Poldi, Poldi!

24.06.2010, 19:05 von Monika Goetsch

Die Kinder haben Ringe unter den Augen. Unter den Ringen sind Deutschlandfahnen gemalt, auf jeder Wange eine. Von weitem sieht es so aus, als hätten sie Schläge abbekommen. Der matte Gang würde dazu passen. In Wirklichkeit ist WM. Wir schauen Fußball, die Kinder, mein Mann und,  ja doch: sogar ich. Wir schauen alle Deutschlandspiele. Zwischendurch versuchen wir zu lernen und zu arbeiten, wie immer.



Aber wie lernt und arbeitet ein Siebenjähriger, der bis tief in die Nacht vor der Glotze sitzt und feiert? Die Lehrer der Kinder, denke ich, werden gnädig sein müssen. Genauso: Meine Kunden. Denn es ist ja so: Je kompetenter die deutsche Mannschaft spielt, desto länger bleibt sie im Spiel; je länger sie im Spiel bleibt, desto häufiger müssen wir Fußball schauen; je häufiger wir Fußball schauen, desto inkompetenter sind wir. Das gilt für Schüler und Autorinnen, vielleicht auch für Lehrer und die Kinder von Fußballspielern selbst. Natürlich haben wir zunächst versucht, die Kinder vom Fußballgucken abzuhalten.

Zu viel Feiern und zu wenig Schlaf ist schädlich, vor allem für Kinder. Nur weil alle Welt Fußball schaut, müssen unsere Kinder ja nicht auch Fußball schauen. Aber als hätten sie´s gewusst, haben die Kinder schon vor Wochen begonnen, eine sehr ernsthafte Fußballleidenschaft auszubauen. Sie bolzen, sie sammeln Paninis, sie parlieren über Fußballer und Fußballmannschaften noch im Schlaf. Wir müssen sie also gucken lassen, alles andere wäre rüde und verspannt. Manchmal allerdings kommen mir Zweifel.

Foto: Wolfgang Pfensig / pixelio.deBeim Spiel Deutschland-Ghana zum Beispiel. Wir saßen auf einer Bank im Hof, Mäuse huschten durch den Sand, der Fernseher stand auf einem Biertisch. Ein paar Kinder hockten in Deutschlandflaggen gehüllt auf dem Boden, riefen „Poldi, Poldi" und „Abgeben!" oder „Spiel dich frei!", beschimpften den Schiedsrichter und die gegnerische Mannschaft und kreischten Fußballlieder. Man könnte sagen: Diese Kinder gebärdeten sich wie die Erwachsenen, vor allem, als das entscheidende Tor fiel. Anders unser Siebenjähriger. Er saß auf der Schaukel und oben, auf der Holzbrücke, er rannte auf dem kleinen Fußballplatz des Geländes herum, kletterte die Rutsche rauf und runter und buddelte im Sand. Ab und zu sah ich ihn, weil er eine Flasche mit Wasser füllen musste. Mal rannte er mit der leeren, mal mit der vollen Flasche am Fernsehbildschirm vorbei.

„Vielleicht solltest du beim nächsten Spiel zu Hause bleiben", habe ich zu meinem Sohn vorm Einschlafen gesagt. „So richtig interessiert dich Fußball ja doch nicht." „Natürlich interessiert mich Fußball! Das war ein schönes Tor in der ersten Halbzeit!" „In der ersten Halbzeit gab es kein Tor!" „Es gab ein Tor! Ich hab´s genau gesehen." Wir haben eine Weile geschwiegen, er und ich, und während wir schwiegen, habe ich überlegt, den Kleinen beim nächsten Spiel zu Hause zu lassen, aber dann müsste ich auch zu Hause bleiben, und ich will nicht zu Hause bleiben, wenn alle Public Viewing machen, auf gar keinen Fall will ich das.

Es ist so nett, neben einer Freundin zu sitzen, Fußball zu schauen, und gemeinsam zu überlegen, welchen Spieler wir am hübschesten finden und ob Herr Löw nun besonders gut oder besonders schlecht gekleidet ist und wie sich das wohl anfühlt, gegen den eigenen Bruder anzutreten, in einem Weltmeisterspiel. Auch mein Sohn hat nachgedacht. Er hat gespürt, dass es auf ihn ankommt, mit ganzer Kraft musste er das schlimme Schicksal abwenden, das da heißt: Zu Hause bleiben. Früh ins Bett gehen. Kein Fußball gucken.

Lauernd hat er mich von der Seite angesehen. „Wie ist das eigentlich mit dem Torraum?", hat er dann gefragt. „Wenn da ein Spieler der eigenen Mannschaft im Torraum ist. Darf der das?" „Was?" „Da stehen. Spielen. Im Torraum der eigenen Mannschaft." „Im Torraum?", habe ich gesagt. „Ach ja", habe ich gesagt. „Der Torraum. Hat der nicht irgendwas mit Abseits zu tun?" Für einen Moment sah mein Sohn aus, als hätte er nicht richtig zugehört. Er hat mir aber zugehört. „Haha", lachte er. „Du tust ja nur so, als ob dich Fußball interessiert."






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27.06.2010, 20:15
Kirstin Hartung
Sehr witziger Artikel, trifft für mich ebenso absolut zu wie für meinen Sohn (5)!


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Kinder haben und berufstätig sein: das passt nicht ganz so gut zusammen wie Pommes und Ketchup. Kinder patschen auf der Tastatur herum, schreien, wenn Mama telefoniert und werden grundsätzlich krank vor wichtigen Terminen. Sind sie größer, belauschen sie jedes Telefonat, linsen einem beim Tippen neugierig über die Schulter und stellen anspruchsvolle Fragen: „Was arbeitest du eigentlich, Mama? Du sitzt doch immer nur am Computer herum!" Kinder sind nun mal lustige Zeitgenossen, die einem mehr übers Leben und Lieben verraten als so mancher Erwachsene. Und das Beste ist: Sie mischen den Laden nicht nur gut auf. Sondern sind bisweilen sogar ziemlich inspirierend.

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