber ich gewöhne mich nicht daran.

Vor ein paar Jahren habe ich nämlich zwei Dinge gelesen, die mich seither beschäftigen: Beruflicher Erfolg, so eine Studie, hänge mit der Bereitschaft zum Risiko zusammen. Je risikobereiter der Mensch, so die These, desto erfolgreicher. Und: Risikobereitschaft vererbe sich von Eltern zu Kindern.

Foto: Thomas Max Müller / pixelio.deIm Lichte unserer Burgwanderungen zwei bemerkenswerte Erkenntnisse. Manchmal schaue ich meinen Mann von der Seite an. Um wie viel erfolgreicher wäre er mit einem Hobby wie Klettern oder Fallschirmspringen? Und vor allem: Wie erfolgreich wären dann seine Söhne? Ich stelle mir eine hellgelbe Stadtvilla mit großem Garten vor, ein Wochenendhaus am Starnberger See, sechs Paar neue Schuhe pro Saison, eine Putzhilfe, die jeden Tag kommt und zwei so erfolgreiche Söhne, dass ich täglich in der Zeitung von ihnen lese. Kinder, denke ich, brauchen nicht nur gute Gene, sie brauchen auch vernünftige Vorbilder.

Vorsichtig setze ich einen Fuß auf die Mauer und balanciere ein wenig nach vorn, Richtung Turm. Die Kinder, denke ich, werden mir folgen. Ich erlaube es ihnen. Man muss keine Rücksicht nehmen auf eine alberne Höhenangst. Rechts ist es nicht tief. Lächerlich, denke ich. Aber links. Links der unebenen, gar nicht so breiten Mauer geht es gefühlte Hunderte von Metern hinunter ins Tal. Meine Knie werden weich. Ich spüre den Schwindel kommen, von ganz unten hier hinauf, in die viel zu lichte Höhe.

Nichts für mich, denke ich und lasse mich langsam auf der niedrigen Seite der Mauer runter. Natürlich springe ich nicht. Bei einem Sprung aus anderthalb Meter Höhe könnte ich mir den Fuß brechen oder immerhin verknacksen, ich könnte auf einem Stein aufkommen und nach vorn kippen und mir das Knie so blutig schlagen, dass wir keinen Schritt mehr weiter kommen. Ich könnte sogar der Länge nach hinschlagen und auf den Kopf fallen und eine Gehirnerschütterung bekommen und mich übergeben müssen und nicht mehr wissen, wer dieser Mann ist, der da gerade mit einem triumphierenden Lächeln vor mir steht.
- Na?, sagt der Mann.
- Zu riskant für die Kinder, sage ich.






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14.06.2010, 00:38
Gudrun Böker,www.gbseminare.de
Ich möchten lieber schreiben : Ich und mein Risiko oder wer nicht wagt, der nicht gewinnt Als Kommunikationstrainerin sollte mein Part Teamfähigkeit für Auszubildende als Outdoor-Training im Süden umgesetzt werden. Dazu sind die Meinungen durchaus zwiespältig. Meine Meinung vor Ort wurde daher erwünscht und ich überlegte intensiv, ob ich mir das bei meiner Höhenangst zumuten sollte, zumal mich die Teilnehmer kannten. Ich wagte und gewann: ich seilte mich bei Dunkelheit an einem Felsen ab, schwang mich über einen Fluss, kraxelte etliche Meter an einer Wand empor und vieles mehr. Ich schaffte das, was ich mir kaum vorstellen konnte und das zudem/oder nur? mit Hilfe der Gruppe - Fazit: ein tolles Erlebnis, eine für mich wichtige Erfahrung mit befreiendem Ergebnis. Seitdem gehe ich mit Höhe/Risiko anders um und mir ist zudem bewusst geworden, wie sehr ich damit auch meine Umgebung prägen kann.

12.06.2010, 15:44
Agnes Hümbs, www.ethikconsult.de
Das Tolle an der Geschichte ist, dass Frau Goetsch selbst ausprobiert hat, wie ihr Verhältnis zum Risiko ist. Nicht einfach glauben, was der andere sagt. Und einfach das Gegenteil behaupten ist genauso falsch. Aber es durchkalkulieren, möglichst real, das macht eine unbekannte Situation einschätzbar. Danach weiß ich, ob ich sie mir zutraue oder nicht. Oder welche Sicherheitsleinen ich gerne dabei hätte, wenn ich das Wagnis einginge. Vielen Dank für diesen anregenden Text!!!

11.06.2010, 23:53
Sassenach
Abgesehen davon, dass ich es niemals so treffend hätte formulieren können, könnte der Text auch von mir sein! Traumhaft! ;-) Was lernen wir denn nun daraus: müssen wir uns doch dran gewöhnen? ;-)


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Kinder haben und berufstätig sein: das passt nicht ganz so gut zusammen wie Pommes und Ketchup. Kinder patschen auf der Tastatur herum, schreien, wenn Mama telefoniert und werden grundsätzlich krank vor wichtigen Terminen. Sind sie größer, belauschen sie jedes Telefonat, linsen einem beim Tippen neugierig über die Schulter und stellen anspruchsvolle Fragen: „Was arbeitest du eigentlich, Mama? Du sitzt doch immer nur am Computer herum!" Kinder sind nun mal lustige Zeitgenossen, die einem mehr übers Leben und Lieben verraten als so mancher Erwachsene. Und das Beste ist: Sie mischen den Laden nicht nur gut auf. Sondern sind bisweilen sogar ziemlich inspirierend.

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